WM-Analyse: Spanien - Reals Carvajal nutzt Auslandsjahr

Dani Carvajal (links) hat in seiner Karriere noch kein A-Länderspiel verloren. Foto: dpa

Daniel Carvajal ist mit Talent gesegnet. Der spanische Rechtsverteidiger schafft es prompt bei Real Madrid Fuß zu fassen. Doch er kommt über die zweite Mannschaft nicht hinaus...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Im Gegensatz zum FC Barcelona ist Spaniens Rekordmeister Real Madrid nicht unbedingt dafür bekannt, Talenten aus der eigenen Jugend mittelfristig eine Perspektive in der ersten Mannschaft zu bieten. Dass Daniel Carvajal, in Léganes vor den Toren der Hauptstadt aufgewachsen, nach seinem fußballerischen Einstieg mit zehn Jahren in Reals Jugendakademie anfing, sollte also noch keinen großen Aufschluss darüber geben, ob der Rechtsverteidiger sich würde bei seinem Kindheitstraum Real durchsetzen können.

Carvajal meisterte seine Aufgaben in der Jugend stets mit Bravour, war meist einer der Besten im Team zwischen der U12 und U19 und feierte mit Spaniens Auswahlmannschaften schon in jungen Jahren viele große Erfolge. So eroberte der Madrilene unter anderem die U19-Meisterschaft mit Real, wurde U19 und U21-Europameister mit Spanien - und empfahl sich rasch für Höheres.

Nur wenige Talente schaffen es bei Real überhaupt in die Zweitmannschaft Real Madrid Castilla. Davon darf nur ein Bruchteil überhaupt im Weißen Ballett ein Leibchen anziehen, um bei den Profis mitzutrainieren. Carvajal meisterte diese Hürden, scheiterte weder am ungeschriebenen Gesetz, dass es eigene Talente im Verein schwer haben, noch an den sportlichen Herausforderungen für einen 20-Jährigen, als er 2012 mit ins Trainingslager der Königlichen darf. Doch da war ja noch ein Cheftrainer - und José Morinho arbeitete eben lieber mit fertigen Stars. "Er hat mir gesagt, dass er mit mir nicht plane", erinnert sich Carvajal.

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Während Real also weiterhin mit Millionen für die Offensive um sich warf und in der Defensive ein kapitales Defizit zu erwarten war, schickte der Rekordmeister sein vermutlich größtes Talent aller Zeiten auf der Rechtsverteidiger-Position ins Ausland. Bayer Leverkusen war das Ziel - für fünf Jahre. Mit Rückkaufoption. Eine 2012 einmalige Klausel in einem Transferabkommen, die sich bis heute jedoch etabliert hat. Vorreiter dafür: Daniel Carvajal.

Der Spanier nutzte die besondere Gelegenheit - fremde Sprache, anderes Klima, härteres Training. Doch Carvajal fand rasch einen Zugang zur ungewohnten Umgebung. Mit seiner Schnelligkeit, seinem technischen Geschick und der besonderen Stärke bei der Vorlage zu Torschüssen von der rechten Flanke, mit der er schon in der Jugendausbildung bei Real zu glänzen wusste, eroberte er die rechte Bayer-Seite, wurde auf Anhieb Stammspieler - und machte Carlo Ancelotti neugierig.

Der Italiener hatte inzwischen das Zepter bei Real übernommen und Carvajal genau beobachtet. Schon nach einem Jahr durfte der 1,73 Meter große Flügelmann zurück. Und schlug ein. 140 Ligaeinsätze stehen bislang auf der Habenseite. Tendenz steigend. Denn spielt Carvajal, ist die rechte Seite dicht. "Als Spieler, der nicht aus der Castilla, sondern aus dem Ausland kam, besaß ich plötzlich einen anderen Status", beschreibt Carvajal das Real-Phänomen. Damit schaffte es der Defensivmann als einer der Wenigen, von Reals U12 zu den Profis - um mit den teuer eingekauften Stars Titel zu hamstern. Wechselgerüchte zerschlägt er im Keim: "Real ist der Verein, bei dem ich sein möchte."

Der 26-Jährige feierte in Madrid die ganz großen Erfolge, zuletzt den dritten Champions-League-Titel in Folge. Doch der große Titel mit der Nationalmannschaft fehlt dem Spanier, der erst nach der Ära mit Weltmeistertriumph und EM-Titelverteidigung bei der höchsten Landesauswahl anklopfte. Allerdings, und das ist bemerkenswert, hat Daniel Carvajal vor dieser WM in Russland noch nie ein Länderspiel verloren. Er steht mit seinen Tugenden dafür, dass Spanien schon bald wieder einen großen Sieg feiern kann. Den größten für sich hat er ohnehin erreicht: Teil der ersten Elf bei seinem Kindheitstraum Real Madrid.