WM-Einwurf: Die Überraschungen der Vorrunde

Negative Überraschung: Der Schweizer Kosovaren-Jubel sorgt für Misstöne im Duell mit Serbien. Foto: dpa

Der amtierende Weltmeister ist schon daheim. Das deutsche Aus ist die größte negative Überraschung dieser Vorrunde. Doch auch einzelne Akteure werden einen dicken Haken an...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Diese Weltmeisterschaft hat schon in der Vorrunde eine Menge Überraschungen auf den Tisch gelegt, positive wie negative, an die man sich noch Turniere lang wird erinnern können und die in keinem Jahresrückblick fehlen werden. Das deutsche Vorrunden-Aus gehört zu den negativen Höhepunkten, der Mangel an Gewalt in und um die Stadien zu den bislang positivsten.

Positiv:

Fanstimmung - Die befürchteten Krawalle in Russland sind bislang ausgeblieben. Gewaltübergriffe von Hooligans wurden im Vorfeld im Keim erstickt. Dafür hat Russlands Präsident Putin mit harten Strafen gesorgt. Zudem durften 1300 gewaltbereite Briten und 150 auffällige Franzosen gar nicht erst einreisen. Die Fans in und um die Stadien feuern ihre Teams bedingungslos an, pfeifen den Gegner aus - und trinken nach Abpfiff gemeinsam ein Bier. So ist WM-Stimmung richtig gut.

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Videobeweis - Bis auf einzelne Szenen, in denen die Schiedsrichter - vermutlich aus Mangel an Erfahrung oder Unsicherheit - die selbst gesehenen Bilder anzweifelten und das Videomaterial überraschenderweise überstimmten, hat sich das technische Hilfsmittel in der russischen Form - also kein zentraler Keller in Moskau, sondern mobile Stationen in jedem Stadion plus Bildschirm am Spielfeldrand bewährt. Natürlich wurden die Spiele jäh unterbrochen, natürlich die Spielzeit in die Länge gezogen, natürlich viel mehr Elfmeter gepfiffen als jemals zuvor. Doch mit dem Videobeweis wurden knifflige Szenen gerechter entschieden. Und die Transparenz der Entscheidungen ist - im Gegensatz zum Einsatz der Technik zuletzt in der Bundesliga - herausragend hergestellt. Den Ronaldo-Bonus nach seinem Ellbogenschlag gegen den Iran sollten sich die Unparteiischen allerdings nicht allzu oft erlauben.

Nachspielzeit - Der Videobeweis hat natürlich viel Nachspielzeit summiert. Die die Teams allerdings sehr oft zu Torerfolgen nutzten. Ein Spiel dauert 90 Minuten - von wegen. Entscheidende Treffer in der Nachspielzeit waren in der Vorrunde keine Seltenheit. Für die Zuschauer ein Gewinn, denn so blieb es unberechenbar und spannend bis zum Abpfiff.

Panama/Island - Die WM-Neulinge haben überzeugt. Island konnte zwar nicht an die Überraschungserfolge der EM 2016 anknüpfen, doch haben sich die Insel-Kicker dennoch gut verkauft. Panama hat mit zwei Toren - das einzige eigene erzielte Felipe Baloy gegen England - erreicht, was zu erreichen war, und damit viele Sympathien auf seine Seite gezogen.

Saudi-Arabien/Peru - Die WM-Rückkehrer haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten geliefert. Die Araber steigerten sich von Spiel zu Spiel, die Peruaner ackerten unermüdlich. Beide Mannschaften wurden mit einem Sieg im dritten Gruppenspiel belohnt. Herausragend auch die südamerikanischen Anhänger, die Spielorte wie Sotschi in peruanische Enklaven verwandelten. Und aus jedem Spieltag ein Fußballfest entstehen ließen.

Torjäger - Ronaldo, Kane, Lukaku - mehr als ein Tor pro Vorrundenspiel erzielt man ja nicht mal einfach so. Angesichts vieler müder Kicks mit 1:0-Ergebnis ragen die drei Knipser heraus - vor allem auch, weil alle drei im dritten Spiel (Kane und Lukaku wurden geschont, Ronaldo versagten die Nerven vom Elfmeterpunkt) gar nicht einnetzten. Mit derlei Torquoten darf es weitergehen.

