Viele Probleme hemmen Wiederaufbau im Ahrtal

Wo einst in Marienthal Häuser standen, sieht man nach der Flutkatastrophe nur noch eine planierte Fläche (Luftaufnahme mit einer Drohne). Die Flutkatastrophe im Ahrtal mit 134 Toten ist einst Thema der Weltpresse gewesen. Längst sinkt auch in Deutschland das Interesse - vermutlich mit Ausnahme des ersten Jahrestages Mitte Juli.  Foto: Thomas Frey/dpa

Auch knapp ein Jahr nach der Flutkatastrophe mit 134 Toten ist Normalität im Ahrtal noch weit entfernt. Die Landespolitik will am Abend über den Wiederaufbau diskutieren.

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BAD NEUENAHR-AHRWEILER. Michael Buschow kann sich noch gut an den Besuch eines Versicherungsvertreters erinnern. "Sie brauchen keine Elementarschadenversicherung, Sie wohnen nicht in einem Hochwassergebiet", habe dieser vor neun Jahren gesagt. Es kommt anders. Die Sturzflut am 14. und 15. Juli 2021 mit 134 Todesopfern im Ahrtal nach extremem Starkregen verwüstet auch Buschows Haus in Ahrweiler. Kurz vor dem ersten Jahrestag der Katastrophe sagt der 62-jährige Beamte: "Unser komplettes unteres Geschoss ist bis heute nicht bewohnbar. Wir können nur im Obergeschoss bleiben." Krieg in der Ukraine, Inflation, Energiekrise, Corona: Buschow befürchtet nach eigenen Worten ein weiteres Schwinden der überregionalen Aufmerksamkeit und Unterstützung für das Ahrtal nach dem Jahrestag.

An diesem Montagabend (4. Juli) wollte auch die rheinland-pfälzische Landesregierung am Nürburgring nahe dem Ahrtal in Debatten mit Flutopfern und Verantwortlichen den Wiederaufbau beleuchten. Regierungschefin Malu Dreyer (SPD) und mehrere Minister hatten sich angesagt. Am 14. Juli, dem Jahrestag der Flut, soll es zudem eine Gedenkveranstaltung im Kurpark von Bad Neuenahr für bis zu 2000 Besucher geben. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird an diesem Tag im Tal erwartet - mit vorerst noch unbekanntem Programm.

Tausende Häuser sind verwüstet worden

Buschow sagt: "Wir kennen viele freiwillige Helfer, die weiter weg wohnen und zu Hause gefragt werden: "Warum fahrt ihr immer noch ins Ahrtal? Das ist doch schon ein Jahr her." Auch in Rheinland-Pfalz heiße es in offiziellen Aussagen: "Wir brauchen keine ehrenamtlichen Helfer mehr, nun sind Fachfirmen beim Wiederaufbau gefragt", erklärt der Beamte. Doch er sei bei seinem Haus weiter auf Freiwillige angewiesen. "Da sind auch viele Handwerker dabei, Elektriker, Fliesenleger, Maurer - nicht nur Schaufelschwinger."

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Tausende Häuser sind bei der etliche Meter hohen Flut im engen Ahrtal verwüstet worden. Immer noch wohnen viele Hochwasseropfer in Ausweichquartieren, immer noch verharren viele entkernte Gebäude im nackten Rohbauzustand, immer noch verschließen Spanplatten viele Fensterhöhlen in Erdgeschossen. Auch die parteilose Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand, hat sechs Meter hohe Wassermassen in ihrem Haus erlebt und wohnt mit ihrem Mann nach eigenen Worten noch "in einer kleinen möblierten Wohnung".

Besonders traurig finde sie den Abriss zahlreicher Häuser noch etliche Monate nach der Flut, weil erst nach langem Trocknen eine zu starke Verseuchung der Mauern mit Heizöl klar geworden sei, sagt Weigand. "Das ist hochemotional, wenn Menschen so ihr Haus verlieren. Die haben dann nicht eine kurze Zündschnur, sondern gar keine mehr", ergänzt die Landrätin, die sich 2021 noch im Amt der Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr als Krisenmanagerin und mit Analysen der Flut im Fernsehen überregional einen Namen gemacht hat.

Ingo Poppelreuter, Hausmeister der teilzerstörten Realschule plus in Altenahr, steht nach eigenen Worten heute noch vor der Frage, ob sein Privathaus wegen Ölverseuchung abgerissen werden soll oder nicht. "Seit elf Monaten warte ich auf eine Entscheidung mit der Versicherung", sagt er. Inzwischen habe er einen Anwalt eingeschaltet. Gegenwärtig wohne er in einem Tiny House, also in einem Minihaus, mit 36 Quadratmeter Wohnfläche für monatlich 200 Euro Miete und 200 Euro Nebenkosten.

Hinzu kommen weitere Probleme beim Wiederaufbau: Handwerker sind oft auf Monate hin ausgebucht und Baumaterialien häufig vergriffen. Die Anträge für staatliche Hilfszahlungen sind kompliziert. Das bestätigt auch Landrätin Weigand. Die Antragsteller seien oft noch traumatisiert, immer wieder werde nach fehlenden Unterlagen gefragt, die Verfahren zögen sich oft zahlreiche Monate hin. Die zuständige Investitions- und Strukturbank (ISB) Rheinland-Pfalz in Mainz betont, sie habe ihr Personal hierfür aufgestockt. Mit hohen Steuergeldsummen müsse sorgfältig umgegangen werden. Auch Gutachter seien nötig. Diese sind allerdings oft ausgebucht.

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Eine wichtige Rolle haben Fluthilfe-Zentren in der Ahr-Region gespielt. Zum 31. Juli sollen sie nun laut einem Kreistagsbeschluss geschlossen werden. Dagegen regt sich auch Kritik. Der Hilfsverein "Ahrche" auf einem einstigen Campingplatz in Ahrweiler hingegen will vorerst weiter arbeiten. Vereinsgründer Lucas Bornschlegl sagt: "Zu uns kommen immer noch jeden Tag 50 bis 100 Leute zum Essen." Er habe die "Ahrche" bereits am 16. Juli 2021 gegründet, mit einer Dusche und Waschmöglichkeiten, Lebensmitteln und einem Stromgenerator. "Da haben die Leute ihre Handys aufgeladen", erinnert sich Bornschlegl. "Die ersten Gespräche waren immer: "Wir leben noch.""

Von Jens Albes und dpa