WM-Einwurf: Statik und Struktur fordern Tempo und Leidenschaft...

Garant 1 fürs Viertelfinale: Hugo Lloris. Foto: dpa

Robben, Rodriguez, Lloris und Messi - sie könnten den Unterschied ausmachen und ihre Teams ins Halbfinale führen. Die Chancen, dass mit Deutschland und Brasilien sowie...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Diese Fußball-WM setzt klare sportliche Zeichen: Erstmals haben alle Gruppensieger bei einer Weltmeisterschaft das Achtelfinale überstanden. Vor vier Jahren war eine der acht Mannschaften, die ihre Vorrundengruppe erfolgreich am Kopf der Tabelle beendet hatten, die USA, noch am diesjährigen Gruppengegner Ghana gescheitert. Immerhin fünf der acht Viertelfinalisten hatten die Buchmacher und quer durch den Blätterwald auch viele Sportredaktionen ganz oben auf dem Zettel: Brasilien, Argentinien, Niederlande, Deutschland und Belgien. Frankreich galt nach dem Ausfall von Franck Ribery als Überraschungsei, Kolumbien als Außenseiter mit viel Talent und Costa Rica als Fischfutter zwischen den Weltmeistern Italien, Spanien und England.

Rein auf dem Papier scheint die Angelegenheit in drei von vier Partien eine klare Sache. Nur bei Frankreich gegen Deutschland wartet ein echter Klassiker. Doch so, wie sich die vermeintlichen Favoriten bei diesem Turnier bisher präsentiert haben, kann noch niemand von sich behaupten, das Halbfinal-Ticket mal einfach so mitzunehmen. Hier die Chancen der Teams im Überblick:

Frankreich - Deutschland

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Didier Deschamps hat viel Klasse in seinem Team. Vor allem die jungen Wilden, Pogba, Griezmann und Varane, hinterlassen einen starken Eindruck, spielen mit Leichtigkeit und Erfolgshunger. Dennoch tat sich die Equipe Tricolor gegen starke Nigerianer phasenweise extrem schwer und hatte Glück, dass die Afrikaner bis zur eigenen Drangphase kurz vor Schluss noch keinen Profit daraus gezogen hatten. Letztlich ein Torwart-Fehler brachte die Franzosen auf die Siegerstraße. Dass er aber mit viel Tempo und Zug zum Tor spielen kann, hat der Weltmeister von 1998 in so vielen Szenen, aber auch zuvor in der Gruppenphase gezeigt, so dass allein die Spielweise der zunehmend durch Statik geprägten Art der Deutschen deutlich überlegen sein dürfte. Schlussmann Hugo Lloris hielt zudem schon dreimal seinen Kasten sauber.

Jogi Löw hat es auch im vierten Spiel nicht geschafft, seinem Team die defensive Taktik mit vier Innenverteidigern derart nahe zu bringen, dass der Laden hinten auch wirklich dicht ist. Zulasten der Offensivbemühungen hat der Taktikwechsel ohne Außenverteidiger und echten Stoßstürmer nur für Unsicherheit gesorgt. Dass nach Hummels auch Mustafi verletzt ausfiel, könnte für den Bundestrainer der entscheidende Fingerzeig gewesen sein. Denn Lahm war als Außenverteidiger deutlich wertvoller als im Mittelfeld. Bleibt die Frage, ob Löw, jetzt, wo Hummels wieder fit zu werden scheint, Frankreich trotzdem mit einer Startelf aus alten Zeiten überrascht, zum Beispiel mit Lahm auf Links und Großkreuz auf Rechts, mit Klose im Zentrum und Khedira neben Schweinsteiger von Beginn an. Andernfalls droht Manuel Neuer erneut die Funktion des Liberos - und er kommt vielleicht doch mal einen Schritt zu spät.

Tipp: Jogi Löw hält an seiner Taktik mit vier Innenverteidigern fest - und verliert Ordnung, Stabilität und 1:3 gegen Frankreich.

Brasilien - Kolumbien

Der Gastgeber hat sich bislang wenig mit Ruhm bekleckert. Der Elfermeter-Sieg gegen Chile war für Spieler und Fans hochgradig peinlich. Zusätzlich versetzte eine Verletzung ihres Dreh- und Angelpunktes, Neymar, die Nation in Angst und Schrecken. Durchatmen, der Youngster kann spielen. Und das gemeinschaftliche Überstehen der schwierigsten Phase bei diesem Turnier schweißt die Brasilianer endlich zu einer Einheit zusammen. Läuferisch muss der Schub allerdings gegen selbstbewusste Kolumbianer auch kommen. Denn da besteht bei allen Samba-Kickern noch viel Luft nach oben.

