Kann Prostatakrebs vom Radfahren kommen?

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Ist Radfahren schlecht für die Prostata? Darauf deutet eine Studie zu den Auswirkungen des Radfahrens auf die Männergesundheit hin. Doch an der Studie gibt es auch Kritik.

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. Radfahren hat ein gutes Image. Wer sich regelmäßig in den Sattel schwingt, tut etwas für seine Gesundheit und verbessert mit jedem Pedaltritt seine Ausdauer, Kraft, Koordination und Beweglichkeit. Gleichzeitig entlastet er die Umwelt, weil er aufs Autofahren verzichtet. 68,5 Prozent der Deutschen besitzen mindestens ein Rad, und 38 Prozent benutzen es täglich bis mehrmals die Woche.

Alles spricht also fürs Radfahren und nichts dagegen. Zumindest bis jetzt. Denn Langzeitradlern und Tour-de-France-Nacheiferern, die viele Stunden im Sattel verbringen, gibt eine im „Journal of Men’s Health“ veröffentlichte Studie von Professor Mark Hamer vom University College London zu denken. Es ist nach eigenem Bekunden das größte jemals durchgeführte Forschungsprojekt über die gesundheitlichen Auswirkungen des Radfahrens.

Steigt Prostatakrebs-Risiko mit der Fahrdauer?

Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass das Risiko, Prostatakrebs zu bekommen, bei Männern über 50, die pro Woche mindestens neun Stunden Rad fahren, um das sechsfache steigt – im Vergleich zu Männern, die nur knapp vier Stunden im Sattel sitzen. Prostatakrebs ist mit 26 Prozent die häufigste Krebsform des Mannes und kann bei frühzeitiger Entdeckung gut behandelt werden. Bundesweit werden laut Robert-Koch-Institut pro Jahr etwa 63.400 Neuerkrankungen festgestellt.

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Ums Radfahren haben sich schon immer die wildesten Gerüchte gerankt, und Wahres vermischt sich mit Falschem. Ja, Lance Armstrong hatte im Alter von 25 Jahren Hodenkrebs. Und Ivan Basso, der italienische Radrennfahrer, musste 2015 die Tour de France abbrechen, weil bei ihm ein Krebsgeschwür an den Hoden festgestellt wurde. Gleichzeitig widersprechen Beispiele der verbreiteten Befürchtung, dass der ständige mechanische Druck auf die Prostatadrüse extensive Radler unfruchtbar mache, weil er die Durchblutung im Genitalbereich hemme: Radsportlegende Rudi Altig hat drei Kinder, Eddy Merckx zwei, Jan Ullrich vier, Lance Armstrong fünf, und der Tour-de-France-Gewinner von 2013, 2015, 2016 und 2017, Christopher Froome, ist Vater eines zweijährigen Jungen.

Schnelle Entwarnung bei Erektionsstörung und Unfruchtbarkeit

Aber zurück zur Studie. Ausgewertet wurden die Daten, die 5200 aktive britische Radler im Alter zwischen 16 und 88 Jahren in den Jahren 2012 und 2013 per Internet an die Wissenschaftler gemeldet hatten. Unter anderem mussten sie angeben, wie viele Stunden sie im Sattel verbringen. Mit der Studie sollte ein möglicher Zusammenhang zwischen Radfahrgewohnheiten, Erektionsstörungen, Unfruchtbarkeit und Krebs ermittelt werden. In puncto Erektionsstörung und Unfruchtbarkeit gab es schnell Entwarnung.

Um Aufschlüsse über ein mögliches Prostatakrebsrisiko zu bekommen, wurden die Daten von 2027 Studienteilnehmern ausgewertet, die 50 Jahre und älter waren. Bei Jüngeren liegt das Risiko bei unter einem Prozent.

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Von dem Studienergebnis war Professor Mark Hamer selbst überrascht. Er vermutet, dass Rad-Enthusiasten wahrscheinlich gesundheitsbewusster leben als Couch-Potatoes, öfter zum Arzt gehen und deshalb die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass bei ihnen der Prostatakrebs entdeckt wird. Er betont aber auch, dass Radfahren grundsätzlich gesundheitsfördernd ist.

