Der Scirocco und das Älterwerden

aus Im Auto Mobil

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der Scirocco der 2000er Jahre hat mit dem Urahn aus den 1970ern außer dem Namen nichts gemein - aber ist das wirklich so schlimm? Foto: Chowanetz

Ein neues Auto mit einem alten, klangvollen Namen versehen - darf man das, auch wenn das Modell von heute mit dem damaligen außer ein paar wenigen Designzitaten kaum etwas...

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. Unschönes Ende einer schönen Fahrzeugpräsentation: Unsanft musste ich feststellen, dass ich in der Gruppe der Autotester, um es vorsichtig zu formulieren, nicht mehr zu den Jüngsten gehöre. Und zu dieser Erkenntnis verhalf mir ausgerechnet eines meiner Lieblingsautos, der Scirocco.

Als Twix noch Raider hieß

Ich muss wohl für diejenigen, die sich nicht oder nicht so richtig daran erinnern können, dass Twix einmal Raider hieß, der Euro DM und es statt M&Ms ähnliche Schoko-Erdnuss-Kugeln gab, die den seltsamen Namen Treets trugen (heute weiß, dass man das englisch aussprechen sollte, dann wurden Treeeeets phonetisch zu Trietz, was wiederum für das englische Wort Treats, Leckerei, steht; Besserwissermodus aus) , ein wenig ausholen. Vor 40 Jahren brachte VW die Natur in die Nomenklatur. Bekanntestes Beispiel war - natürlich - der an den Golfstrom erinnernde Golf. Außerdem gab es noch den nach dem Windsystem benannten Passat - und natürlich den Scirocco, der am heißen Saharawind eine Namensanleihe nahm sollte.

Die schönste Bezeichnung von allen

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Von allen Bezeichnungen, die VW jemals seinen Autos gab, war Scirocco vielleicht die schönste. Und das Auto, das diesen Namen trug, weckte bei Autofreunden Sehnsüchte - selbst wenn sie, wie in meinem Fall, zu Beginn der Scirocco-Ära im Wagen der Eltern noch schön hinten sitzen mussten (Immerhin: Mein Vater hatte einen Autobianchi - und damit konnte keiner meiner Kumpels mithalten).

Wie auch immer: Natürlich habe ich als junger Erwachsener alles darangesetzt, auch einmal am Steuer eines Scirocco zu sitzen. Als das dann klappte, wäre ich am liebsten nie wieder ausgestiegen. 63 kW (die Bezeichnung habe ich erst viel später einzuschätzen gelernt, für mich waren das 85 PS) 1,6-Liter-Vierzylindermotor - irgendwie brauchte man (zumindest im Vergleich zu heute) in den 80-er Jahren nicht viel, um in Sachen Autos glücklich zu sein.

16 Jahre Produktionspause

1992 wurde die Produktion des automobilen Wüstenwinds eingestellt - und nach 16 Jahren Pause 2008 wieder aufgenommen, in diesen Tagen präsentiert Volkswagen das Facelift des "neuen" Scirocco. Und hier setzt die unheimliche Begegnung mit dem Alter ein. Während ich immer noch nicht akzeptieren mag, dass dieses moderne, stromlinienförmige Golf Coupé den gleichen Namen trägt wie der Klassiker, außer einigen bemühten Design-Zitaten mit dem Wagen von einst nichts gemein hat, ist für meinen eine Generation jüngeren Co-Driver der heutige Scirocco schlicht ein, nun ja: Auto, das wie ein Golf-Coupé daherkommt und halt Scirocco heißt. Die bewegte Geschichte des sportlichen Vorbilds aus den 70er und 80er Jahren ist dabei ziemlich irrelevant.

Auch der alte Scirocco baute auf den Golf auf

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Auf der langen Rückfahrt von Köln zur Autoabgabe nach Frankfurt lasse ich meinen Mitfahrer die gesamte Strecke fahren (für die 150 Autobahnkilometer braucht er - bei Einhaltung der zahlreichen Tempolimits - kaum 90 Minuten, ob DAS mit dem alten Scirocco so auch geklappt hätte?), denn ich muss nachdenken. Kann es sein, dass ich VW unrecht tue? Auch der "alte" Scirocco baute schließlich seinerzeit auf dem Golf auf, war im Grunde die Coupé-Variante. Und warum soll man nicht einen alten Namen, der klangvoll ist, wiederbeleben, anstatt seine Autos mit so seltsamen Bezeichnungen wie C´eed, i30 oder Up! (mit Ausrufezeichen, bitteschön) zu versehen? Mein Mitfahrer macht es eigentlich richtig: Er betrachtet das Auto, bewundert die sagenhaften 280 PS des Scirocco R, genießt das butterweich schaltende Direktkupplungsgetriebe - und macht sich keine Gedanken darum, ob es irgendwann schon einmal ein Auto gegeben hat, das den gleichen Namen trug.

...und wie war das doch gleich mit der DS?

Und dann fällt mir ein grantelnder Kollege ein, der sich vor einigen Jahren nicht damit abfinden konnte, dass Citroen die Bezeichnung DS wieder in die Benamung aktueller Modelle aufnehmen wollte. Die Original-DS sei schließlich DIE GÖTTLICHE gewesen, ein Auto, wie so schön nie wieder eins französische Montagebänder verlassen habe - und insofern sei das Buchstabenkürzel unantastbar und die Jungs von Citroen Frevler. Blablabla! Für mich, der die DS mit einer anderen Zeit verband, als französische Autos noch gelbe Frontlichter hatten und der ich besagtes Fahrzeug im Straßenverkehr - zumindest bewusst - als Kind nie zur Kenntnis nahm, war die Tirade des Kollegen unverständlich. Seine Argumentation fand ich altmodisch - und ihn ganz schön alt.

Ganz genau so wie mich selbst, wenn ich über den neuen Scirocco schimpfe.