Zu schwul zum Spenden? Warum Homosexuelle nicht dürfen

In Deutschland dürfen homosexuelle Männer ihr Blut nicht spenden. Archivfoto: Fotolia/Gina Sanders

Wer Blut spendet, hilft damit anderen Menschen. Doch nicht jeder, der in Deutschland sein Blut für einen guten Zweck abgeben möchte, darf das auch.

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MAINZ. Die einen gehen aus altruistischen Gründen Blut spenden, andere möchten mit der Körpersaftgabe ihre Kasse aufbessern. Doch auch wenn sich die Beweggründe unterscheiden, der Nutzen bleibt der gleiche: Die Spenden helfen Menschen, retten sogar Leben. Doch nicht jeder, der in Deutschland sein Blut für einen guten Zweck abgeben möchte, darf das auch: Ein generelles Verbot gilt unter anderem für Menschen mit bestimmten Krankheiten wie Hepatitis B oder C, Malaria, Aids oder Syphilis, für Drogenabhängige, Prostituierte – und für homosexuelle Männer. Während viele Ausschlusskriterien weitgehend unumstritten sind, sorgt das pauschale Verbot für sexuell aktive Schwule – oder „MSM“ („Male sex male“), wie die Gruppe im Fachjargon heißt – immer wieder für hochemotionale Debatten.

Homosexuelle Männer fühlen sich unter Generalverdacht gestellt

Denn homosexuelle Männer fühlen sich diskriminiert und unter Generalverdacht gestellt. Der Ausschluss sei ein Nährboden „für alte, klischeehafte Aussagen wie ‚Alle Schwulen haben Aids oder HIV‘ – im Jahr 2017 ein Unding“, moniert etwa Oliver Henrich, Pressesprecher der Aids-Hilfe Frankfurt. Da sich aber jeder sexuell aktive Mensch anstecken könne, gebe es „keinerlei Rechtfertigung für diese Ausgrenzung“. Auch Frank Kürsten, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Mainz und selbst homosexuell, empfindet den Ausschluss als diskriminierend. „Früher war ich aktiver Blutspender“, sagt der 56-Jährige. Auch heute sei es für ihn denkbar, anderen Menschen mit seinem Blut zu helfen – wenn er denn dürfte.

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Hintergrund der Regelung ist eine EU-Richtlinie, der zufolge „Personen, deren Sexualverhalten ein hohes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten birgt“, vom Blutspenden auszuschließen sind. Von Homosexuellen ist dort keine Rede. Die tauchen erst in der deutschen Umsetzung der Vorgabe auf: In ihrer gemeinsamen Hämotherapie-Richtlinie definieren Bundesärztekammer und Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als konkretes Ausschlusskriterium unter anderem „Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben“. Diese Vorgabe findet sich im Transfusionsgesetz wieder. Begründet wird der Ausschluss mit Erhebungen des Robert-Koch-Instituts (RKI), wonach etwa zwei Drittel aller HIV-Neuinfizierten homosexuell aktive Männer sind, obwohl diese nur drei bis fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Auch bei Syphilis stehen sie an der Spitze der Statistik.

Ergo steht hinter dem pauschalen Ausschluss der Gedanke, auf einen kleinen Teil potenzieller Spender zu verzichten, dabei aber die statistisch größte Risikogruppe für HIV-Infektionen auszuschließen. Eine Argumentation, die Frank Kürsten nicht überzeugt. „Man jongliert ja gerne mit Prozentzahlen, wenn die absoluten Zahlen nicht viel hergeben“, sagt er. „Die Zahl der schwulen HIV-positiven Männer dürfte verschwindend gering sein.“

