In der Hölle: Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern vor...

Blick auf die Westtribüne, wo die treuesten der FCK-Fans ihr Team anfeuern. Foto: dpa

Mythos Betzenberg: Einst war das Stadion des 1. FC Kaiserslautern bei Gegnern in der Fußball-Bundesliga gefürchtet. Heute sorgen sich die FCK-Fans um die Zukunft ihres Vereins.

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. Wenn es schon dunkel war über dem Pfälzer Wald und der 1. FC Kaiserslautern ein Heimspiel hatte, dann stellte sich über Jahrzehnte hinweg bei den gegnerischen Mannschaften ein mulmiges Gefühl und bei den FCK-Fans ein besonderes Kribbeln ein. Schon bei ihrer Anreise sahen Spieler und Zuschauer die Flutlichtmasten auf dem 285 Meter hohen Betzenberg in Kaiserslautern leuchten. "Der Betze brennt", sagten die einen, von der "Hölle" sprachen die anderen. Zumal im Fritz-Walter-Stadion stets eine spezielle, aufgeheizte Stimmung herrschte.

Schnell entstand die Legende, bei Heimspielen des 1. FC Kaiserslautern werde so lange gespielt, bis der FCK doch noch das Siegtor erzielte. Was selbst den Dauermeister FC Bayern München so nervte, dass deren Spieler Paul Breitner 1982 den berühmten Satz sagte: "Am besten schicken wir die Punkte gleich mit der Post nach Kaiserslautern." Das waren die guten Zeiten, die das Stadion erlebte. Heute sind Heimspiele des FCK meist eine triste Angelegenheit. Der teils nur noch zu einem Drittel gefüllte "Betze" brennt nicht mehr. Er flackert nur noch. Selbst über einen Abriss denken erste Politiker schon nach.

Seit 1920 auf dem Betzenberg

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Und das nach einer rund 100-jährigen Geschichte. Nachdem die Lauterer in den ersten Vereinsjahren auf mehreren Sportplätzen zu Hause waren, unter anderem in Eselsfürth, wechselte der FCK (der damals noch nicht so hieß - der Vereinsname wechselte durch diverse Fusionen bis 1931 mehrfach) im Mai 1920 - beginnend mit einem Spiel gegen Pfalz Ludwigshafen - auf den Betzenberg. Und blieb dort bis heute.

"Mit Hacken und Schaufeln ziehen die Mitglieder auf den Betzenberg, wo auf dem steinigen Gelände in Eigenarbeit ein Stadion mit Sandplatz und Zuschauerrängen sowie eine kleine Tribüne auf der Südseite gebaut werden", heißt es zum Entstehen des Stadions in der Chronik des 1. FC Kaiserslautern. 1926 kicken die Fußballer dann erstmals auf einem Naturrasen.

Von 1933 an muss sich der FCK das Stadion mit den Nazis teilen. Die NSDAP unternahm dort eigene Sport- und auch politische Veranstaltungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg benannten die Franzosen das in ihrer Besatzungszone liegende Stadion für einige Monate in "Stade de Montsabert" um. Bis der Platz nach den Zerstörungen aus dem Krieg wieder hergerichtet war, trainierten die Lauterer auf dem benachbarten Erbsenberg. Nach der Rückkehr auf den Betzenberg erlebt das Stadion mit zunächst 30.000, ab 1972 38.000 Plätzen dann blühende Jahrzehnte.

Wende zum Negativen

Die Wende zum Negativen kam vor 20 Jahren. Der Verein hatte gerade einen Höhepunkt der Vereinsgeschichte erlebt. Trainer Otto Rehhagel führte das Team 1998 als bisher einzigen Bundesliga-Aufsteiger zum Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Dazu bewarb sich Kaiserslautern als einer der Austragungsorte für die Weltmeisterschaft 2006 - und erhielt den Zuschlag. Und bald darauf begann der Stadion-Ausbau, an dem alle Beteiligten heute noch zu knabbern haben. Die Kosten wuchsen von den ursprünglich geplanten 48,3 Millionen Euro auf am Ende über 70 Millionen Euro.

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Der Verein als Stadionbesitzer stand 2003 vor der Pleite und musste die Arena an eine eigens gegründete Fritz-Walter-Stadion Kaiserslautern GmbH verkaufen. Hinzu kommt der sportliche Niedergang des Vereins: Seit Jahren kämpft der FCK in der Zweiten Liga ums Überleben. Um konkurrenzfähig zu bleiben, bat der Verein die Stadt immer wieder um Mietminderungen. Der Stadtrat stimmte meistens zu. Mit der Folge, dass die Kosten für den Umbau samt Zinsen die Stadt als einzige Gesellschafterin des Stadions enorm belasten. Ein Ende ist nicht absehbar: Denn die Miete in der ursprünglich angedachten Höhe könnte der Verein wohl nur bezahlen, wenn er dauerhaft wieder Bundesliga spielt. Tatsächlich droht der Sturz in die Drittklassigkeit. Stadt und FCK hoffen auf den Einstieg eines Investors. Und selbst den Abriss und die Umwandlung des Stadions in ein Wohngebiet schließen einige Politiker nicht mehr aus.

Erinnerung an einzigartige Momente

Verschwinden würde dann ein Stück deutscher Fußball-Geschichte, in dem die Zuschauer einzigartige Momente erlebten. Dort spielte in den 1950er Jahren die legendäre Walter-Elf mit Fritz Walter, Ottmar Walter, Werner Kohlmeyer, Horst Eckel und Werner Liebrich, den Weltmeistern von 1954, nach denen das Stadion und die vier Eingangstore benannt sind. Dort drehte der FCK 1973 einen 1:4-Rückstand gegen den FC Bayern München in der letzten halben Stunde noch in einen 7:4-Sieg um. Dort schlugen die Pfälzer 1982 im Uefa-Cup Real Madrid 5:0. Dort besiegten sie den FC Barcelona in der Champions League 1991 3:1 - und schieden doch durch das Gegentor in der 89. Minute tragisch aus. Dort feierte der FCK 1998 nach einem 4:0-Sieg gegen den VfL Wolfsburg seine vierte Deutsche Meisterschaft.

Doch seitdem warten die Besucher des Stadions auf große Momente. Was auch am Ausbau auf die heutige Größe liegt. Das Fritz-Walter-Stadion gilt rückblickend als einzige Arena der WM 2006, die durch den vorher erfolgten Umbau zum Verlierer wurde. Zum einen, weil die den Gegner beeindruckende Enge verloren ging. Zum anderen, weil das Stadion nach der Erweiterung auf rund 50.000 Plätze selbst in der Bundesliga kaum ausverkauft war und so nur noch selten zu einem Hexenkessel wird.

Inzwischen ist der Zuschauerschnitt auf etwas mehr als 20.000 Besucher gesunken. Was zumindest den Vorteil hat, dass es bei Heimspielen kaum noch Verkehrsprobleme gibt. Dieses lässt sich bei vollem Haus aufgrund der Lage des Stadions kaum vermeiden. Fast alle Besucher müssen durch die Stadt, um ins Stadion zu gelangen. Tausende laufen dann gemeinsam die letzten Meter steil den Berg hoch, auf dem das Stadion seit 1920 seinen Sitz hat.

Zumindest am Stadionstandort wurde nie gerüttelt. Und auch die Benennung des Stadions nach FCK-Ehrenspielführer Fritz Walter statt nach einem Geldgeber gilt als unantastbar. Ansonsten hat sich auf dem Betzenberg viel getan in den letzten Jahrzehnten. In denen der Betze oft brannte. Aber heute nur noch glimmt.