Matsch mit Soße: Der Schlüssel zu einem gesunden Immunsystem...

Kinder sollten auch im Dreck spielen können. Foto: natalielb, kurapy - adobe.stock

Ein Viertel der Heranwachsenden in Deutschland leidet unter einer Allergie. Die Ursache dafür könnte in frühester Kindheit liegen. Denn eine zu sterile Umgebung ist oft ungesund.

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. Husten, Kurzatmigkeit, Luftnot: Jedes zehnte bis zwanzigste Kind in Deutschland erkrankt an Asthma, einer Überempfindlichkeit der Bronchien gegen äußere Reize. Von allergischen Krankheiten insgesamt – dazu zählen auch Heuschnupfen, Neurodermitis und Lebensmittelallergien – sind sogar rund ein Viertel aller Heranwachsenden betroffen. Seit den 1960er-Jahren hat sich die Zahl der Allergiker in Deutschland ungefähr alle zehn Jahre verdoppelt, mittlerweile stagniert sie.

Familiäre Neigung und Umwelteinflüsse

Bei allen diesen Leiden schlägt das Immunsystem gegen eigentlich harmlose Stoffe Alarm. Warum sind diese Erkrankungen heutzutage so weit verbreitet? Forscher wissen mittlerweile, dass neben einer familiären Neigung vor allem Umwelteinflüsse dafür verantwortlich sind. Immer deutlicher zeigt sich: Der Schlüssel zu einem gesunden Immunsystem liegt in frühester Kindheit.

„Es ist heute bekannt, dass es ungesund ist, wenn Kinder in einer zu sterilen Umgebung aufwachsen“, sagt Krystyna Poplawska. Die Kinderärztin leitet am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Mainzer Uniklinik den Schwerpunkt Pneumologie, Allergologie und Mukoviszidose. Zwar haben die Fortschritte in der Hygiene dazu geführt, dass früher gefürchtete Infektionskrankheiten wie Cholera hierzulande extrem selten geworden sind. Gleichzeitig aber ist die Zahl der Allergien und Autoimmunerkrankungen stark gestiegen. Schon seit längerem wird daher vermutet, dass der mangelnde Kontakt mit natürlichen Keimen dem Immunsystem schadet.

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Wer etwa in ländlicher Umgebung aufwächst, wo Schwangere und Kleinkinder noch täglich Umgang mit Haus- und Stalltieren haben, erkrankt später im Leben viel seltener an allergischen Erkrankungen wie Heuschnupfen und Asthma als andere. Babys dagegen, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, haben eine erhöhte Allergieneigung, ebenso wie Säuglinge, die mit der Flasche aufgezogen werden und die in den ersten sechs Lebensmonaten häufig Antibiotika erhalten.

„Die Bakterien, die Kinder natürlicherweise von ihrer Mutter und aus der Natur aufnehmen, trainieren offenbar das Immunsystem, sodass es später seltener zu Fehlalarmen, sprich: allergischen Reaktionen kommt“, erläutert Poplawska. Denn genau wie Kinder laufen und sprechen mühsam üben müssen, muss ihr Immunsystem erst lernen, welche Stoffe und Keime harmlos sind und welche den Körper krank machen.

Erstes Lebensjahr am wichtigsten für den Lernprozess des Immunsystems

Am wichtigsten für diesen Lernprozess ist offenbar das erste Lebensjahr, vor allem die ersten vier bis sechs Monate. Aus diesem Grund, so Poplawska, empfehle man heute auch wieder, Kinder frühzeitig mit möglichen Allergenen in Kontakt zu bringen. Früher zum Beispiel wurde davon abgeraten, dass Kinder vor dem ersten Geburtstag Erdnüsse essen – in ganzer Form ohnehin, wegen der Gefahr, sie in die Luftröhre zu bekommen. Aber auch Erdnussbutter galt als gefährlich. „Gerade das Gegenteil scheint aber richtig zu sein“, sagt die Allergologin.

