Vom Kaffeeanbau in Ruanda zum Elektriker bei den Stadtwerken

Japhet Dufitumukiza war Anfang Mai nach langer coronabedingter Pause wieder in seinem Heimatland Ruanda zu Besuch, unter anderem in Kibuye am Lake Kiwu, einem großen See, durch den die Grenze zum Kongo verläuft. Foto: Japhet Dufitumukiza

Seit 1982, also genau 40 Jahren gibt es die Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und dem zentralafrikanischen Ruanda. Einer, der sich dafür engagiert, profitierte selbst davon.

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. „Ich gucke immer nach vorne – der Rückspiegel von Autos ist schließlich auch viel kleiner als die Frontscheibe!“ Das ist die Lebensphilosophie von Japhet Dufitumukiza. Dabei hätte er viele Gründe, zurückzublicken und mit seinem Schicksal zu hadern. Aber Japhet konzentriert sich auf die positiven Dinge und auf die Zukunft.

Japhet Dufitumukiza war Anfang Mai nach langer coronabedingter Pause wieder in seinem Heimatland Ruanda zu Besuch, unter anderem in Kibuye am Lake Kiwu, einem großen See, durch den die Grenze zum Kongo verläuft. Foto: Japhet Dufitumukiza
Beim Ruanda-Gedenktag, der am 30. April in Gau-Algesheim begangen wurde, berichtete Japhet Dufitumukiza von seinem Schicksal. Zu den Gästen zählten viele ruandische Menschen, darunter auch der Botschafter des Landes sowie Vertreter der rheinland-pfälzischen Landesregierung und des Partnerschaftsvereins. Foto: Günter Frey
Ruanda im Herzen Afrikas wird auch das „Land der 1000 Hügel“ genannt. Dort leben rund 13 Millionen Menschen, allein in der Hauptstadt Kigali sind es rund 1,2 Millionen. Grafik: Peter Hermes Furian - stock.adobe

Kaffeebau und Schulbildung

Der heute 41-Jährige wurde 1981 im Südwesten Ruandas als jüngstes von acht Geschwistern geboren. Bis er 13 Jahre alt war, lebte er mit seiner Familie im Südwesten des Landes. Es wurde Kaffee angebaut – um die Felder kümmerten sich vor allem die Mutter und die Kinder. Der Vater verdiente zusätzliches Geld mit der Baubetreuung von Schulen und Kirchen. Bildung hatte einen hohen Stellenwert in der Familie – alle Geschwister studierten, das war vor allem dem Vater wichtig.

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Familientragödie im Genozid

Dann kam das Jahr 1994 und damit der unvorstellbare Genozid in Ruanda, bei dem die Mehrheit der Hutu die Tutsi-Minderheit auszurotten versuchte. Innerhalb von 100 Tagen fiel dem Völkermord rund ein Viertel der ruandischen Bevölkerung zum Opfer – selbst unter Freunden und innerhalb von Familien machte das Morden keinen Halt. „Ich verstehe das bis heute nicht“, sagt Japhet Dufitumukiza, der damals seine Mutter und sechs seiner Geschwister verlor. Er selbst war zusammen mit Vater und Bruder auf der Flucht – durch einen Fluss, ohne schwimmen zu können, in den Kongo, von wo aus er sehen konnte, wie seine Heimat zerstört wurde.

Nach der Rückkehr war vom Zuhause in Gashonga nichts mehr übrig. Die Lebensgrundlagen waren zerstört und der Vater musste seine Söhne in ein Kinderheim geben, damit sie wenigstens ein Dach über dem Kopf hatten. Der Alltag dort war geprägt von der Traurigkeit der Kinder – wie Japhet Dufitumkiza hatten viele Traumatisches erlebt und ihre Familien sowie ihre Heimat verloren. Einen Lichtblick erlebte der Jugendliche, als er durch die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ erstmals in seinem Leben ein Geschenk erhielt – ein Jojo und andere Spielsachen. „Es gibt jemanden auf der Welt, der an mich denkt“, war das schöne Gefühl, dass sich Japhet Dufitumukiza damals eingeprägt hat. Ein Grund, warum er selbst jedes Jahr Päckchen für die Aktion packt.

Aus Liebe nach Deutschland

Nach seinem Schulabschluss absolvierte Japhet ein soziales Auslandsjahr in Uganda – und begegnete dort einer jungen Studentin aus Mainz, die im gleichen Hilfsprojekt mitarbeitete wie er. Vor allem habe er Englisch lernen wollen, sagt Japhet, und dann traf er seine große Liebe, die heute seit 16 Jahren seine Ehefrau ist. Ein Jahr später war er das erste Mal zu Besuch in Deutschland, 2005 kam er dann, um für immer zu bleiben.

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Unterstützung bekam er nicht nur von seiner heutigen Frau, sondern vor allem von Menschen des rheinland-pfälzischen Partnerschaftsvereins. Mit Thomas Racky und Günter Frey nennt Japhet Dufitumukiza zwei Männer, die damals für ihn da waren und mit denen er bis heute eng befreundet ist.

