Hubig zu Schulschließungen: „Das darf sich nicht wiederholen“

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD). Foto: Peter Bajer

Die Pandemie hat an den Schulen deutliche Spuren hinterlassen. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin erklärt, wie Rückstände aufgeholt werden sollen.

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MAINZ. Es ist für Schüler eine schwere Zeit. Kaum ein Bereich wurde von der Corona-Pandemie derart hart getroffen wie die Schulen. Wochenlanges Homeschooling, kaum Sport- und Musikunterricht, keine Klassenfahrten, Maskenpflicht im Unterricht. Im Interview mit dieser Zeitung spricht die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) nun über die entstandenen Lernlücken, den drohenden Corona-Herbst und den Lehrermangel in manchen Regionen.

Frau Hubig, es sind noch zwei Wochen bis zu den Sommerferien. Hand aufs Herz: Wie schwer war das zurückliegende Schuljahr?

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Das war sicherlich erneut ein besonderes und kein einfaches Schuljahr. Natürlich wegen der Corona-Pandemie, aber vor allem auch wegen der Flut-Katastrophe im Ahrtal und der aktuellen Situation rund um die aus der Ukraine vor dem Krieg geflüchteten Kinder und Jugendlichen. Immer wenn unsere Schulgemeinschaften, die Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler gehofft haben, es wird etwas ruhiger, ist wieder etwas passiert. Und unsere Schulen haben die Situationen wirklich mit unheimlich viel Engagement und Tatkraft gemeistert.

Gleiches gilt selbstverständlich für unsere Kitas. Worüber ich allerdings sehr froh bin, ist, dass wir dieses Schuljahr keine flächendeckenden Schließungen hatten. Einfach, weil wir im Jahr davor gesehen haben, dass das für alle Beteiligten, nicht nur für die Kinder und Jugendlichen, sondern auch für deren Eltern und alle Lehr- und Fachkräfte eine schwierige Situation war.

Überall liest man derzeit, dass die Corona-Inzidenzen wieder stark ansteigen, die Sommerwelle rollt. Wie ist denn die Situation an den Schulen?

Die Schule ist natürlich immer ein Abbild der Gesellschaft, insofern gibt es natürlich auch in Schulen mehr Corona-Fälle. Insgesamt hören wir aber aus unseren Schulen, dass eine große Erleichterung darüber besteht, dass seit ein paar Wochen gefühlt wieder eine größere Normalität herrscht. Dazu gehört, dass Einschränkungen weggefallen sind, dass endlich wieder Ausflüge möglich sind, Schulfeste oder auch Klassenfahrten.

Nun gab es ja keine flächendeckenden Schulschließungen, dennoch war, wie von Ihnen bestätigt, das Schuljahr alles anderes als gewöhnlich: Wie groß sind noch immer die Lernlücken, die die Kinder durch die Corona-Pandemie mit sich herumtragen?

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Wir sehen deutlich, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler unter der Pandemie und unter den Schulschließungen gelitten haben. Unter zweierlei Aspekten: zum einen gesundheitlich. Wir registrieren deutlich mehr psychische Erkrankungen wie Depressionen oder auch Essstörungen und aufgrund des Bewegungsmangels gibt es mehr übergewichtige Kinder.

Aber auch beim Lernen selbst haben es manche schwer gehabt. Wir wissen von vielen Schülerinnen und Schülern, die sagen, dass ihnen die festen Strukturen der Schule gefehlt haben. Manche von ihnen haben irgendwann gemerkt, dass sie nicht mehr so gut mitkamen. Studien besagen, das ist bei rund 30 Prozent von ihnen der Fall. Ein Phänomen, das zwar durch alle Schichten geht, in der Summe tun sich aber Kinder und Jugendliche erkennbar schwerer, die aus weniger lernförderlichen Verhältnissen kommen. Deshalb liegt unser Fokus jetzt darauf, sie besonders gut zu fördern.

Sind diese Lücken überhaupt jemals wieder zuzufahren?

Ja, davon bin ich überzeugt. Aber sie lassen sich nicht in einem halben Jahr schließen und auch nicht in einem Jahr. Wir haben deshalb zusätzliche Maßnahmen ergriffen.

Einerseits im psychosozialen Bereich, etwa durch mehr Schulsozialarbeit. Aber auch durch spezielle Projekte, wie beispielsweise die Kooperation “BEWARE”, die besonders die mentale Gesundheit der Schulgemeinschaften im Blick hat. Für die Ferien haben wir erneut zusätzliche Angebote eingerichtet. Dazu gehört auch das Programm „Lernen in den Ferien“, die Fortsetzung der Sommerschule.