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Kolumbien hat bei dieser WM schon mehr erreicht als je ein Team aus dem südamerikanischen Land bei einer WM zuvor. Valderama, Higuita, Valencia - so spektakulär sie ihre Karrieren auch gestaltet haben, so erfolgreich wie Kronjuwel James Rodriguez sein Team führt, scheint er sich gerade ein Denkmal in den Herzen der Kolumbianer bauen zu wollen - auch ohne wilde Frisur und Sperenzchen - nur die Größe steht noch nicht fest. Bleibt der 22-Jährige in Geberlaune, scheint auch der Zuckerhut kein unüberwindliches Hindernis. Entscheidend wird hierbei auch sein, ob Torwart Ospina einen seiner beim OSC Nizza nicht unüblichen Klopper bringt. Er scheint der größte Risikofaktor zu sein.

Tipp: Brasilien ist fällig, der Elfmeter-Effekt verpufft. Die offensivstarken Kolumbianer lassen den Traum der Gastgeber vom Heim-Titel mit 2:1 platzen.

Argentinien - Belgien

Ob als Vorbereiter oder Vollstrecker - selbst wenn man Superstar Lionel Messi in Ketten legen würde, so ganz konnte ihn bei dieser WM noch kein Team aus dem Spiel nehmen. Die Schweiz hat zwar gezeigt, wie so was 118 Minuten funktioniert, doch ein genialer Messi-Moment reicht aus, um das mühsam aufgebaute Kartenhaus der Gegner wegzupusten. Messi ist in Brasilien die Lebensversicherung der Albiceleste. Wenn ihn keiner brutal weggrätscht, wird der 27-Jährige auch gegen Belgien seine Scorerpunkte sammeln.

Der Blick ins Statistik-Buch lässt befürchten, dass die ersten 70 Minuten in Brasilia sehr öde werden könnten. Mit Kompany und van Buyten formiert Belgien schließlich eine der stabilsten Abwehrverbände des Turniers. Spätestens, wenn Trainer Marc Wilmots seine Spieler zum Warmmachen schickt, sollten Argentiniens Macher genau hingucken, wer da an der Seitenlinie seine Bahnen zieht. Denn vier der sechs bisherigen WM-Tore haben Einwechselspieler erzielt, zudem wurden zwei Treffer von der Bank vorbereitet.

Tipp: Messi trifft früh zum 1:0, Belgien rennt dem Rückstand hinterher - vergebens.

Niederlande - Costa Rica

Costa Rica - wer ist denn Costa Rica? Wenn sich die Niederländer auf ihre eigene Stärke besinnen, von Anfang an das Heil in der Offensive suchen und mit Robben, Snejder und Van Persie aufs Tempo drücken, könnte für den besten Angriff des Turniers das Halbfinal-Ticket schon mit dem Halbzeitpfiff in trockenen Tüchern sein. Doch Robben musste viel Kritik für sein Abheben im Strafraum - getroffen oder nicht, oskarreif war es allemal - einstecken, Snejder für sein Spiel überhaupt. Und van Persie hat bei keinem Spiel annähernd an seine Treffsicherheit gegen Spanien anknüpfen können. Allein diese drei Aspekte könnten die Niederländer nachdenken - und möglicherweise - die Wiederholung des Finaleinzugs vor Augen - über die eigenen Ambitionen stolpern lassen.

Costa Rica - wer ist denn Costa Rica? Die Frage hat das Team um Keeper Keylor Navas bereits hinlänglich bei diesem Turnier beantwortet. "Wir haben keine Angst vor niemandem", betont Trainer Jorge Luis Pinto gebetsmühlenartig. Auch vor der Elftal wird der nach dem Duell mit Griechenland reichlich ramponierten Kader nicht zurückstecken. Was haben die Kicker von der Goldküste auch schon zu verlieren. Vielmehr können Navas und Co weiter für große Vereine vorspielen. Das Interesse des FC Bayern am überragenden Schlussmann werden genauso kolportiert wie Angebote von Juventus Turin und Olympique Marseilles an den Diensten von Abwehr-Ass Michael Umana und Mittelfeld-Motor Christian Bolanos.

Tipp: Die Niederlande beendet die Erfolgsserie der Ticos mit einem klaren 4:1 in der regulären Spielzeit.