Digitale Blumen für den Öko-Fahrer

aus Im Auto Mobil

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Bei ökonomischer Fahrweise bauen sich in der Anzeige des Honda Insight in der Mitte Symbole auf, bei denen es sich angeblich um Blumen handeln soll. Die fertige Pflanze oben links ist da schon eher als solche zu erkennen. Foto: Honda

Wer sich ein Auto mit alternativem Antrieb zulegt, wird nicht nur an der Tankstelle belohnt. Viele Hersteller integrieren kleine Gimmicks in das Display, verteilen grobpixelige...

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. Ich traue meinen Augen kaum: Die gewundene Straße ist frei , es besteht kein Tempolimit (außer halt das für Landstraßen übliche) - und der Vordermann juckelt mit 60, bei Gefälle sogar fast 70 km/h vor sich hin. Das wäre - vielleicht - noch zu verstehen, wenn es sich um einen vorsichtigen Fahranfänger mit einem altersschwachen Fiesta handeln würde. Im Wagen vor mir aber fährt ein Autotester-Kollege, der bei anderen Gelegenheiten mehr als einmal zu beweisen versuchte, dass Sebastian Vettel, käme es zu einem direkten Kräftemessen im Auto, keine Chance gegen ihn hätte. Auch das Kriterium altersschwacher Fiesta fällt bei einer Fahrzeugpräsentation naturgemäß aus. Nein, der Kollege steuert - wie ich auch - einen Audi A3 Sportback e-tron, den ersten Plug-in-Hybrid der Vierring-Company. Und der hat eine Systemleistung von 204 PS. Würde also für mehr als 70 km/h reichen.

Aktivierung anderer Gehirnregionen

Des Rätsels Lösung ist ein Satz im Briefing, bevor es auf die Strecke ging: "Der Bestwert auf der Strecke liegt bei 1,9 l/100 km". Und plötzlich werden selbst bei einem verhinderten Rennfahrer andere Gehirnregionen aktiviert. 1,9 l - das muss doch zu unterbieten sein. Denkt´s - und chauffiert den e-tron so vorsichtig durch die Landschaft, dass selbst auffahrende Trecker die Lichthupe betätigen würden, wenn sie denn eine hätten. Ein Einzelfall? Ganz und gar nicht! Bei der Präsentation des Porsche Panamera in seiner steckdosentauglichen Version das gleiche Bild. Mit einem Fahrzeug, das eigentlich nicht für die Schleichfahrt entwickelt wurde, geht es mit 50 km/h (und das ist der abgelesene Tachowert von mir als "Verfolger" - jeder weiß, dass Tachos lügen) im freitäglichen Berufsverkehr über die Landstraßen Oberbayerns. Wahrscheinlich hat mein "Vorfahre" Ohrenstöpsel eingesetzt - oder ist ein Vertreter der Stoiker-Fraktion -, denn das Hupkonzert der Autos in der immer länger werdenden Schlange hinter ihm interessiert offensichtlich rein gar nicht.

Besonderes Ehrgeiz-Gen

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Ist das nun ein besonderes Ehrgeiz-Gen von Autotestern, immer besser zu sein als die Kollegen, und sei es bei einem Minimal-Spritverbrauch? In mir regt sich der Verdacht, dass besagtes Gen, wenn es dieses denn gibt, in jedem Autofahrer verankert ist. Nur so ist es zu erklären, dass die Hersteller von Hybrid- oder reinen Elektrofahrzeugen (und inzwischen sogar von Verbrennern mit Spritspar-Maßnahmen wie Start-Stopp-Systemen) Belohnungssysteme in ihre Fahrzeuge integrieren, zum Beispiel beim Honda Insight digitale Muster, die wohl Blumen darstellen sollen und immer mehr Blüten bekommen, je ökonomischer man fährt. Mercedes kontert mit sachlich nüchternen Balkendiagrammen, aus denen hervorgeht, wie viel Prozent des Optimalwertes bei Spritverbrauch und vorausschauender Fahrweise der Fahrer erreicht hat. Ich gebe offen zu: Ich habe über solche Motivationssysteme immer gelächelt, konnte mir nicht vorstellen, warum man sich über einen im Display blinkenden Pokal für extrem ökonomisches Fahren ein Loch in die Socken freuen kann. Dann aber saß ich selbst in entsprechend ausgestatteten Wagen, ärgerte mich endlos, dass das fünfte Blütenblatt nicht erscheinen wollte, obwohl ich, außer das Fahrzeug zu schieben, alles tat, um den Verbrauch zu senken (Klimaanlage aus bei 30 Grad Hitze draußen, Radio sowieso aus - es hätte nicht mehr viel gefehlt, und ich hätte Zigarettenanzünder und Bordbuch aus dem Fenster geworfen, um Sprit zu sparen). Gleiches bei Mercedes: 98 % ökonomische Fahrweise attestierte mir das Sternenauto. Ein guter Wert, eigentlich, aber wo, verdammt, waren die restlichen zwei Prozent auf der Strecke geblieben?

Selbsthilfegruppen stehen kurz vor der Gründung

Tatsächlich tauschen sich in Autoforen inzwischen am Boden zerstörte Fahrer mit Leidenskollegen aus, warum es denn immer noch nicht mit dem Öko-Bestwert geklappt hat. Bis zur Gründung erster Selbsthilfegruppen ist es wohl nicht mehr weit Auch der nächste Schritt scheint - siehe vorhergehender Blogeintrag - eigentlich auch schon klar: Die Verbrauchswerte werden ins Internet gestellt und mit denen anderer Fahrer auf gleicher Strecke verglichen. Es dürfte dann nicht mehr lange dauern, bis es zu ersten Kurzschlusshandlungen kommt: Garantiert unökonomische Fahrten mit 6000 Touren im ersten Gang durch das reale Blumenbeet des Nachbarn, der sich einen kompletten digitalen Strauß zusammengespart hat.

20 Minuten früher am Ziel

Der vom 1,9-l-Wert Besessene bei Audi hat sein Ziel, mit weniger Sprit auszukommen, nach allem, was ich weiß, übrigens nicht erreicht. Ich kam auf den - immer noch guten, wie ich finde - Wert von 3,8 l/100 km, war 20 Minuten früher an der Mittagsrast - und schnappte dem Trödler das letzte Wiener Schnitzel weg. Ha!