WM-Analyse: Schweden - Migration nutzt dem Fußball

Mikael Lustig ist gar nicht lustig wie sein Name es vermuten lässt. Der Verteidiger kann knallhart spielen - und treffen. Foto: dpa

Zahlreiche Fußballernamen in Schweden klingen alles andere als schwedisch. Das fällt den Skandinaviern wie Mikael Lustig aber gar nicht mehr auf - schließlich haben die...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Namen wie Kristoffer Nordfeldt, Jimmy Durmaz, Ola Toivonen oder John Guidetti verwundern nicht, wenn sie im Kader der schwedischen Fußball-Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft auftauchen. Genauso wenig wie der von Altmeister Zlatan Ibrahimovic, der nicht in Russland dabei ist. Denn das skandinavische Land gilt seit den 1960er Jahren als Einwanderungsland, seit 1975 steht die uneingeschränkte Integration von Migranten sogar in der Staatsverfassung.

Gerade der Fußball hat die Zuwanderung fremder Talente, in den 1980er Jahren aus Italien, Spanien und Irland, seit 1992 vermehrt aus Ex-Jugoslawien und in diesem Jahrtausend aus Nordafrika, vom Balkan und aus Osteuropa, stets als Chance begriffen. 13 Prozent der rund zehn Millionen Schweden hat ausländische Wurzeln. Dass die Vorfahren von Nordfeldt (Norwegen), Durmaz (Türkei), Toivonen (Finnland), Guidetti (USA/Italien) oder Ibrahimovic (Ex-Jugoslawien) aus dem Ausland stammen, spielt in den Talentschmieden der schwedischen Vereine und dem Unterbau der Allsvenskan, wie die erste Liga genannt wird, keine Rolle. Dank der weitgreifenden Einwanderungspolitik ist ohnehin Schwede, wer einmal die Aufnahme bewilligt bekommen hat, egal, wie fremd der Name klingen mag.

Begrenztes Talent, große Bereitschaft

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Für Mikael Lustig sind diese Informationen allgegenwärtig, als sich der 17-Jährige 2003 erstmals einem Fußballklub anschließt. Beim Sandåkerns SK in der fünften schwedischen Liga hat jeder zweite Spieler keinen schwedisch klingenden Namen. Der Verein setzt aus Überzeugung und mit knappen finanziellen Mitteln bevorzugt auf Talente aus der Region, gilt als ideales Sprungbrett für ambitionierte Fußballer, die das Glück im Profibereich suchen wollen, aber schlicht noch nicht so weit sind.

Lustig, der zwar mit laufstarkem Potenzial und gutem Augenmaß ausgestattet ist, balltechnisch aber rasch an seine Grenzen stößt, macht als Außenverteidiger dennoch auf sich aufmerksam. Über den Umeå FC springt er bereits 2005 bei GIF Sundsvall in die Allsvenskan. Das Beispiel Lustig zeigt auch in den Auswahlmannschaften – U18, U21 und ab 2008 in der A-Nationalmannschaft – wie weit man als limitierter Fußballer kommen kann, wenn man hart an sich arbeitet und die Chancen bekommt, sich festzuspielen. Und das, trotz der Fülle an Talenten mit und ohne Migrationshintergrund, die der schwedische Fußball Jahr für Jahr in den europäischen Kontinent pumpt.

Bei Celtic zum Kultspieler aufgestiegen

Mikael Lustig ist ein wichtiger Arbeiter im schwedischen WM-Kader. Seine Zeit bei Rosenborg Trondheim hat dem heute 31-Jährigen die Sichtweise der „Gastarbeiter“ nähergebracht. Der Schritt nach Norwegen kam dem Verteidiger riesig vor, puschte den Nordschweden aber nicht nur wegen der ersten Titel seiner Karriere (Meister 2009 und 2010). Auch weil der linke Abwehrmann erstmals seinen Torriecher entdeckte. In 95 Ligaspielen bei Trondheim traf er immerhin stolze 14-mal – in jedem sechsten Spiel also.

Der Wechsel zum schottischen Dauermeister Celtic Glasgow (seit 2012 ununterbrochener Titelträger) ließ Lustig zudem Kultspieler aufsteigen, weil er der grundehrliche und gerechtigkeitssinnige Arbeitersohn aus Umeå geblieben ist, aber auch, weil er mit einigen provozierenden Aussagen für Furore sorgte. So adelte er den „unglaublichen Fußballer Neymar“ für seine technische klasse, degradierte den Brasilianer allerdings auch als „Schauspieler“ und „Fallkünstler“, als dieser in der Champions League für Paris St. Germain gegen Celtic einen Elfmeter schinden wollte. Italienische TV-Medien zitierten den langjährigen Nationalspieler zudem nach dem WM-Play-off-Rückspiel der Schweden in Mailand, bei dem die Drei-Kronen-Elf die Azzurri vom Weltturnier ausschloss (Hinspiel 1:0, Rückspiel 0:0), mit den Worten „Fucking Pussys sind sie“. So hatte Lustig den mangelnden Respekt der italienischen Fans beklagt, die während der schwedischen Hymne lautstark pfiffen.

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Das Herz auf der Zunge, mit Leidenschaft auf dem Platz, Respekt gegenüber Mitspielern und Gegnern – das alles macht Mikael Lustig aus, der mit Migrantenkindern die ersten Bälle kickte. Eine typisch schwedische Fußballer-Vita.