WM-Einwurf: Problemfeld Strafraum. Schiri-Hilfsmittel ein Flop?

Ein Hilfsmittel, dass seinen Nutzen bei dieser WM weitgehend schuldig blieb - das Freistoß-Spray für Schiedsrichter. Symbolfoto: dpa

Tor oder kein Tor, Elfmeter oder Schwalbe, Foul oder Weiterspielen - es gab genügend Spielsituationen bei der WM, die für Diskussionen sorgten und die Leistungen der...

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. Von Ali Reza Houshami

Es ist eine hohe Bürde, die sie tragen. Alle Augen sind auf sie gerichtet, Tausende im Stadion, Millionen von Zuschauern vor dem Fernseher. Nur eine Unachtsamkeit, ein Missverständnis, eine Fehlentscheidung entscheiden ein Spiel, während die Verlierer sich benachteiligt und "verpfiffen" fühlen und, schlimmstenfalls, eine ganze Nation sie als Sündenbock ausmacht, öffentlich kritisiert und erniedrigt - letztere gewöhnlich der Fall auf der höchsten internationalen Fußballbühne: bei der WM.

Zwar ist der Schiedsrichter die Instanz, die Entscheidungen fällt und sie verantwortet. Doch was wäre er angesichts des stetig steigenden Spieltempos ohne seine Kollegen, die beiden Assistenten an der Linie, die Abseitspositionen millimetergenau erkennen, oder den vierten Offiziellen, der die Gemüter am Spielfeldrand besänftigt. Doch geht es nach der Fifa, bedarf es zusätzlicher, technischer Hilfsmittel, um möglichst Fehlentscheidungen und -interpretationen zu vermeiden. Menschenaugen reichen demnach nicht.

"Wundermittel aus der Dose"

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Ein neues Schiedsrichter-"Gimmick" war das Freistoß-Spray, dessen Inhalt Rasierschaum zum Verwechseln ähnlich sieht und mit dem die Offiziellen bei Standards die 9,15-Meter-Distanz zwischen Schützen und Mauer markierten. Ob das unbedingt notwendig ist, darüber lässt sich streiten. Keine Diskussionen mehr vor den Ausführungen bedeutet im Schnitt einen Zeitgewinn von rund 25 Sekunden gleich mehr Dynamik im Spiel, so ihre Befürworter. Tatsächlich? Wo bleibt der Torreigen, den man sich ebenso davon versprach? Interessant zudem, dass Spieler die Grenzlinie zukünftig wohl öfter ungeahndet überschreiten werden als nur bei der Partie Japan gegen Griechenland, wenn sie den Schaum nicht direkt wieder wegwischen, wie der Kolumbianer Cuadrado es im Spiel gegen Brasilien tat.

Die zweite Innovation verbarg sich hinter der Goal-Control-Technik, die den Referee dann per Vibrationsalarm auf seiner Uhr informiert, sobald der Ball die Torlinie überschreitet. Bisher funktioniert diese Torlinientechnik einwandfrei, auch wenn sie lediglich beim Spiel Frankreich gegen Honduras zum ersten und letzten Mal erfolgreich zum Einsatz kam. Ihre Einführung in nationale Wettbewerbe wird auch weiterhin zur Debatte stehen. Stichwort Phantomtor von Stefan Kießling aus der abgelaufenen Bundesliga-Saison oder der nicht anerkannte Kopfballtreffer von Hummels beim Endspiel des DFB-Pokals zwischen dem BVB und Bayern München, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Karten geraten in Vergessenheit

Was uns die bisher 62 ausgetragenen Partien bei der WM vielmehr sagen: Bei all den neuen Ausstattungen vergaßen die Referees wohl, zu den bewährten Mitteln zu greifen, den beiden Karten. 170 Mal Gelb und zehn Platzverweise - in beiden Fällen Tiefstwert seit der WM 1986. Von geheimen Absprachen, die Karte möglichst spät zu ziehen, davon möchte die Fifa nichts wissen. Sicherlich: Fußball ist ein körperbetontes Spiel, kleinliches Pfeifen macht das Spiel langsam und unattraktiv. Aber etwas mehr Spielleitung dürfte sicherlich nicht schaden. Spätestens die K.o.-Spiele machten es deutlich.

Experten lobten etwa Referee Howard Webb für seine Leistung im Achtelfinale Chile gegen Brasilien. Klar, vorbildlich seine Autorität und einige Entscheidungen. Leider übersah man jedoch, dass das Duell von vielen Fouls geprägt war und der Brite erst dann die Karten zückte, als das Spiel aus seinen Händen zu entgleiten drohte. Zumindest fand er aber die Reißleine, Kollege Carlos Velasco Carballo jedenfalls nicht: Vier gelbe Karten bei 54 Fouls im 90-minütigen "Fight" zwischen Kolumbien und Brasilien: ohne Worte. Was folgt, wenn Referees Kicker in einem Alles-oder-Nichts-Spiel gewähren lassen, darüber können die brasilianischen Fans vermutlich besser berichten. Neymar lässt grüßen.

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Es rappelt im Kasten

Was einmal mehr zum Diskutieren bewog: die krassen Fehlentscheidungen bei Strafstößen. Mal wurden sie verschenkt (Brasilien gegen Kroatien), mal blieb der Pfiff des Referees ungerechterweise aus, etwa beim Spiel Iran gegen Argentinien. Ganz zu schweigen davon, dass im 16er Tätlichkeiten regelmäßig übersehen wurden. Höhepunkt dabei: der Biss von Luis Suárez. Sicherlich, um Ex-Fifa-Referee Urs Meier zu folgen, der Fußball ist dynamischer geworden, die Offiziellen können nicht immer "auf der Höhe" sein und sekundenschnell richtig entscheiden. Wie denn auch?! Jedoch werden weder Spray noch andere Mittel die Fehlerquote verringern. Eher gute Augen und gesunde Urteilskraft wären gefragt. Und da kommen die Assistenten wieder ins Spiel.

ZDF-Kommentator Bela Rethy behauptete beim Spiel Deutschland gegen Algerien, die Linienrichter seien für ihn die Stars dieser WM, da sie selbst bei kritischen Abseitssituationen oft richtig lagen. Kritische Spielsituationen im Strafraum hingegen - das können auch sie nur schwer erkennen, da sie an der Außenlinie zu weit vom Geschehen entfernt sind. Also pochen einige auf den Videobeweis. Doch seine Einführung würde nicht nur dem Spiel die Dynamik nehmen, indem neben den Trinkpausen, die in Brasilien vermutlich nur als Generalprobe für die Wüsten-WM 2022 dienten, mehr Videosequenzen angeschaut werden würden, als das Spiel Spiel sein zu lassen.

Es wäre vor allem der Tatsachenentscheid des Schiedsrichters, der in Frage gestellt werden würde, was wiederum an seiner Autorität und Stellenwert kratzen würde. Der richtige Weg? Wieso nicht lieber auf menschliche Urteilskraft setzen und weitere Assistenten dem Offiziellen zur Seite stellen? Ach so, richtig: schon der "kleine Bruder" des Fußball-Weltverbandes, die Uefa, hatte solch eine Idee. Und ihre Innovation, zwei zusätzlich Torrichter einzusetzen, schlug fehl. Fungierten die neuen Offiziellen doch mehr als Zuschauer in erster Reihe, als tatsächlich ihren Kollegen zu helfen. Ein Dilemma, dem man aber vermutlich mehr mit professioneller Ausbildung entgegenwirken könnte, als mit neuen Hilfsmitteln.