Sexueller Missbrauch im Bistum Mainz: 53 mutmaßliche Täter,...

Ein an einer Wand befestigtes Kreuz. Foto: dpa

Auch im Bistum Mainz missbrauchten Geistliche über Jahrzehnte Minderjährige. Bischof Kohlgraf übt scharfe Selbstkritik und weist auf Fortschritte hin.

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MAINZ. Mindestens 53 mutmaßliche Täter, mindestens 169 Opfer – auf einer Landkarte des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche wäre das Bistum Mainz mitnichten ein weißer Fleck. Mit seiner eigenen Stellungnahme griff der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf am Dienstagnachmittag den von Selbstkritik und Mitgefühl für die Opfer geprägten Duktus auf, den der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, in Fulda vorgegeben hatte. Die Ergebnisse der Studie hätten ihn erschüttert, ließ Kohlgraf verlauten. Sie zeigten ihm, „dass wir als Kirche einen langen Weg der Aufarbeitung und des Umgangs mit dem Thema sexualisierte Gewalt vor uns haben.“

In einem ersten Schritt versandte Kohlgraf einen Brief an sämtliche Gemeinden des Bistums, darin kündigt er für den 18. November einen Gottesdienst im Mainzer Dom für die Opfer an. Weiter schreibt er: „Wir wollen in diesem Gottesdienst zum Ausdruck bringen, dass wir gemeinsam an der Seite der Betroffenen stehen, ich will sie als Bischof um Vergebung bitten – und deutlich machen, dass wir das uns Mögliche tun, dass die Taten weiter aufgeklärt, aufgearbeitet und in Zukunft verhindert werden.“

Persönliche Begegnung mit Betroffenen

Darüber hinaus will Kohlgraf „in den kommenden Wochen und Monaten“ das persönliche Gespräch mit Betroffenen suchen. denn es genüge nicht, „die Situationen nur aus den Akten herauszulesen“. Diese Begegnungen sollen ohne Öffentlichkeit stattfinden. An der von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragten Studie hatte sich das Bistum Mainz laut eigener Mitteilung mit rund 950 ausgewerteten Personalakten aus dem Zeitraum 1946 bis 2017 beteiligt. Die sich daraus ableitenden Missbrauchsvorwürfe richten sich gegen 50 Diözesan- oder Ordenspriester. Hinzu kämen Vorwürfe gegen zwei Ständige Diakone, die aber gemäß den Kriterien der Studie nicht in die Dokumentation aufzunehmen gewesen seien. Nach Abschluss der Erhebung habe es noch Anschuldigungen gegen einen schon vor Jahrzehnten verstorbenen Priester gegeben. Der älteste dokumentierte Vorfall soll sich 1931 ereignet haben, der jüngste im Jahr 2010. Angaben zur räumlichen Verteilung der Fälle machte das Bistum nicht.

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Zwar werde grundsätzlich jeder Vorwurf des Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche der Staatsanwaltschaft gemeldet, dennoch hätten in den vergangenen Jahren viele Fälle nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden können, weil sie bereits verjährt gewesen seien, heißt es in der Stellungnahme des Bistums weiter. Zusätzlich zu den 18 gerichtlichen Strafverfahren gegen Geistliche seien seit 2001 fünf kirchenrechtliche Verfahren geführt worden. In einem sei der Betroffene aus der Kirche ausgeschlossen worden, eines laufe noch, die restlichen endeten laut Bistum mit geringeren Strafen und Auflagen.

Bislang seien von Missbrauchsopfern 52 Anträge auf Anerkennung erlittenen Leids gestellt worden, davon seien 47 bewilligt worden. Die Zahlen zeigten, „dass bisher bei Weitem nicht jedes Opfer bzw. jeder Betroffene von sexuellem Missbrauch einen solchen Antrag gestellt hat“. Die Summe der ausgezahlten Geldbeträge belaufe sich auf 275_000 Euro. Außerdem habe das Bistum 93.000 Euro an Therapiekosten übernommen.

„Vertuschung und Schutz der Institution darf es nicht geben“

„Offenbar kann der Priesterberuf auch Männer anziehen, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur zum Täter werden“, stellt Kohlgraf in seinem Statement fest. „Klerikale Machtstrukturen und ein bestimmtes klerikales Selbstverständnis fördern möglicherweise derartige Verbrechen.“ Klerikalismus zeige sich „auch in der Praxis der Verantwortlichen, das System zu schützen und damit die Betroffenen zum Schweigen zu bringen.“ Erforderlich sei ein „Haltungswechsel und echte Umkehr“.

Kohlgraf ließ nicht unerwähnt, dass innerhalb der Priesterausbildung des Bistums „schon seit vielen Jahren“ auf einen sensibleren Umgang mit dem Thema Sexualität hingearbeitet und mehr Gewicht auf Präventionsarbeit gelegt werde. Frauen und Männer würden „weite Wegstrecken der Ausbildung gemeinsam gehen, sodass sich keine klerikalen Sonderwelten bilden“ könnten. Ein männlicher und ein weiblicher Ansprechpartner stünden im Bistum bereit, um mit Betroffenen über ihre Situation zu sprechen. Nun müssten die Ergebnisse der Studie in die bewährten Schulungs- und Präventionskonzepte eingearbeitet werden. „Vertuschung und Schutz der Institution darf es nicht geben“, mahnte Kohlgraf. „Das muss auch im Umgang mit den Tätern deutlich werden.“