Darüber hinaus haben wir mit dem Bund zusammen weitere Kräfte in den Schulen eingestellt, um mehr Angebote zu schaffen, für Hausaufgabenhilfe, Sprachförderung und mehr. Mit den Volkshochschulen laufen enge Kooperationen, um weitere Lernangebote für Schülerinnen und Schüler zu schaffen. Und zu guter Letzt kommen Lernprogramme und digitale Werkzeuge hinzu, die verstärkt in den Schulen eingesetzt werden.

Aber wie will man überhaupt sicherstellen, dass die Angebote auch die Schüler erreichen, die sie erreichen sollen?

Gerade bei den außerschulischen Angeboten wie „Lernen in den Ferien“ haben wir darauf geachtet, dass das Angebot stärker mit der Schule verzahnt ist. Unsere Schulen sollen Eltern aktiv ansprechen und motivieren, dass ihre Kinder an den Angeboten in den Ferien teilnehmen. Einfach, damit die Lernlücken wieder abgebaut werden. Aber, und das muss auch gesagt werden: Bei dem Ferienangebot geht es natürlich nicht nur ums Lernen, sondern auch darum, Spaß zu haben und andere Kinder kennenzulernen.

Im Herbst wird mit einem erneuten Anstieg der Corona-Fallzahlen gerechnet. Wie werden die Schulen damit umgehen? Rechnen Sie nach den Sommerferien wieder mit einer Masken- und Testpflicht?

Das hängt ein Stück weit davon ab, was der Bund vorgibt. Wir hoffen natürlich, dass wir so wenig Einschränkungen wie möglich haben werden. Insgesamt hat sich aber gezeigt, dass gerade die Masken und die anderen Hygienemaßnahmen sehr wirksame Mittel waren.

Und die Testpflicht? Immerhin hat das Land seit Ausbruch der Pandemie über 120 Millionen Euro für Tests an Schulen ausgegeben.

Zunächst ist es wichtig, dass Menschen daheimbleiben, die Symptome haben – wie bei anderen Infektionskrankheiten auch. Das Testen sollte dann, wenn nötig, außerhalb der Schulen stattfinden, der Schulbetrieb hat darunter oft gelitten.

Wie schlimm wäre es denn, wenn es wieder zu Schulschließungen kommen würde?

Was in der ersten Phase von Corona passiert ist, darf sich keinesfalls wiederholen. Aber ich nehme durchaus wahr, dass es inzwischen bundesweit allgemeiner Konsens ist, dass die Schulen offenbleiben müssen.

Ein Problem, das auch ab dem Herbst wieder schwerwiegender wird, ist ja, dass es an vielen Schulen an ausreichend Lehrkräften fehlt. Krankheitsfälle können nur schwer kompensiert werden, an Schwerpunktschulen fehlt es an Förderlehrkräften, die unterstützen.

Bei den Lehrkräften haben wir im bundesweiten Vergleich in Rheinland-Pfalz nach wie vor eine solide Situation. Wir stellen zum Schuljahr 22/23 rund 1.300 neue Lehrkräfte ein und haben zusätzliche Stellen geschaffen. Aber wir sehen, dass die Situation auch bei uns angespannter wird. Der Markt ist einfach leer gefegt. Wir haben allerdings – und das hilft uns gerade jetzt – immer konsequent Lehrkräfte ausgebildet und eingestellt. Bei der letzten Erhebung zeigte sich, dass wir mehr Lehrkräfte aus anderen Bundesländern zu uns locken, als aus Rheinland-Pfalz weggehen. Aber es stimmt: In manchen Regionen ist es schwieriger, Vertretungslehrkräfte zu finden als in anderen.

Wie geht es nach den Sommerferien für die Schüler aus der Ukraine weiter?

Die ukrainischen Schülerinnen und Schüler bekommen zurzeit Deutsch-Intensivkurse und werden ansonsten normal ins Schulsystem integriert. Es sind aktuell rund 9.000 Kinder und Jugendliche an rheinland-pfälzischen Schulen angemeldet. Neben dem normalen Unterricht können sie an Online-Angeboten teilnehmen, um den Kontakt zur Ukraine nicht zu verlieren. Insgesamt haben wir bislang 130 ukrainisch-sprachige Lehr- und Betreuungskräfte eingestellt. Kurzum: Die Schüler sollen sich hier integriert fühlen, aber auch nicht den Kontakt in die Heimat verlieren.