„Zimmerreise“ als Alternative zum Urlaub

Auch zuhause gibt es viel zu entdecken. Foto: Ardea-studio – adobe.stock

Eine sogenannte Zimmerreise verspricht Abwechslung und Entspannung in den eigenen vier Wänden: ein Selbstversuch mit ungeahnten Perspektiven.

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. Wie groß und luftig mein Wohnzimmer von hier oben wirkt! Eine leere Weite, im Unterschied zu unten, wo Pflanzen, Deko und Möbel kuscheln. Unter ihnen das alte Küchenbuffet, auf dem ich gerade stehe, um einen radikalen Perspektivwechsel auf mein Reich und die Dinge darin hinzubekommen. Der Aufstieg hat sich gelohnt.

So dicht unter der Zimmerdecke befindet sich nichts, außer den bunten chinesischen Weihnachtskugeln, die ich vom Boden aus gar nicht mehr wahrgenommen habe. Wie viele Jahre hängen die schon dort über dem Regal mit den Wörterbüchern und Grammatiken aus dem Studium? Warum hebe ich letztere noch auf? Reine Nostalgie.

Vier Meter Luftlinie entfernt die nächste Erinnerung

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Unten, in vier Metern Luftlinie, wartet mein geliebter Ess- und Schreibtisch aus den Siebzigerjahren. Meine Tante Rita hat ihn mir vor 20 Jahren geliehen, als ich von Dublin nach Hamburg zog und keine Möbel hatte; er steht immer noch bei mir.

Die dickbauchige Frau im Regal dahinter ist aus einem getrockneten Kürbis geschnitzt und enthält einen geheimen Schatz. Ich habe sie 2004 aus Peru mitgebracht, die Steine auf der Fensterbank, die wie grau-weiße Knochen aussehen, letztes Jahr von Rügen. Wenn ich sie in die Hand nehme, bin ich wieder mit meinem Freund in der Wintersonne am Strand. Und der Kaktus daneben ist tatsächlich derselbe, wie der auf der Bleistiftzeichnung an der Wand, die ich mit 17 Jahren im Kunstunterricht angefertigt habe, auch wenn er heute alt und verholzt ist.

Wie geht es den Chinesen, die meinen Sessel bauten?

Viele Dinge in unseren Wohnungen erzählen Geschichten. Von Reisen, von unserer Vergangenheit oder von Fremden, die die Gegenstände hergestellt haben. Vor drei Monaten hatte ich online einen Sessel bestellt, der vorgestern geliefert wurde. Ob die chinesischen Arbeiter, die ihn gefertigt haben, wegen des Corona-Virus’ wochenlang in ihren Wohnungen festsaßen wie wir jetzt? Wie sehen ihre Arbeit und ihr Alltag aus?

Im Internet findet man keine Angaben zum Hersteller. Und doch: Das Kopfkino läuft.

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Aktuell müssen wir aufs Reisen verzichten, aber auch sonst spricht einiges dafür, in der Freizeit mal zu Hause zu bleiben. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht den Hauptgrund fürs Reisen in unserer Sehnsucht nach Veränderung: Die Begegnung mit anderen Menschen, fremden Kulturen oder der Natur ermöglicht uns, aus unserer Alltagsroutine auszubrechen. Dafür müssen wir nicht immer wegfahren. Bereits im 18. Jahrhundert entstand eine extreme Form des Nichtreisens als literarisches Genre: die Zimmerreise. Der Autor befindet sich in einem Raum oder einer Wohnung und lässt den Gedanken ihren Lauf, während Blick und Körper sich durch das begrenzte Areal bewegen. Es geht darum, das Fremde im scheinbar Vertrauten zu entdecken, sich durch die veränderte Art der Betrachtung verzaubern zu lassen. Das ist nicht immer leicht, die Gedanken schweifen schnell ab. Ein Perspektivwechsel, etwa durch die Besteigung eines Sofas oder einer Kommode kann helfen.

Der Vorteil dieser Form des Reisens: Sie ist jederzeit möglich, kostenlos und es gibt keine zwei Menschen, die die gleiche Reise machen. Die Journalistin Harriet Köhler schreibt in ihrer „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“: „Die Zimmerreise ist die Individualreise schlechthin.“

Seit der Aufklärung gehört Reisen zum Pflichtprogramm des Bildungsbürgers: Es vermittle Wissen und weite den Horizont. Und doch hatten einige Geistesgrößen einen sehr beschränkten Bewegungsradius, auch Deutschlands wichtigster Aufklärer Immanuel Kant. Auch der Philosoph Blaise Pascal war der Meinung, das Reisen öffne nicht unbedingt den Geist, sondern verwirre ihn auch, lenke von sich selbst ab. Dennoch setzte sich die Idee der Aufklärung durch: Reisen bildet.

Im 20. Jahrhundert wurde es fast zum Grundbedürfnis. Der Schriftsteller Bruce Chatwin hat dafür eine interessante Erklärung: Reisen helfe dem modernen Menschen dabei, der Apathie zu entgehen, da er im Alltag körperlich und geistig unterfordert sei. Demnach gehört zu einer richtigen Reise auch der Körpereinsatz, Kopfkino alleine genügt nicht.

Wirklich? Immerhin durchbricht die Zimmerreise während der Corona-Isolation den Wohnungskoller. Es ist ein etwas verrücktes Spiel. Unter normalen Umständen wäre ich nicht auf mein Küchenbuffet geklettert, um mein Wohnzimmer und die Dinge darin anders wahrzunehmen. Aber vielleicht probiere ich es bald wieder, Perspektivwechsel brauchen Übung. Ohnehin haben viele Deutsche das Gefühl, schon alles gesehen zu haben, meint der Münchener Tourismuswissenschaftler Jürgen Kagelmann. Und Reisen scheint, einigen Studien zufolge, weniger erholsam zu sein als gedacht. Entspannung und Glücksgefühle würden erst nach etwa zwei bis drei Tagen eintreten und gegen Ende wieder abfallen; zudem hätten Probanden sich nach einer Woche Alltag genauso gestresst gefühlt wie vor der Reise – egal, wie lange die Auszeit war.

Häufigere kurze Auszeiten sind insofern effektiver als wenige lange. Also eine halbe Stunde Zimmerreise für den Anfang? Es ist einen Versuch wert, nicht nur in Corona-Zeiten.

Von Jeanette Villachica