Späte Trennung: Mit 70 vor den Trümmern einer Ehe

Mehrere ältere Personen sitzen auf einer Parkbank. Foto: dpa, Montage: vrm/sv

Nach 42 Ehejahren ist Kurts Ehe am Ende. Damit ist er längst kein Einzelfall: Immer häufiger zerbrechen langjährige Beziehungen. Dafür gibt es oft sehr konkrete Gründe.

Anzeige

REGION. Kurz vor seinem 70. Geburtstag ist Kurt ausgezogen. Nach 42 Ehejahren. Drei Jahre sind seither vergangen, und wenn Kurt an den Tag zurückdenkt, an dem er die Tür zu seinem alten Leben endgültig hinter sich zuzog, ist ihm beides anzumerken: Wehmut und Erleichterung. Wehmut angesichts des Scheiterns einer fast lebenslangen Verbindung – womit sich auch die Hoffnung auf einen Lebensabend zu zweit zerschlug. Erleichterung darüber, dass er einer Ehe entronnen ist, in der er sich ausgenutzt, ignoriert und am Ende ins Abseits gestellt sah.

Wer Kurt kennenlernt, erlebt einen zurückhaltenden, liebenswürdigen Gesprächspartner, der seine Worte sorgsam wählt. Ein auf Harmonie bedachter Mann, hilfsbereit, auf vielen Feldern ehrenamtlich aktiv, zum Beispiel als Betreuer im Pflegeheim. Kein Vereinsmeier, aber gerne unterwegs mit anderen: beim Wandern oder Skatspielen. Kurt liebte sein Zuhause: sein Elternhaus, das er mit in die Ehe gebracht hatte, wo er mit Frau, Tochter und zuletzt Schwiegersohn lebte. Dass Kurt jemals sein Haus, seine Frau verlassen würde? Nach so vielen Ehejahren? Ein Gedanke, den er früher weit von sich gewiesen hätte. Eigentlich stellt sich mit Blick auf Kurts Geschichte die Frage, wer hier wen verlassen hat. Als Kurt ging, gab es kein Geschrei, keine Tränen, niemand versuchte, ihn aufzuhalten. War es nicht vielmehr so, dass er aus seinem Zuhause regelrecht vertrieben wurde ?

Anzeige

Jede 6. Ehe nach 26 und mehr Jahren geschieden

Kurt ist schon lange kein Einzelfall mehr: Immer häufiger zerbrechen langjährige Partnerschaften. Klaus Frädert kennt die Zahlen. „Jede sechste Ehe wird nach 26 und mehr Jahren geschieden“, zitiert der Familientherapeut einschlägige Statistiken. „Das hat demografische Gründe“, verweist er auf die gestiegene Lebenserwartung, „aber vor allem spiegeln die Zahlen gesellschaftliche und politischen Veränderungen wider.“

Frädert, der bei der Mainzer Beratungsstelle „pro familia“ zunehmend auch Senioren zu seinen Klienten zählt, erinnert an noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeiten, als Geschiedenen Geringschätzung entgegenschlug. Als Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemannes nicht arbeiten durften, sie wirtschaftlich abhängig waren. „Früher heiratete man nicht nur aus Liebe“, ruft Frädert den Zeitgeist der 1950er, -60er und -70er Jahre in Erinnerung, „ökonomische und soziale Faktoren spielten mit eine Rolle.“ Was heißt: „Da trennt man sich nicht so leicht.“

Heute geben Paare schneller auf. Nur: Wer mit Anfang 40 geht, kann noch mal durchstarten, das halbe Leben liegt noch vor ihm. Mit Anfang 70 fühlt sich das anders an. „Die Trennungen in dieser Lebensphase sind viel dramatischer“, hat Fräderts Kollegin, die Paartherapeutin Sina Mentges, beobachtet. „Da zerbricht ein Lebensentwurf, und im Alter fällt die Neuorientierung sehr viel schwerer als in jüngeren Jahren.“ Warum also gehen Senioren das Wagnis ein?

Anzeige

„Weil sie sich gegenseitig nicht mehr ertragen“, bringt Psychotherapeutin Ulla Noll-Reiter auf den Punkt, was Ältere auseinandertreibt. Sie nennt sie die „Problempaare“: Zwei, die ein Leben lang als Eltern, Großeltern, Versorger funktionierten und dabei verlernten, einander Partner zu sein. Die Gefühle verkümmern ließen und wegen der Kinder Konflikte aushielten, anstatt sie auszutragen. Sind die Kinder dann aus dem Haus, treten Konflikte und Distanzen offen zutage. Benjamin Schick vom pro-familia-Beratungsteam: „Wenn gemeinsame ,Projekte‘ wegfallen und der andere wieder in den Blick gerät, stellt sich die Frage, was einen noch verbindet.“

Lebenskrisen als Anlass, die Beziehung zu überdenken

Ein neuer Lebensabschnitt, eine Krise können Ehen in ihren Grundfesten erschüttern. Wie bei Kurt. „Als ich mit 60 in Pension ging, fing es zu kriseln an, damals begann der Trennungsprozess“, stellt er heute ernüchtert fest. Was er berichtet, klingt nach Sprachlosigkeit und Entfremdung, zeugt von hilflosen Versuchen und fehlendem Willen, das Eheschiff auf Kurs zu halten.