Im Einsatz fürs Landesfest

Als erstes wollte Japhet Deutsch lernen und dazu war ihm kein Weg zu weit: Weil die Kurse der Volkshochschule in Mainz, wo er lebte, ausgebucht waren, besuchte er die in Wiesbaden. Zu Fuß machte er sich dazu jedes Mal auf den Weg – inklusive Überquerung der Schiersteiner Autobahnbrücke. Ein Auto oder Fahrrad besaß er nicht. Im Jahr 2007 begann er dann eine Ausbildung zum Elektriker bei den Mainzer Stadtwerken, die er erfolgreich abschloss und seitdem im Unternehmen tätig ist. Inzwischen hat er sogar die Meisterprüfung abgelegt – mit finanzieller Unterstützung des Betriebs, der 60 Prozent der Kosten getragen hat, und seiner Freunde, die ihm beim berufsbegleitenden Lernen geholfen haben. Als Mitarbeiter der Stadtwerke sorgt Japhet Dufitumukiza unter anderem mit dafür, dass beim Rheinland-Pfalz-Tag überall dort Strom zu haben ist, wo er gebraucht wird. Und dass das Netz stabil ist, wenn die Stadt Mainz im Mai drei Tage lang feiert: Er hat die Stromanschlüsse geplant.

Familie kennt Ruanda

Auf seinen beruflichen Werdegang ist Japhet Dufitumukiza stolz. Noch nie habe er Sozialleistungen in Anspruch nehmen müssen, erzählt er. „Ich wollte immer etwas erreichen und unabhängig sein!“ Stolz ist er auch auf seinen 14-jährigen Sohn und die elf Jahre alte Tochter. Sie sind die Enkelkinder, die er seinem 2020 verstorbenen Vater gerne schenken wollte. Vor der Pandemie hat die Familie die ruandische Heimat von Japhet Dufitumukiza regelmäßig besucht. Ein wenig Kinyarwanda – neben Englisch, Französisch und Suaheli eine der vier ruandischen Landessprachen – können sie auch sprechen.

Für die Partnerschaft aktiv

In seiner deutschen Heimatstadt Gau-Algesheim setzt sich Japhet Dufitumukiza längst selbst für die Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und Ruanda ein. Gerade erst fand der 28. Gedenktag des Genozids statt, bei dem er von seinem Leben berichtete. Er ist außerdem Mitglied der Arbeitsgruppe „Partnerschaft Gau-Algesheim/Kigina“, die mit verschiedenen Aktionen Spenden zur Unterstützung der ruandischen Partnergemeinde auftreibt. So konnten dort unter anderem Schulgebäude errichtet und ausgestattet, die Wasserversorgung verbessert oder die Schulspeisung der Kinder gesichert werden.

Empathie für Menschlichkeit

Japhet Dufitumukiza, der inzwischen seit 17 Jahren in Deutschland lebt, weiß genau, was er an seiner neuen Heimat mag: „Die Pünktlichkeit ist super“, sagt er. Und er fand es leicht, sich gerade im weltoffenen Rheinland-Pfalz zu integrieren. Den Humor schätzt er in beiden Ländern. Und was er ein wenig vermisst, ist das Grüßen eines jeden anderen, wie es in Ruanda üblich ist. Menschen sollten respektvoll miteinander umgehen und sich gegenseitig mit Liebe und Empathie begegnen: „Dann gibt es mehr Menschlichkeit“, ist er sich sicher.

40 Jahre Partnerschaft von Rheinland-Pfalz und Ruanda

Die Länderpartnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und Ruanda wurde im Jahre 1982 auf Initiative des Ministerpräsidenten Bernhard Vogel ins Leben gerufen und vom Landtag gebilligt. Die damalige Bundesregierung forderte die Länder auf, sich ebenfalls entwicklungspolitisch in den Ländern des globalen Südens – vor allem in Afrika – zu engagieren.

Die direkte Begegnung dort, wo die Menschen im Alltagsleben verortet sind, also unten an der Basis in den Kommunen und auf Augenhöhe, im gegenseitigen Respekt und wohlwissend um die materiellen wie kulturellen Unterschiede – das bildet die Grundlage der Partnerschaft. Im Fokus stehen dabei das gegenseitige Kennenlernen, der Abbau von Vorurteilen und der Wunsch, der Entwicklungspolitik ein Gesicht zu geben. Wichtig ist auch, dass nicht wir Rheinland-Pfälzer wissen, was für Ruanda gut ist, sondern dass sich die ruandische Seite zu ihren Bedürfnissen in Kommunen, in Schulen, in der Landwirtschaft, im Alltagsleben äußert. Das ist ein wesentlicher Ansatz der Zusammenarbeit.

Um diese Kommunikation zwischen den Menschen zu erleichtern, wurde zwei Jahre nach Gründung in der ruandischen Hauptstadt Kigali ein Koordinationsbüro eingerichtet, das mittlerweile um die 16 in der Mehrzahl ruandische Fachkräfte umfasst. Dass diese Partnerschaft sich nun 40 Jahre lang so erfolgreich gestaltet hat, ist wesentlich diesem Büro geschuldet, das die Brücke zwischen beiden Kulturen bildet. Gut 2500 Projekte mit einer Gesamtsumme von etwa 72 Millionen Euro, davon gut ein Viertel durch Spenden, konnten bislang umgesetzt werden. Michael Nieden, Geschäftsführer Partnerschaftsverein Ruanda e.V.

Von VON ANKE GERSIE