E-Golf: Die Angst des Fahrers vor der Nadel

aus Im Auto Mobil

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Fahrspaß wie im Auto-Scooter, dank der Reichweitenproblematik Gruselmomente wie in der Geisterbahn: der VW e-Golf. Foto: Chowanetz

Es sagt sich so leicht: Ein voll beladener Elektrogolf hat eine Reichweite von knapp 200 Kilometer, bevor er wieder an die Steckdose muss - und das reicht für den typischen...

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. Von Lars Hennemann

Die Climatronic läuft, im Inneren des Golf herrschen angenehme 21 Grad, und mir steht trotzdem der Angstschweiß auf der Stirn. Ich war nie eine Leuchte in Physik, aber sogar ich weiß, dass die Anlage Strom zieht – und das nicht wenig. Also bloß ausschalten das Ding. Denn mein Golf ist kein normales Serienstück des Wolfsburger Bestsellers. Ich sitze in einem e-Golf, also jenem prestigeträchtigen Cousin der braven Diesel und Benziner, der sich ausschließlich von Strom ernährt.

Lektion in Selbstdisziplin

Das Auto ist eine Lektion in Selbstdisziplin. In den knapp zwei Wochen, in denen ich den Wagen etwa 1700 Kilometer quer durch das Rhein-Main-Gebiet bewegt habe, habe ich „Talente“ an mir entdeckt, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass ich sie habe: Bereitschaft zu Askese, kilometerweites Vorausdenken und – ja, auch das – Leidensfähigkeit. Denn man leidet bei jedem Blick auf die Stelle, an der bei „normalen“ Golfs der Drehzahlmesser sitzt. Im e-Golf prangt dort eine blaugrüne Verbrauchsanzeige, deren tanzende Nadel unerbittlich darauf hinweist, wie viel kostbare Energie gerade aus den Batterien gezapft wird. Links ist gut, da passiert nix, oder es wird über die Bremsen sogar nachgeladen. „Rekuperiert“, wie wir Physik-Experten sagen. Ab der Mitte und ab da dann rechts, da beginnt das Reich des Bösen, das dem Strom-Vehikel das Leben aussaugt. Für knapp 200 Kilometer soll es ausreichen…

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Gaspedal als Freßfeind

Also weg mit der Climatronic. Und überhaupt, sind die wahnsinnig in Wolfsburg? Elektrisch betriebene Außenspiegel? Ich seh‘ schon die Nadel tanzen! Nach rechts! Und dann die Fenster: Natürlich Fensterheber! Ich wäre garantiert nicht in die Steinzeit zurückgefallen, wenn ich von Hand hätte kurbeln können. Geht aber nicht. Die Nadel… Zuckt sie schon wieder? Sie tänzelt, sie lacht mich aus: Lass dir was einfallen, wenn du die Maximalreichweite erreichen willst. Na schön…

Wenn man sich dem Duell stellt, macht der e-Golf nach einer Weile richtig Spaß. Der natürliche Gegner, der Freßfeind der Nadel, ist natürlich das Gaspedal. Man muss lernen, es nicht zu mögen. Und das ist gar nicht so einfach: Der Golf fährt sich trotz seines durchaus statthaften Gewichts wie ein Auto-Scooter. An Ampeln hat man keine Gegner. Whoooshhhh, lautlos zischt man davon. Und bereut das sofort, weil die Nadel sich weit nach rechts beugt… Auch die Höchstgeschwindigkeit (theoretisch 140) ist kein erstrebenswertes Ziel. Jenseits der 100 klebt die Nadel rechts regelrecht fest, und die angezeigte Reichweite schmilzt schneller als Margarine in der Mikrowelle. Also 100. Zumindest so lange, bis der freundliche Lkw auf der Autobahn unmissverständlich klar macht, dass er für Öko-Weicheier wenig Verständnis hat.

Goldene Momente auf der Landstraße

Dann doch lieber auf die Landstraßen. Dort beginnen die goldenen Momente: Man lernt, regelrecht zu segeln. Jedes Gefälle wird ausgenutzt oder gar gesucht. Bloß nicht zu scharf bremsen (auch wenn die Nadel dann mal kurz nach links springt). Da lässt sich schon so mancher Reichweiten-Kilometer schinden. Und am Ende steht das Erfolgserlebnis, das man so schnell nicht vergisst: 193 Kilometer mit einer Ladung, mithin also das, was VW auch angibt. Das muss man mit einem Benziner und dessen nur in der Theorie zu erreichendem Durchschnittsverbrauch erst einmal hinbekommen.

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Forderung an den VW-Boss

Ich stehe also zufrieden unter dem heimischen Carport und lade den e-Golf wieder auf. Da biegt der Nachbar um die Kurve. Mit einem nagelneuen GTI. Er grinst, lässt den Motor aufheulen. Ich sehe förmlich die Nadel des Drehzahlmessers tanzen. Nach rechts, wo das Leben spielt! Der e-Golf steht daneben, klagt mich schweigend an. Lieber Herr Winterkorn, machen Sie aus diesen beiden Autos eines! Wie Sie das hinbekommen, ist mir völlig egal. Ich will ja so gerne vernünftig sein, aber ich bin nur ein Autofan, und auch meine Leidensfähigkeit ist begrenzt.

(Lars Hennemann, stellvertretender Chefredakteur dieser Zeitung, ist in einer Stahl-Stadt aufgewachsen. Deshalb hat er großen Spaß an sich bewegenden Metallteilen. Mittlerweile vorzugsweise, wenn sie motorisiert und bereift sind. Sein Fahrbericht zum e-Golf ist an diesem Wochenende im MotorJournal der Rhein Main Presse erschienen)