Meistens gehen die Frauen, wenn Ältere sich trennen, „in 60 Prozent der Fälle“, zeichnet Noll-Reiter das für diese Jahrgänge typische Muster. Oft sind der Tod der eigenen Mutter, die Trennung der Tochter oder eine überstandene Krebserkrankung Anlass, um die eigene Beziehung zu überdenken. In der sie Übergriffe und Demütigungen ertragen mussten oder die Untreue ihres Partners. „Das kann nicht alles gewesen ein“, sagen sich viele. Und gehen.

Mithilfe des Schwiegersohnes aus dem Haus gedrängt

Kurts Frau blieb. Sie wählte einen anderen Weg: Sie drängte ihren Mann aus dem Haus. Mithilfe des Schwiegersohns in spe, der vielleicht gar nicht begriff, was da geschah. Als Kurts Tochter und deren Freund ins Parterre zogen, verwandelte der Hobby-Handwerker das ganze Haus in eine immer weiter ausufernde, sich über Jahre hinziehende Dauerbaustelle – mit Zustimmung von Kurts Frau. Ohne, dass Kurt gefragt wurde. „Die beiden managten alles allein. Was ich sagte, interessierte keinen.“

Nicht nur, dass der Ruheständler bis zur Erschöpfung den Handlanger spielte. Auch die Ersparnisse gingen für den Umbau drauf. Gutmütig, großherzig, nahm Kurt vieles hin. Bis er eines Tages dem Treiben ein Ende zu setzen versuchte. Nur, um von seiner Frau zu hören, er könne ja gehen. Sie habe ihn regelrecht aufgefordert, das Haus zu verlassen, Kurt hat ihre Worte noch im Ohr.

War seine Ehe glücklich, bevor sie unter Bauschutt begraben wurde? Kurt wägt ab: Ihr Leben sei ruhig verlaufen. Er habe gearbeitet, sie die Tochter groß gezogen, dann die alten Eltern gepflegt. Aber: Ihr Leben sei doch nicht schlecht gewesen? „Männer können sich eher arrangieren“, erkennt Klaus Frädert auch hier ein bekanntes Muster, und Ulla Noll-Reiter ergänzt, dass ältere Männer oft nur dann ausbrächen, wenn sie zuvor schon eine Außenbeziehung eingegangen sind.

Späte Scheidung: Finanzielle Folgen können katastrophal sein

Nicht so Kurt. Er gab am Ende einfach auf. Weil er ein auf Harmonie bedachter Mensch ist, wartete er noch die Knie-OP seiner Frau ab und die Hochzeit der Tochter („um keine Missstimmung aufkommen zu lassen“). Jetzt wohnt er im Rheinhessischen, weit weg. Er vermisst seinen Hund, den Freundeskreis, sein Dorf. Doch er ist „drüber weg“. Nein, geschieden sind sie nicht. „Da wären wir beide Verlierer“. Es war eine klassische Versorgungsehe, bei der die Frau keine eigene Rentenanwartschaft erwarb.

„Wenn bei einer Scheidung im Alter im Rahmen des Versorgungsausgleichs die Rente geteilt werden muss, besteht die Gefahr, dass keiner davon leben kann und beide ergänzend auf Grundsicherung angewiesen sind“, warnt Barbara Seelbach-Reineck, Fachanwältin für Familienrecht in Geisenheim. Besser also getrennt leben, statt sich scheiden zu lassen? Nicht in jedem Fall eine Lösung, schränkt die Juristin ein. „Auch dann müssen zwei Haushalte finanziert werden.“

Während Kurt zur Miete wohnt, lebt seine Frau in seinem ehemaligen Haus, mietfrei. Ihre Mini-Rente und seine Pension legen sie zusammen, davon gehen gemeinsame Ausgaben wie Krankenkassenbeiträge, Steuern oder Versicherungen ab. Der Rest wird hälftig geteilt. Kurt steht im Alter nun sehr viel weniger Geld zur Verfügung, als er einst ausgerechnet hatte. Trotzdem – nach allem, was er durchgemacht hat, gehe es ihm heute gut: „Lieber raus aus der Situation, bevor man sich aufreibt.“

Von Birgit Schenk