Dialekte in Deutschland: Hier wird viel Mundart gesprochen

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Wie heißt das Apfel-Kerngehäuse? Die Antwort unterscheidet sich - je nachdem, wo in Deutschland man fragt. Über die Geschichte der Dialekte und warum einer besonders beliebt ist.

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. Was für die einen ein Butzn ist, ist für die anderen ein Griebsch. Gemeint ist jedoch dasselbe: das Kerngehäuse, das übrig bleibt, nachdem man einen Apfel zu Ende gegessen hat. Die Wörter wird man aber nicht überall in Deutschland hören: Butzn gibt es überwiegend in Bayern, Griebsch hingegen in Sachsen. Die zwei Begriffe sind beispielhaft für die Vielfalt der deutschen Dialekte.

Doch was genau ist ein Dialekt und wie viele davon gibt es in Deutschland? „Dialekte, auch Mundarten genannt, sind Varietäten der deutschen Sprache, die nur in bestimmten Regionen verwendet werden“, erklärt Professor Dr. Roland Kehrein vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas in Marburg. Gemeinsam mit einem Team von Sprachwissenschaftlern erfasst er im Rahmen des Projekts Regionalsprache.de der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur seit über zehn Jahren die modernen Regionalsprachen des Deutschen.

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Dialekte sind älter als die hochdeutsche Sprache

Dialekte sind über 1000 Jahre alt und damit viel älter als das Hochdeutsche. Wie sie genau entstanden sind, lässt sich nicht sagen. Bairisch, Alemannisch, Fränkisch oder Hessisch lassen sich bis auf die Sprachen germanischer Stämme zurückführen. Aufgrund ihrer Ähnlichkeit haben Sprachwissenschaftler die deutschen Mundarten zu großen Verbänden zusammengefasst. Je nach Einteilung gibt es bis zu 20 solcher großen Dialektgruppen. Rheinhessisch und Pfälzisch gehören demnach zur Gruppe der rheinfränkischen Dialekte.

Laut einer Umfrage des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim behauptet jeder zweite Deutsche, dass er einen Dialekt sprechen kann, wobei das Ausmaß des Gebrauchs sehr unterschiedlich ist. Unter Dialekt versteht jedoch die Mehrheit der Befragten nicht die tatsächliche Mundart, sondern eine Sprechweise, die eine regionale Prägung hat. „Wenn Sie in Hessen oder Rheinland-Pfalz fragen, was Franz Beckenbauer spricht, würden alle Bairisch sagen. Er spricht aber im Fernsehen gar keinen Dialekt. Das, was wir hören, ist sein bestes Hochdeutsch“, schildert Kehrein.

Warum Bairisch besonders beliebt ist

Bairisch gehört zu den meistgesprochenen Dialekten und zu den Mundarten, die am positivsten bewertet werden. Vermutlich wird er von etwa 15 Millionen Menschen, die zum Teil in Österreich und Südtirol leben, gesprochen. Warum der Dialekt so beliebt ist, hängt mit vielen Faktoren zusammen. „Die Region kennt jeder, viele Leute fahren dorthin in den Urlaub und Bayern München hat viele Fans: deswegen wird der Dialekt auch positiv empfunden“, erklärt Professor Ludwig Eichinger, Direktor des IDS.

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Dialekte sind nicht in allen Teilen Deutschlands gleich verteilt. „Viel Mundart wird vor allem im Süden gesprochen“, erklärt Eichinger. Auch die meisten Dialektsprecher sind laut IDS in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Thüringen und Saarland zu finden. Das liegt unter anderem daran, dass der oberdeutsche Süden (Bayern, Baden-Württemberg und ein Teil von Thüringen) über lange Zeit eine stark ländliche und erst später industrialisierte Gegend war, was die Ausbreitung der Dialekte förderte.

Dialekt, Regiolekt und Einheitssprache

Mit der steigenden Mobilität der Bevölkerung und den wachsenden Handelsbeziehungen waren die Dialekte irgendwann nicht mehr geeignet als alleiniges Kommunikationsmittel. Die Einheitssprache wurde immer öfter zur Kommunikation im Alltag verwendet. Mit der Zeit bekam diese Einheitssprache ein viel höheres Ansehen als die Dialekte, die für Menschen aus anderen Regionen schwer bis nicht verständlich waren. „Unsere Standardsprache, wie wir sie heute kennen, basiert im Wesentlichen auf Dialekten, die in der Mitte und im Süden Deutschlands gesprochen wurden“, erläutert Kehrein.

Die mündliche Verwendung der Einheitssprache heutzutage ist regional geprägt: Die Aussprache verrät, wo man herkommt. Diese Art zu sprechen, die die Sprachwissenschaftler als Regiolekt bezeichnen, hat heute vielfach die sozialen Funktionen der früheren Dialekte, die in vielen Regionen nicht mehr an die Folgegenerationen weitergegeben werden, übernommen.

Von Neli Mihaylova