Langer Atem: Flüchtling Demeke Wosene von der LG Rüsselsheim...

Der Äthiopier Demeke Wosene läuft wöchentlich 200 Kilometer. Sein Ziel: den Marathon in 2 Stunden und 18 Minuten schaffen. Foto: Vollformat/Alexander Heimann  Foto: Vollformat/Alexander Heimann

Zwischen Kilometer 16 und 17 passiert es. Halbmarathon in Frankfurt, 11. März 2018: Demeke Wosene führt das Feld an. Vor ihm nur der Streckenwagen, ein Auto mit Zeitanzeige...

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. Zwischen Kilometer 16 und 17 passiert es. Halbmarathon in Frankfurt, 11. März 2018: Demeke Wosene führt das Feld an. Vor ihm nur der Streckenwagen, ein Auto mit Zeitanzeige auf dem Dach. Irgendetwas um die 50 Minuten steht dort oben, als Wosene in Richtung Wendepunkt läuft. An der Isenburger Schneise nahe der Commerzbank-Arena werden die Läufer ein Mal im Kreis geführt. Danach geht es die letzten Kilometer zurück in Richtung City. Absperrungen und Streckenposten sollen dafür sorgen, dass die Sportler die richtige Route nehmen.

Der Äthiopier Demeke Wosene läuft wöchentlich 200 Kilometer. Sein Ziel: den Marathon in 2 Stunden und 18 Minuten schaffen. Foto: Vollformat/Alexander Heimann  Foto: Vollformat/Alexander Heimann
Der Rüsselsheimer Markus Dangmann ist Wosenes Trainer und Mentor. Foto: Vollformat/Alexander Heimann  Foto: Vollformat/Alexander Heimann

Kostbare Sekunden verstreichen

Doch Demeke Wosene, der sich an keinem Läufer vor ihm orientieren kann, vertut sich. Er nimmt eine falsche Abzweigung, stockt, fragt die Posten an der Seite nach dem Weg. Die schicken ihn in die falsche Richtung, wird er später sagen, zweimal. Er verliert kostbare Zeit. Während er umherirrt, zieht ein anderer Läufer an ihm vorbei. Es ist der Frankfurter Tilahun Babsa, der den Wettkampf kurz darauf gewinnen soll. Zeit: eine Stunde, sieben Minuten und 38 Sekuden. Wosene läuft gut 40 Sekunden nach ihm durch die Zielgerade. Zweiter Platz.

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Wochen später kocht der Ärger über den verpassten Sieg bei dem 28-jährigen Äthiopier immer noch hoch. Wosene sitzt bei Markus Dangmann im Rüsselsheimer Stadtteil Alt-Haßloch. Der 49-Jährige ist Wosenes Trainer und Mentor, seitdem sie sich vor gut zwei Jahren trafen. Für den Gutenberg Marathon in Mainz am 6. Mai, Wosenes nächsten Wettkampf, ist Dangmann zuversichtlich: „Die Distanz liegt Demeke ohnehin eher als der Halbmarathon.“ Immerhin sei er die gut 42 Kilometer schon mal in 2 Stunden und 13 Minuten gelaufen. Den Fauxpas in Frankfurt sieht der Trainer gelassen. „Bei so einem Lauf ist der Sauerstoff in der Lunge und nicht im Kopf“, erklärt er den Irrtum. Den Mainzer Marathon, an dem mehrere tausend Athleten teilnehmen, will der Äthiopier in zwei Stunden und 18 Minuten laufen. Das ist knapp eine Minute weniger als der Sieger vergangenes Jahr gelaufen ist.

Vor Wosene auf dem Esstisch liegt der Trainingsplan, den Dangmann für ihn ausgearbeitet hat: Lockere Läufe wechseln sich ab mit schnellen. Insgesamt hat Wosene rund 200 Kilometer zu absolvieren – pro Woche. „Eine Einheit morgens, eine abends“, erklärt Dangmann, der erst vor wenigen Jahren zum Laufen kam, als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren („Ich bin ein Spätbekehrter“).

Demeke Wosene kam Ende 2015 als Flüchtling nach Deutschland. Monate später zieht er nach Rüsselsheim, wo er mit anderen Asylbewerbern in einer Containersiedlung untergebracht ist. Langweile, Warten, Untätigkeit.

Ausdauersport gegen die Untätigkeit

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Dagegen tat Wosene das, was er schon in seiner Heimat gut konnte: Er lief. Durch den Wald, am Horlachgraben entlang, um den Sportplatz. Dort wird Dangmann auf den Äthiopier aufmerksam, den er immer wieder an sich vorbeiflitzen sieht. Er spricht ihn an und nimmt den Athleten mit zur LG Rüsselsheim. Für den Verein tritt Wosene erstmals beim Rüsselsheimer Mainuferlauf 2016 an. Zig Wettkämpfe folgen. Unter Freizeitläufern ist er konkurrenzlos.

Doch Wosene ist ehrgeizig. Er wünscht sich leichtere Laufschuhe und träumt von einem professionellen Trainer, der sich nur auf ihn konzentriert. Von einer Karriere als Sportler. Dangmann holt seinen Schützling auf den Boden der Tatsachen zurück. Erklärt ihm, dass man vom Laufen in Deutschland nicht leben kann. „Marathon ist nicht Fußball“, weiß Dangmann, „der beste Deutsche muss seine Brötchen als Arzt verdienen“. Die Crux: Wosene ist zu schnell für die Amateure und zu langsam für die Profis. Er wird sich damit abfinden müssen, dass das Laufen ein Hobby bleibt.

Derzeit absolviert Wosene ein Praktikum in einem Frankfurter Altenheim. Eine Ausbildung zum Pfleger, das wäre toll. Sein Team auf Station würde ihn sofort nehmen, berichtet er stolz. Ob er in Deutschland bleiben darf, ist unklar. Eine Lehre wäre eine Perspektive.

Doch neben der Arbeit im Schichtdienst täglich zu trainieren, fällt Wosene schwer. Dangmann treibt ihn an, läuft drei Mal die Woche die Abendrunde mit ihm. Vielleicht sollte man eher sagen, hinter ihm her. „Was für ihn ein langsames Tempo ist, ist für mich schon anstrengend.“

Am Sonntagmorgen, 28. April, steht Wosenes letzte Trainingseinheit vor dem Wettkampf auf dem Plan: 20 Kilometer, richtig Tempo. Danach geht er in die so wichtige Ruhephase. Gibt es ein Ritual? Nicht wirklich, antwortet Wosene. Wobei – das richtige Frühstück sei schon wichtig vor dem Wettkampf. Auch am 6. Mai wird er es zu sich nehmen: „Grüner Tee, Bananen und Brötchen mit Himbeermarmelade.“ Die Strecke durch die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt will er sich vorher noch mal ansehen. Denn so etwas wie im März in Frankfurt soll auf keinen Fall noch einmal passieren.

Von Mara Pitz