Stilles Ausbremsen im Job: Der Weg auf das Abstellgleis

Das stille Ausbremsen im Job

Bekommen Beschäftigte ständig unnötige Aufgaben oder werden ignoriert, kann das viele Gründe haben. Quiet Firing etwa, eine stille Entlassung. Manchmal ist aber auch einfach die...

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Saarbrücken/Hamburg (dpa/tmn) - . Erst ist es nur ein komisches Gefühl. Doch irgendwann häufen sich die Fragen: Warum habe ich keine Einladung zum Meeting bekommen? Warum werde ich am neuen Projekt nicht beteiligt? Und warum reagiert meine Vorgesetzte nicht mehr auf meine Mails oder sagt ständig Treffen ab?

„Wenn Sie den Eindruck haben, ausgeschlossen zu werden, nichts richtig machen zu können oder gar kein positives Feedback mehr zu erhalten, dann sind das Warnsignale, die Sie ernst nehmen sollten“, sagt die Hamburger Karriereberaterin Ragnhild Struss.

Quiet Firing - die schleichende Kündigung

Jedes dieser Merkmale alleine muss noch nichts bedeuten. Nachrichten können mal untergehen, die Terminkalender von Führungskräften sind in der Regel mehr als ausgelastet. „Doch all diese Verhaltensweisen zusammen lassen ein System erkennen, das stutzig machen sollte“, so die Arbeitspsychologin. Vielleicht möchte der Chef oder die Chefin Sie auf diese Art und Weise loswerden. Stichwort: Quiet Firing - die schleichende Kündigung.

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Darunter versteht man das Verhalten von Arbeitgebern, Mitarbeitende nicht offiziell zu entlassen, sondern sie quasi aufs berufliche Abstellgleis zu schicken. Das Ziel: Sie so frustrieren, dass sie irgendwann von sich aus das Unternehmen verlassen.

Das kann unterschiedliche Ursachen haben: Womöglich liegen keine berechtigten Gründe für eine Kündigung vor, der Arbeitgeber möchte sich aber die Abfindung sparen. Vielleicht sind Mitarbeitende aus Sicht des Unternehmens einfach unbequem geworden oder passen nicht mehr ins Team.

„Dass es sich Führungskräfte einfach machen und sich auf diese Weise von Angestellten trennen wollen, diese Gefahr besteht durchaus“, sagt Struss. Einen Trend sieht sie allerdings nicht.

Unternehmen überlassen Kündigung nicht dem Zufall

Dem Wirtschaftspsychologen Andreas Hemsing zufolge suchen Unternehmen, die einen Beschäftigten wirklich loswerden wollen, eher nach einem aktiven Weg. „Sonst würde ich es ja eher dem Zufall überlassen, ob derjenige auch wirklich ausreichend Leidensdruck entwickelt, um selbst zu kündigen.“

Dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tatsächlich entsprechend behandelt werden, glaubt Hemsing durchaus. „Es ist aber keine bewusste Taktik, sondern eher eine Erklärung für schwaches Führungsverhalten.“ Etwa, wenn Chefs und Chefinnen nicht in der Lage dazu sind, Menschen zu steuern, zu organisieren, Aufgaben sauber zu verteilen oder nach vorne zu denken und Ideen zu entwickeln.

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Quiet Firing als Zeichen für Führungsversagen

Auch Ragnhild Struss sieht die Gründe für Quiet Firing in einer „Unfähigkeit zur Konfliktbewältigung und einem mangelnden Kommunikationsvermögen aufseiten der Führungsebene“: Anstatt Angestellte zur Kündigung zu nötigen, sollten sie lernen, Probleme anzusprechen und diese gemeinsam konstruktiv zu lösen.

Quiet Firing ist der Organisationssychologin zufolge nicht nur auf menschlicher Ebene „eine Katastrophe“. Es ist auch nicht wirtschaftlich: „Nicht nur, dass die Personalkosten unnötig verschwendet werden, indem Mitarbeiter beschäftigt werden, die gar keine echten Aufgaben mehr übernehmen, zusätzlich wird vorhandenes Potenzial nicht genutzt.“ Die „still gefeuerten“ Beschäftigten könnten zum Beispiel an anderer Stelle im Unternehmen durchaus sinnvolle Tätigkeiten übernehmen und wertvolle Leistungen erbringen.

Auf dem Abstellgleis? Gespräch mit der Führungskraft suchen

Was aber bleibt Beschäftigten, wenn sie sich - aus welchen Gründen auch immer - ins berufliche Abseits geschoben fühlen? Als Erstes sollten sie das Gespräch mit dem oder der Vorgesetzten suchen. Es gilt die eigene Wahrnehmung zu schildern, um sie mit der des Gegenübers abzugleichen. „Im besten Fall lassen sich so Missverständnisse aus der Welt schaffen und es stellt sich heraus, dass die eigene Sorge unbegründet war“, so Struss.

Gleichzeitig sollten sich Beschäftigte ehrlich fragen, ob sie selbst ihrer Verantwortung für ihre Aufgaben vollends nachkommen. Hemsing rät, aktiv zu überlegen, was man zur Verbesserung der eigenen Arbeit tun könnte und der Führungskraft die Ideen im Gespräch darzulegen.

Struss empfiehlt, konkrete Lösungsvorschläge anzubieten, wie eine andere Form der Zusammenarbeit aussehen könnte, etwa zu E-Mails oder gemeinsamen Besprechungsterminen. Oder auch von sich aus die Bereitschaft äußern, in ein anderes Team zu wechseln.

Reagiert der oder die Vorgesetzte jedoch auf wiederholte Bitten nach einem klärenden Gespräch nicht, bleibt nur, die nächst höhere Führungsebene einzuschalten. Andreas Hemsing rät, diesen Schritt anzukündigen und zu erläutern, warum man das Problem nun weitertragen muss.

Wie Quiet Firing und Quiet Quitting zusammenhängen

Wer nach allen Gesprächen weiter das Gefühl hat, dass es für die Arbeit im Unternehmen keine vertrauensvolle Grundlage mehr gibt, sollte unter Umständen auch einen Jobwechsel in Betracht ziehen. „Wenn mein Vorgesetzter sich mir gegenüber wenig wertschätzend, kooperativ und konstruktiv verhält, würde ich immer fragen: Will ich hier überhaupt noch arbeiten? Gibt es noch positive Entwicklungsmöglichkeiten für mich?“, sagt Struss.

Es wird jedoch auch Menschen geben, die trotz aller Probleme lieber in ihrem alten Job bleiben und dort nur noch Dienst nach Vorschrift machen wollen. „Es ist eine ganz persönliche und klare Lebensentscheidung von Menschen, die sagen, die Arbeit dient mir nur dazu, mein Einkommen zu sichern. Ansonsten hat mein Leben andere Schwerpunkte“, sagt Hemsing. Ein Phänomen, das in der Arbeitswelt heute schon verbreitet sei und für das es ebenfalls einen englischen Begriff gibt: Quiet Quitting, die stille Kündigung.