Manipulative Beziehungen können Menschen völlig zerstören

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Wenn Andreas und Jessica alleine sind, kritisiert er alles, was sie tut. Eine manipulative Beziehung, die das Selbstvertrauen zerstört und extrem gefährlich werden kann.

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. Um ihren Verlobten wird Jessica häufig beneidet: Andreas sieht gut aus, ist beruflich erfolgreich und charmant. Nach acht Jahren Beziehung hat er um ihre Hand angehalten. In letzter Zeit ist sich die 33-Jährige jedoch nicht mehr sicher, ob Andreas der Mann fürs Leben ist. Immer häufiger mäkelt er an ihr herum. „Warum lässt du dir die Haare färben?“, meckert er, wenn die Mainzerin vom Friseur kommt.

Über den Inhalt ihres Kleiderschranks gibt es öfter mal Streit, da er viele ihrer Lieblingsklamotten hässlich findet: Jessica trägt inzwischen nur noch die Teile, die der 35-Jährige akzeptabel findet. Die blonden Strähnen lässt sie sich herauswachsen. Am schlimmsten findet die Hotelfachfrau, dass Andreas versucht, ihre Persönlichkeit zu verändern. „Du bist so unordentlich“, mault er, wenn sie eine CD falsch ins Regal zurück stellt – und seine alphabetisch sortierten Titel durcheinander bringt. Auch über ihre Kochkünste macht er sich lustig. In seiner Gegenwart wird die sonst lebenslustige Frau zum fahrigen Mäuschen. Oft schüttet sie ihrer besten Freundin oder ihrer Mutter das Herz aus. Beide raten ihr, Andreas zu verlassen. Doch sie hat Angst, wieder Single zu sein – und vielleicht nie mehr einen Partner zu finden.

Im Extremfall droht Betroffenen Suizid

Die 33-Jährige steckt in einer manipulativen Beziehung. Anzeichen dafür sind etwa, wenn einem der Partner für alles im Leben die Rolle des Sündenbocks zuschreibt. „Mehr oder weniger deutlich wird dem Opfer mitgeteilt, dass es nicht erwünscht ist, dass sein Verhalten, seine Kleidung seine Wortwahl, seine Körpersprache nicht richtig sind“, sagt Dr. Rainer Mathias Dunkel, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Wiesbaden.

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Auf Dauer leidet das Selbstwertgefühl des Opfers. Im Extremfall drohen Depressionen oder gar der Suizid. So kennen laut Paarberater und Single-Coach Eric Hegmann manipulative Menschen keine inneren Grenzen. Wenn der idealisierte Lebensgefährte die Erwartungen nicht erfüllt, reagieren die Manipulatoren häufig enttäuscht und aggressiv. „Sie füttern bei ihrem Partner immer wieder Angst, Schuldgefühle und Verpflichtungen.“

Machtspiele in einer Partnerschaft kommen häufiger vor als man denkt. „Es ist ein allgemeines Lebensprinzip, Machtstellungen immer wieder neu zu strukturieren“, sagt Dunkel, Dabei geht es oftmals nicht allzu fair zu, wenn der Ärger an anderen ausgelassen wird. „Die im Beruf erlittenen Frustrationen werden dann unbewusst in die Familie oder die Partnerschaft verschoben“, sagt der Wiesbadener.

Narzissmus oder Selbsthass können Täter antreiben

In den Augen Hegmanns weist das Verhalten von Andreas gar narzisstische Züge auf. „Wenn sie ihre Wünsche durchsetzen, dann zählt nicht für sie, dass sie damit die Bedürfnisse anderer einschränken.“ Dunkel betont, dass manipulatives Verhalten sowohl bewusst als auch unbewusst vorkommen kann.

Besonders anfällig für eine manipulative Paarbeziehung sind Menschen, die ein geringes Selbstwertgefühl haben. Traumaopfer oder wer bereits geschädigt aus einer gescheiterten Beziehung herauskommt. Auch der Täter leidet oft unter mangelndem Selbstbewusstsein. Dabei werde der eigene Selbsthass unbewusst auf die Opfer projiziert, so Dunkel. Die Täter seien nicht imstande, sich selbst wertzuschätzen, weshalb es ihnen auch bei anderen Menschen nicht gelingt.

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Unproblematisch sind Spielchen, wenn diese liebevoll in einer lebendigen Beziehung ausgetragen werden – wenn man etwa die Macken des Partners so mitteile, dass das für ihn annehmbar ist. „Das ist der Fall, wenn man die Marotte beispielsweise in einem Witz zum Ausdruck bringt“, sagt er. Allerdings: Ist der andere müde, gestresst oder angespannt, ist das kein guter Zeitpunkt. Werde jedoch einer der Partner unbemerkt manipuliert oder gerate er in eine emotionale Abhängigkeit, sei das gefährlich, warnt Hegmann. Zum Beispiel dann, „wenn der Verursacher eines Konfliktes die Tatsachen so verbiegt, dass man plötzlich selbst Schuld trägt – und das glaubt“, sagt der Hamburger. In der Paarberatung erlebt er immer wieder Fälle, in denen Fremdgeher so argumentieren, dass der Partner sich selbst für den Auslöser des Betrugs hält. Verlässt der Manipulator seinen schwächeren Partner, bleibt dieser oft mit völlig zerstörtem Selbstbewusstsein zurück.

Gaslighting soll Opfer komplett verunsichern

Ein Extremfall des Manipulierens ist das sogenannte Gaslighting, bei der eine emotionale Abhängigkeit die Voraussetzung ist. „Der Täter versucht mehr oder weniger unbewusst dem Opfer zu suggerieren, dass das Opfer keine angemessene Wahrnehmung der Realität aufweist und grundsätzlich alles falsch macht beziehungsweise falsch sieht“, sagt Dunkel. Die Täter stärken das eigene Selbst, indem sie die Schuld für eigene Probleme auf den Partner verschieben. Außerdem drehen sie ihm die Worte im Mund herum, um ihn zu verunsichern. Hegmann erklärt, dass der Partner bewusst in Fallen gelockt wird, um die eigenen Wünsche durchzusetzen. „Ihm werden Aufgaben übertragen, an denen er scheitern wird, um ihm dann das Versagen vorzuwerfen. Wenn Sie an einen solchen Partner geraten sind, gibt es nur einen Tipp: Laufen Sie!“

Dieser Art von Beziehung kann man ohne psychotherapeutische Hilfe kaum entkommen. Hat man sich von dem Manipulator erfolgreich gelöst, sollte man die beendete Liaison mit professioneller Unterstützung verarbeiten, um bei der nächsten Liebe nicht wieder manipuliert zu werden. Jessica hat inzwischen mit Hilfe eines Therapeuten den Mut aufgebracht, Andreas den Laufpass zu geben. Jetzt arbeitet sie mit ihm an ihrem Selbstwertgefühl. Die Mainzerin trägt mittlerweile wieder die Kleidung, die sie will. Auch ihre Haare sind wieder blond.

Mit einer neuen Beziehung möchte sie sich aber noch Zeit lassen. „Irgendwann werde ich auch wieder einen Freund haben“, sagt die 33-Jährige und lächelt. „Und zwar einen, der mich so liebt, wie ich bin.“

Von Tanja Capuana