Eine große Studie zeigte: Kinder, die schon im ersten Lebensjahr regelmäßig Erdnussflips aßen, entwickelten deutlich seltener eine schwere Erdnussallergie als Kinder, die keine Erdnüsse erhielten. „Die Empfehlung, dass man hochallergene Nahrungsmittel frühestens nach dem ersten oder sogar zweiten Geburtstag einführen soll, ist generell nicht mehr gültig“, erklärt Poplawska.

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Bakterien, Pilze oder Viren trainieren nicht nur das Immunsystem, viele davon richten sich sogar häuslich bei uns ein: Jeder Mensch ist von mehr als hundert Billionen Mikroben besiedelt, von denen die allermeisten harmlos oder sogar nützlich sind. Die Zahl der Mikroorganismen, die auf und in uns leben, ist damit zehnmal so groß wie die Zahl der menschlichen Zellen im Körper.

Seit einigen Jahren hat insbesondere die Zusammensetzung der Darmflora großes Interesse unter Forschern gefunden. Eine gestörte Balance zwischen günstigen und ungünstigen Bakterien im Darm wurde bereits mit Übergewicht, Diabetes, Darmentzündungen und sogar mit Depression in Verbindung gebracht.

Mikrobiom bleibt ab der Kindheit weitgehend stabil

Auch am Entstehen von Allergien sind unsere mikroskopisch kleinen Untermieter wohl beteiligt. „Es gibt bereits Studien, in denen man anhand der Zusammensetzung der Darmflora von drei Monate alten Babys vorhersagen konnte, welches Kind wahrscheinlich im Alter von sechs Jahren Asthma entwickeln wird“, sagt Poplawska. „Die Entwicklung des Immunsystems wird also schon sehr frühzeitig durch die Zusammensetzung der Bakterien im Körper beeinflusst.“ Doch Forscher beginnen gerade erst, diesen Zusammenhang und seine Rolle bei der Entstehung von Krankheiten zu verstehen.

Das Mikrobiom – so nennt man die Gesamtheit der Keime im Körper – bleibt ab der Kindheit weitgehend stabil. Doch zumindest ein Stück weit kann man es auch als Erwachsener noch positiv beeinflussen, insbesondere durch die Ernährung. Bereits fertig mit „guten“ Bakterien versetzte Produkte, so genannte probiotische Lebensmittel, muss man dafür allerdings nicht kaufen. Ob sie die Darmflora wirklich positiv beeinflussen, ist umstritten. „Die sicherere und günstigere Empfehlung lautet, sich gesund zu ernähren, vor allem ballaststoffreich.“ Das bedeute gerade bei Kindern auch den Verzicht auf industriell hergestellte Fertiggerichte. Selbst bei Jugendlichen und Erwachsenen könne zu viel Fastfood noch schwere Ausprägungen von Asthma begünstigen, so die Ärztin.

Zudem sollte gerade bei Kindern geprüft werden, ob die Gabe von Antibiotika wirklich notwendig ist. „Natürlich ist das in vielen Fällen unvermeidlich – auch bei Babys“, schränkt die Ärztin ein. „Noch immer aber erhalten Kinder häufig Antibiotika bei Infektionen, die durch Viren hervorgerufen werden. Das hat keinen therapeutischen Effekt, schadet aber sehr wohl dem Mikrobiom.“ Insbesondere grippale Infekte im Winter bekämpfe man auch bei Kindern am besten mit viel Ruhe und Zeit.

Antibakterielle Seife ist nicht nötig

Allgemein rät Poplawska Eltern zum Schutz vor Allergien und weiteren Krankheiten dazu, den Nachwuchs nicht zu steril aufwachsen zu lassen. „Kinder sollten viel draußen sein und dabei auch im Dreck spielen dürfen“, so die Ärztin. Regelmäßiges Händewaschen sei natürlich notwendig, doch antibakterielle Seife sei dafür ebenso wenig nötig wie zu häufiges Desinfizieren im Haushalt. So zeigte beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2013: Wenn Eltern den zu Boden gefallenen Schnuller einfach ablecken und zurückgeben, statt ihn gleich auszukochen, schützt das den Nachwuchs ebenfalls zu einem gewissen Grad vor Allergien.

Von Joachim Retzbach