WM: Deutschland hat Lust gemacht auf mehr

So wollen wir sie weiter jubeln sehen: Nationalspieler Sami Khedira und Mario Götze mit dem dreifachen Torschützen Thomas Müller. Foto: dpa

Die deutsche Nationalmannschaft hat mit ihrem Auftaktsieg bei der WM gegen Portugal Lust gemacht auf mehr. Lust auf mehr Ballkunst, mehr Spaß am Fußball. Zu verdanken ist das...

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. Von Reinhard Rehberg

Die deutsche Nationalmannschaft hat ein wichtiges Signal gesendet: Die Auswahl von Joachim Löw ist in Brasilien mit einer glasklaren Strategie, mit heißen Herzen und mit einem großen Miteinander und Füreinander in eine Emotionen schürende WM-Mission gestartet. Das 4:0 gegen Portugal war ein Hammerauftakt. Der auch deshalb wertvoll war, weil offensichtlich geworden ist, dass der Bundestrainer bei diesem Weltturnier offensichtlich gewillt ist, an der adäquaten Mischung aus Ballkunst und taktischem Pragmatismus zu schrauben.

Topseriös, laufintensiv, klug organisiert

Die deutsche Elf hat sich an diesem heißen Abend nicht definiert über glitzernde Ballbesitzgirlanden, sondern über topseriöse, laufintensive, klug organisierte Arbeit gegen den Ball. Das DFB-Team war im Zentrum des Spielfeldes die Macht. Das dürfte Löws Plan gewesen sein. In der Defensive operierten die Deutschen in einer flexiblen 4-5-1-Grundordnung mit den drei Sechsern Philipp Lahm (Mitte), Sami Khedira (rechts) und Toni Kroos (links). An den Seitenlinien gingen die Offensivspieler Mario Götze und Mesut Özil die ganz weiten Wege nach hinten. Das ergab knapp vor der Mittellinie einen dichten, mannschaftlich geschlossenen Verteidigungsblock, vor dem Mittelstürmer Thomas Müller die ersten Störversuche startete.

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In diesem Dickicht, abgesichert durch die vier Innenverteidiger in der letzten Reihe, fanden die Portugiesen über weite Strecken kaum bespielbaren Räume, schon gar keine Pass- und Laufwege in die Tiefe. Diese glänzende Raumaufteilung, diese Kompaktheit über das extrem ballorientierte Verschieben nahm dem Gegner die Luft zum Atmen, den Spaß am Fußball. Und diese beeindruckende gruppentaktische Disziplin gab den Deutschen die nötige Sicherheit. Diese Ordnung, diese engen Räume, die Kontrolle über das Spielfeld kann der DFB-Elf den Weg weisen bei diesem globalen Elitetreffen. Im Hurrastil mit Tempo von der ersten bis zur letzten Minute marschiert man bei diesen klimatischen Verhältnissen nicht ins Endspiel. Die Löw-Elf wirkte entschlossen, sicher im und überzeugt vom Matchplan, immer im Bestreben, in einem solidarischen Ansatz Ruhe und Kontrolle auszustrahlen.

In diesem engen deutschen Geflecht verlor der Weltfußballer Cristiano Ronaldo komplett die Orientierung, der portugiesische Überflieger fand bis auf eine Torchance aus dem Spiel heraus und einen gefährlichen Freistoß überhaupt nicht statt. Und dafür musste sich der hoch und aggressiv arbeitende Rechtsverteidiger Jerome Boateng nicht einmal übermäßig anstrengen: Die gesamte Mannschaft nahm Ronaldo aus dem Spiel.

Sehenswerte schnelle Flachpasskombinationen

Bei einem 4:0 mag das merkwürdig klingen, aber das mannschaftliche Verhalten gegen den Ball war die Basis für den überzeugenden deutschen Startsieg. Das ist ein Hinweis auf Löws Turnierplanung: Arbeit, Ordnung, defensive Stabilität. Dass die deutsche Elf auf dieser Grundlage dann auch ihre technische Klasse ausspielen kann, das zeigten diese 90 Minuten. Da gab es ruhige Phasen, wenn Philipp Lahm oder Toni Kroos zwischen den Innenverteidigern die Kugel abholten und konstruktiv und kontrolliert aufbauten. In diesen Aktionen war auch der schlau spielende Khedira, der auch immer wieder entschlossen nachrückte bis zur offensiven Linie, hervorragend eingebunden. Und da gab es auch Tempoverschärfungen mit sehenswerten schnellen Flachpasskombinationen in den torgefährlichen Räumen. Aber auch kluge diagonale Seitenverlagerungen (Kroos).

Die offensiven Abläufe in einer flexiblen 4-3-3-Grundordnung wirkten planvoll. Müller riss mit seinen aufopferungsvollen, listigen Laufwegen die Lücken auf. Götze schlich sich immer wieder geschickt in den Strafraum. Özil schleppte und verteilte schmucklos die Bälle, man hat den kreativen Edeltechniker lange nicht mehr derart effektiv Fußball spielen gesehen. Wie der unkonventionelle Müller die Mittelstürmerposition interpretierte, das war eine Weltklasseleistung. Der leidenschaftlich rennende und permanent rochierende Bayern-Star war für die portugiesische Abwehr nie zu greifen. Und dann gelangen dem unberechenbaren Unikum auch noch zwei Tore im Stil eines Strafraumspezialisten, ein Abschluss mit kurzem Abzug sowie ein gedankenschneller Abstauber nach dem Vorbild seines legendären Namensvetters Gerd Müller. Eine überragende Vorstellung des Torschützenkönigs der WM 2010.

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Dass der Spielverlauf komplett die Deutschen bevorteilte, das soll nicht unerwähnt bleiben. Alles, tatsächlich alles lief gegen die Portugiesen. Der Foulelfmeter für Götze, den in der Bundesliga sicher nicht alle Schiedsrichter pfeifen. Die frühe Verletzung des agilen Mittelstürmers Hugo Almeida. Das 0:2 nach einem simplen Eckball. Der Platzverweis für Pepe, den ein weniger konsequenter Referee vielleicht nur streng verwarnt hätte. Und kurz darauf der Genickbruch durch das 0:3, als Mittelfeldspieler Meireles im Deckungszentrum den als Durchdreher bekannten Abwehrchef von Real Madrid notdürftig zu ersetzen versuchte. Es wird bei diesem Turnier noch Spiele geben, die weniger günstig laufen für das DFB-Team.

Lust auf mehr

Bliebe noch zu erwähnen, dass Linksverteidiger Benedikt Höwedes in einigen Szenen nicht nahe genug dran blieb am unternehmungslustigen Flügeldribbler Nani. Und wenn man noch einen kritischen Aspekt anbringen mag, dann den, dass lange Phasen in der zweiten Halbzeit angedeutet haben, dass diese Mannschaft aus dem Stand und mit Passgeschiebe n i c h t torgefährlich wird. Schwamm drüber. Man kann das, wenn man will, auch als eine clevere, abgebrühte, Kräfte sparende Haltung interpretieren.

Insgesamt haben Löw und seine Mannschaft extrem viele richtige Entscheidungen getroffen zum WM-Start. Das macht Lust auf mehr.