Gastkommentar von Friedrich Küppersbusch: Am Ende des Regenbogens

Friedrich Küppersbusch. Foto: dpa

Von Marx und Unterhosen mit QR-Codes: Kann enthemmte Ranschmeiße auch schaden?

Anzeige

. Früher heuerte man Frauen oder Ausländer an, wenn die Löhne niedrig waren und die Arbeit dumm genug war. „Hände“ nannten Prinzipale der industriellen Revolution ihre Belegschaften auch, der Rest war Beifang. Heute buhlen Unternehmen um weibliche Führungskräfte, „Computer-Inder“ und beispielhaft diverse Belegschaften. Marx würde sagen: Für den Mehrwert tanzt der Kapitalist mit dem Teufel, noch immer sind die Löhne zu niedrig, die Produkte zu teuer und der Mehrwert eine höhere Form von Diebstahl. Aber es macht schon einen menschlicheren Eindruck.

In Amerika wirbt McDonalds mit Veteranen-Rabatt für Armeeangehörige, bietet offensiv Jobs für diese Zielgruppe, während es seine Bulettenkette in Russland voller Abscheu abgestoßen hat. Beim deutschen Franchise können sich „55.000 Mitarbeiter:innen aus 118 Nationen“ auf eine „Richtlinie für Menschenrechte“ stützen und etwa Sprachkurse bezahlen lassen. Zum „Christopher Street Day“ servieren Filialen regenbogenbunte Fritten und die Kölner Bräter sponsern den Umzug der Lesben, Schwulen, Queer, Trans, Binären, Nonbinären und so weiter:innen. Hey, sagt Marx – jetzt noch gesunde Produkte zum günstigen Preis bei fairen Löhnen, und wir haben es geschafft.

Anzeige

Zeug verkauft, Geld verdient

Angefangen hat das Haltungsmanagement mit „greenwashing“, der Regenwaldspende von Krombacher. Inzwischen druckt ein Damenunterwäsche-Hersteller einen QR-Code in Unterhosen, der zu einer Beratungsstelle für Opfer häuslicher Gewalt führt. Man mag sich den Anwendungsfall nicht gern vorstellen – doch, wie der Talmud sagt: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.“

In der PR-Branche schreibt man derzeit umstandslos vom „Ukraine-washing“, also der gefühlten Notwendigkeit, Joghurt, Damenbinden oder Leihwagen mit dem starken Eindruck zu versehen, hier wischte der Konsument dem russischen Schurken mit seinem Kauf ordentlich eins aus. Dass Putin nun im Kreml Bilder von grimmig entschlossenen Joghurtlöfflern schaut und seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg einsichtig beendet, glaubt niemand. Aber bis dahin ist das Zeug verkauft, das Geld verdient.

Starker Rüffel erscheint fällig

Ab welcher Durchschaubarkeit die enthemmte Ranschmeiße den guten Anliegen eher schadet, steht dahin. Die kommende Fußball-WM findet im Winter statt – böse; in Stadien, die von Sklavenarbeitern erbaut wurden – böse; in denen die Fifa dann aber für Diversität eintreten wird – gut; und die Fifa-Sponsoren ihre Konsumartikel mit Toleranz, Vielfalt und Fairness bedampfen werden – gut. In Katar – böse, beziehungsweise wegen Gaslieferungen gegen Putin – gut. Im Vorfeld hat die Polizei auf Geheiß des DFB 15 Fans festgesetzt, die beim Länderspiel gegen Italien ein Katar-kritisches Banner entrollten. Die sehr werteorientierte Fifa, die das Bildsignal aus dem Stadion lieferte, hat die Bilder rausgeschnitten. Schließlich hat Fußball nichts mit Politik zu tun. Zur Anklage soll es wohl nicht kommen, doch ein starker Rüffel erscheint fällig: 15 Männer! Keine Frau, keine diverse Person. Da ist der DFB gefordert!

Anzeige

Sternchen-Unterstrich-Glottisschlag-Streit ermüdet

Ebenfalls diese Woche klagte ein VW-Mitarbeiter gegen gendergerechte Sprache bei Audi. Beim :innenspaß sehe er sich nicht gemeint und diskriminiert. Offenbar sind Löhne, Arbeitsbedingungen und Preise bei VW inzwischen im Marxschen Sinne geregelt und man kann sich um andere Themen kümmern. Der leidige Sternchen-Unterstrich-Glottisschlag-Streit ermüdet, die gesprochene Sprache wird Unrundes eh abschleifen und, schwarmintelligent, die handlichsten, mündlichsten Formulierungen überlassen. Nur Geduld.

Bis dahin kann man auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit schauen, auf Frauen in Vorständen, auf Abgasbetrüger. Und fragen, warum der Konzern nicht rechtzeitig umweltgerechtere Produkte entwickelt hat. Oder man macht so weiter, ändert aber das Logo. Die vier Stammfirmen der „Auto-Union“ finden sich in den vier Ringen des Audi-Logos wieder. Die lassen sich leicht in die biologischen Geschlechterzeichen verwandeln: Mars, Venus, Mars und Venus – und dann bleibt noch ein Ring für diversity.

Von Friedrich Küppersbusch