Kritik: Fehlende Kontrollgruppe macht Studie fehleranfällig

Kritiker der Studie bemängeln, dass es keine Kontrollgruppe mit Nicht-Radlern gab und die Probanden die gewünschten Daten zum Teil nur abschätzten. Das mache die Studie fehleranfällig.

Privatdozent Dr. Rolf Gillitzer, Chefarzt für Urologie am Klinikum Darmstadt, misst der Studie keine weitreichende Bedeutung bei. Vorwiegend junge Leute betrieben Radfahren als Extremsport, sagt er, und in dieser Gruppe sei keine Zunahme des Prostatakrebsrisikos bekannt. Bei älteren Männern sieht es etwas anders aus. Eine Vergrößerung der Prostata mit einer Zunahme des PSA-Wertes bis 4 ng/ml (PSA = prostataspezifisches Antigen) gilt bei Männern über 50 als normal. „Das ist ein Alterungsprozess – wie das Grauwerden der Haare“, beruhigt Gillitzer. Es gibt verschiedene Theorien zur Entstehung eines Prostatakarzinomes, die Ursache ist wahrscheinlich multifaktoriell.

PSA-Wert erhöht sich beim Radfahren

PSA ist ein Eiweiß, das in den Zellen der Prostata gebildet und aufgrund von Alter, Entzündungen oder bei bösartigen Veränderungen vermehrt produziert wird. Der Wert spielt bei der Krebsfrüherkennung zwar eine Schlüsselrolle, sagt aber nichts über die Ursache der Veränderung aus. Bei Verdacht auf Prostatakrebs verschafft nur eine Biopsie – die Entnahme einer Gewebeprobe aus dem verdächtigen Bereich – Gewissheit. Durch die mechanische Reizung im Dammbereich und das Anspannen der Beckenbodenmuskulatur beim Radfahren erhöht sich dieser Wert.

Deshalb wird Patienten drei Tage vor einer Blutabnahme zur PSA-Bestimmung empfohlen, aufs Radfahren zu verzichten, damit sich der PSA-Spiegel wieder normalisieren kann. „Sport treiben ist jedoch keinesfalls verkehrt“, meint Gillitzer, der persönlich lieber joggt, als auf die Pedale zu treten.

Gut angepasster Sattel für bessere Durchblutung

Mit einem gut angepassten Sattel lässt sich das nach langem Radeln entstehende Taubheitsgefühl im Dammbereich zwischen Hodensack und After vermeiden. Je schmaler er ist, umso mehr werden die Blutgefäße in der Leistengegend zusammengedrückt. Dagegen unterstützen breitere Sättel die Beckenknochen und sorgen für bessere Durchblutung, weil weniger Druck auf Venen und Arterien ausgeübt wird. Einige Fachgeschäfte ermitteln mit einer Sitzknochenvermessung die individuell optimale Sattelbreite.

Darf ein Mann mit der Diagnose Prostatakrebs noch Rad fahren? Dieses Hobby würde sich Johannes Berbner, Mitglied der Darmstädter Selbsthilfegruppe Prostatakrebs, niemals verbieten lassen. 2005 wurde er mittels HIFU (Hochintensive fokussierte Ultraschall-Behandlung der Prostata mit Ablatherm-System) operiert und saß drei bis vier Wochen später schon wieder im Sattel. Mit Trekkingrad, Mountainbike und Rennrad legte er seitdem 30 000 Kilometer in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien zurück. Das entspricht 2500 Kilometer pro Jahr. Zwei- bis dreimal in der Woche unternimmt er größere Touren. Dass der schlanke, agile Senior schon 85 Jahre alt ist, glaubt ihm kein Mensch. Er ist davon überzeugt, dass er seine Fitness dem Radfahren verdankt. Wobei er schon manchmal spürt, dass er nicht mehr der Jüngste ist: „Die Beine werden müde, aber nicht der Po.“