Pauschaler Ausschluss ist überholt

Hinzu kommt, dass das RKI auf seiner Webseite erklärt, dass die Regelung, Männer auch nach einmaligem Sexualkontakt mit einem anderen Mann lebenslang von der Spende auszuschließen, aus der Anfangszeit der HIV-Infektionen stammt. Damals seien die Testverfahren noch nicht so weit fortgeschritten gewesen, wie es heute der Fall ist. Sprich: Der pauschale Ausschluss ist überholt. Ob er seinen Zweck erfüllt, ist ohnehin fraglich. Schließlich lässt sich nicht nachweisen, ob ein Spender wahrheitsgemäß angibt, hetero- oder homosexuell zu sein. „Viele schwule Männer haben eine soziale Ader“, sagt Kürsten. Dass sich der eine oder andere selbige trotz des Verbots anzapfen ließe, könne er sich gut vorstellen. Sorgen müsste sich deswegen aber niemand, meint er: „Leute, die wissen, dass sie HIV-positiv sind, gehen auch nicht Blut spenden.“

Mit den Argumenten von Ausschlussbefürwortern und -gegnern bestens vertraut ist Stephan David Küpper, Pressesprecher des DRK-Blutspendedienstes West. Schließlich ist die Debatte ein „Dauerthema, in dem viel Emotionalität steckt“. Er persönlich könne die Position der Schwulen nachvollziehen. „Aber es ist nun mal so, dass das höchste Gut, das Blutspendedienste zu verteidigen haben, der Empfängerschutz ist. Wir müssen alles tun, um Risiken zu minimieren.“ Explizit auf die Seite des Verbots stellen will er sich aber nicht. „Wir müssen uns letztlich alle an die Vorgaben halten und kommentieren sie daher auch nicht“, betont er. Professor Dr. Walter Hitzler, Direktor der Transfusionszentrale der Universitätsmedizin Mainz, war zu keiner Stellungnahme bereit.

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Richtlinie wird überarbeitet

Die oft intensiv geführten Diskussionen könnten bald um eine Facette reicher werden. Denn wie das Paul-Ehrlich-Institut auf Anfrage dieser Zeitung bestätigt, wird die Richtlinie derzeit überarbeitet. Das generelle Blutspendeverbot für homosexuelle Männer soll dann gemäß des Beratungsergebnisses der Arbeitsgruppe „Blutspendeausschluss von Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ aus dem Jahr 2012 fallen. Was vielversprechend klingt, relativiert sich bei genauerem Hinsehen. Denn die Arbeitsgruppe empfahl damals, „dass der dauerhafte Ausschluss von der Blutspende infolge Sexualverhaltens mit hohem Risiko in eine zeitlich befristete Zurückstellung für ein Jahr geändert werden sollte.“ Im Klartext bedeutet das: Schwule Männer dürften künftig Blut spenden – aber nur, wenn sie zuvor ein Jahr lang keinen sexuellen Kontakt zu einem gleichgeschlechtlichen Partner hatten. „Wir bemühen uns um die Karenzzeit und gehen davon aus, dass die auch kommen wird“, heißt es aus dem PEI. Sicher sei das aber erst, wenn die Novellierung mit der Bundesärztekammer abgestimmt ist.

Nach Ansicht der Arbeitsgruppe würde eine einjährige Rückstellfrist dank moderner Testmethoden zuverlässig verhindern, dass Infektionsübertragungen durch Blutspenden unerkannt auftreten könnten. Ein längerer Zeitraum sei dazu nicht (mehr) erforderlich und könnte zudem als „versteckter Dauerausschluss von MSM gewertet werden“. Doch genau dieses Szenario droht jetzt. Als „Witz“ und „schwachsinnig“ bezeichnet Thomas Becker die Karenzzeit. Er ist in der „Bar jeder Sicht“, dem Mainzer Kultur- und Kommunikationszentrum für Lesben, Schwule und andere Queermenschen, als ehrenamtlicher Berater tätig und selbst schwul.

Dass das Echo der Community euphorischer ausfällt, ist kaum zu erwarten. Ein einjähriger Sexverzicht für eine Blutspende dürfte für nicht viele eine ernstzunehmende Option sein. Entsprechend löst auch bei Kürsten die Vorstellung einer solchen Regelung Kopfschütteln aus. "Das würde ja eine fast absurde Ehrlichkeit voraussetzen." Becker fast zusammen: "Es würde sich nichts ändern."