Der Klang macht’s: Ein Besuch in Seats Akustikwerkstatt

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Vorvorvorvor…..gänger heutiger Seat-Soundsysteme: die Audio-Anlage im 1400B Especial aus den 60er-Jahren. Foto: Seat

Es war ein weiter Weg vom eher schlichten Radio in den Autos der 60er-Jahre zur Soundanlage mit drei- oder gar vierstelligen Wattzahlen und (mindestens) einem halben Dutzend...

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. Von Axel Keldenich

Die Schranke am Eingang zum Entwicklungszentrum im Seat-Werk in Martorell bleibt erst einmal geschlossen. Eine gestrenge junge Dame kommt an die Türen des Shuttle-Busses, sammelt alle Handys ein und klebt die Kameraobjektive ab. Erst als der Schutz des „Allerheiligsten“ so gesichert ist, geht der Schlagbaum hoch und wir dürfen bis zur Akustikwerkstatt weiterfahren. Was so banal klingt, beherbergt einen ganz wichtigen Teil der Entwicklung neuer Autos. Zehn Spezialisten sorgen sich hier um den guten Klang im Fahrzeug, denn – und diese Zahl ist kaum einem bewusst – mehr als 80 Prozent aller Autofahrer nutzen ihre Soundanlage ständig. Solche Anlagen sind die Nachfolger der ersten simplen Radios beispielsweise im Seat 1400B Especial aus den 60er-Jahren, die gerade mal eine Welle empfangen konnten. Immer noch mit Knöpfen zu bedienen, aber schon mit Stationstasten, zwei Lautsprechern und einem Kassettenfach kam der Seat Ibiza in den Achtzigern daher.

300-Watt-Verstärker mit zwölf Kanälen

Wer sich heute in einem der beiden aktuellen Sondermodelle Seat Ibiza Beats und Arona Beats unterhalten lässt, kennt längst keine Knöppkes mehr. Das interaktive Display wird über ein Multifunktionslenkrad bedient und das Soundsystem klingt tatsächlich fast so, wie in einem Konzertsaal. Dafür sorgen ein 300-Watt-Verstärker mit zwölf Kanälen, ein digitaler Signalprozessor, sieben High-End-Lautsprecher, zwei Hochtöner in der A-Säule und zwei Tieftöner in den vorderen Türen, zwei Breitbandlautsprecher hinten sowie ein in der Reserveradmulde eingebauter Subwoofer.

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Okay, das packe ich alles in ein Auto, aber bitte: wo gehört was hin? Genau diesem Punkt widmen sich José Luis Álvarez und sein Team. Bis zu zehn Lautsprecher werden an exakt definierten Stellen platziert, um bei allen äußeren akustischen Einflüssen stets optimalen Sound zu liefern. Klar, dass die Soundexperten deshalb von der ersten Konzeption eines neuen Modells an in die Entwicklung eingebunden sind. Da geht es um das Gesamt-Layout des Interieurs genauso wie um das Material des Lautsprechergrills. Bei all diesen Überlegungen orientieren sich die Seat-Audio-Experten an den gleichen Techniken und benutzen auch die gleichen Werkzeuge wie Architekten von Konzertsälen und Aufnahmestudios.

Eine dieser Techniken ist die sogenannte Frequenzkurven-Entzerrung. Mit ihrer Hilfe lassen sich Bässe und Höhen exakt abstimmen. Weil das Soundsystem nicht nur zum Radioempfang genutzt wird integrieren die Ingenieure in ihre Tests auch andere Quellen wie MP3-Player und Smartphones, und das alles natürlich auch mit den unterschiedlichsten Musikgenres. Ihr Arbeitsplatz dabei ist ein absolut echofreier Raum. Dessen Wände, Böden und Decken absorbieren während der Tests jeglichen anderen Schall. „Letzten Endes sollen sich die Passagiere im Auto vorkommen, als ob sie bei einem Konzert direkt vor der Bühne stehen,“ formuliert Alvarez das Ziel.

Amüsanter Vergleich mit Daten eines Musikfestivals

Genau dieses Originalerlebnis hatten die Besucher der Akustikwerkstatt am Vorabend gehabt, al sie beim renommierten „Primavera Sound Festival“ in Barcelona so unterschiedliche Künstler wie Björk, Nick Cave und Lordi erlebten. Und dass zwischen dem bestausgestatten Seat Ibiza und einer Festivalbühne denn doch noch ein paar Unterschiede bestehen, dokumentierte ein humorvolles Poster im Teststudio. Hier sprechen wir von 300 Watt, dort von 446.400, hier von sieben Lautsprechern, dort von 672, hier von maximal fünf Zuhörern, dort von 5.000, hier von 2500 Meter Kabel, dort von 40.000, hier von einem Verstärker und dort von 64. Und das alles obwohl die „Jahresproduktion“ des Festivals bei 1 liegt und vom Ibiza 150.000 per anno vom Band laufen.

(Axel Keldenich, der Autor dieses Blogeintrags, arbeitet als freier Journalist für Tageszeitungen und Magazine.)