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Gislason - Island hat zweifelsohne nicht nur durch ihr weltweites "Huh" auf den russischen Straßen Werbung in eigener Sache gemacht bei dieser Weltmeisterschaft. Der Flügelspieler des Zweitligisten SV Sandhausen hat in sozialen Netzwerken auch ordentlich Fans hinzugewonnen und dem Dorfklub ungeahnte Aufmerksamkeit beschert. Denn Gislason sieht nicht nur gut aus, er kann auf dem Rasen auch ackern und glänzen. Das goutierten mehrere Hunderttausend Fußballfans auf der ganzen Welt - der Isländer hat nun mehr als eine Million Follower auf Instagram.

Japaner - Die Kinderstube der Asiaten ist hervorragend. Das ist bekannt. Doch diese Aktion übertrifft alles bislang Gesehene. Die Japaner nehmen ihren Müll aus dem Stadion mit nach Hause. Schon beim ersten Duell gegen den Senegal ließen sich die afrikanischen Fans anstecken und räumten ihren Unrat - Bierbecher, Konfetti, Speisereste - genauso brav auf. Die Bilder der ungewöhnlichen Müllsammler gingen um die Welt - und sollten Schule machen.

Negativ:

Deutschland - Der Gesamteindruck, den der Weltmeister bei dieser Endrunde hinterlassen hat, ist beschämend, das Vorrunden-Aus die logische Folge. Mehr muss man dazu auch gar nicht sagen.

Ägypten - Alles Salah, oder was? Irgendwie schon, aber auch nicht. Der ägyptische Superstar erzielte zwar beide Treffer der Nordafrikaner, konnte damit aber keinen einzigen Punkt gewinnen. In Erinnerung bleiben neben seiner Verletzung aus dem Champins-League-Finale deshalb vor allem die Bilder mit dem tschetschenischen Gewaltherrscher Kadyrow.

Afrika - Fünf Teams vom schwarzen Kontinent sind gestartet, fünf Teams treten nach der Vorrunde die Heimreise an. Der vermeintliche Fortschritt der Afrikaner scheint verpufft. Zwei Gelbe Karten zu viel gaben hauchdünn den Ausschlag gegen den Senegal, der noch die vermeintlich besten Ergebnisse erzielt hatte. Da muss sich selbst ein Sportredakteur von den Ereignissen belehren lassen: Mehr afrikanische Teams spätestens bei der WM 2026 machen noch keinen Erfolg.

Lewandowski - Der vermeintlich beste Stürmer der Welt - Aussage Lewandowski-Berater - fährt von dieser WM ohne Tor nach Hause. Sein Schatten, der vor dem Turnier noch alle Offensivkollegen lähmte, wird kleiner. Doch die Konkurrenz konnte den Polen auch nicht die entscheidende Wendung geben. Der Favorit in Gruppe H ist raus. Und die Lewi-Idee mit dem gut bezahlten Real-Vertrag wohl erstmal vom Tisch.

Doppeladler - WM ist nicht politisch. Das weiß dieses Turnier seit dem umstrittenen Doppeladler-Jubel der Schweizer Shaqiri und Xhaka nun besser. Ausgerechnet gegen Serbien erinnerten die beiden an ihre kosovarische Herkunft. Und beschworen damit noch mehr Ärger herauf als ihre Geldstrafen letztlich abfangen können. Schiri Brych wird Anfeindungen der geschlagenen Osteuropäer ausgesetzt. Ein unrühmliches Kapitel, mit der jugoslawischen Vergangenheit aufzuräumen.

Einwechslungen - Zwar fallen bei dieser WM viele späte Tore, doch werden die nicht von Einwechselspielern erzielt. Standen die Joker bei der EM 2016 noch besonders im Fokus, spielen sie in Russland annähernd keine Rolle, obwohl sie meist mehr Zeit fürs Toreschießen bekommen. Um Zeit von der Uhr zu nehmen, sind frische Kräfte von der Bank nur Minuten vor dem Abpfiff allerdings gut - leider.