WM-Analyse: Saudi-Arabien - Eingekaufte Kompetenz

Mohamed Al-Shalawi (weiß) ist der erfahrenste Spieler in den Reihen von Saudi-Arabien. Foto: dpa

Fußball ist Volkssport in Saudi-Arabien, internationale Talente hat das Land allerdings selten hervorgebracht. Das liegt auch an mangelnder Förderung der durchaus vorhandenen...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Auch wenn die Nationalmannschaft von den ganz großen Erfolgen weit entfernt ist, ist Fußball in Saudi-Arabien so etwas wie der Lieblingssport der Scheichs wie auch der arbeitenden Bevölkerung. In den Vereinen in der Hauptstadt Riad finden jedes Jahr dutzende Fußball-Camps für Nachwuchsspieler statt. Finanziert werden sie mit üppigen Summen der Vereinspräsidenten, stets in der Hoffnung, dabei mal ein Juwel zu entdecken, das die „grünen Falken“ zu einem WM-Turnier schießt oder dort dafür sorgt, dass der zweifache Asienmeister zumindest – wie bei der ersten WM-Teilnahme 1994 – die Vorrunde übersteht. Einer dieser Juwelen ist Mohammad Ibrahim Al-Sahlawi. Der heute 31-jährige Stürmer, der in Russland mit der traditionsträchtigen Trikotnummer 10 aufläuft, wurde als 16-Jähriger während eines Handballturniers entdeckt und zum Fußballer umfunktioniert. Der Anreiz: ein 10.000-Dollar-Scheck und ein Auto.

Auf den ersten Blick wirkt dies nicht wie die große Investition, die das reich an Rohöl ausgestattete Land für den Nachwuchs leistete. Und doch blühte der Teenager zunächst beim saudischen Erstliga-Team Al-Qadisiya auf. Schon 2009 wurden größere Summen bewegt, freilich ohne dass auch andere Talente oder gar ein Nachwuchsinternat davon hätte Nutzen haben können. Acht Millionen US-Dollar überwies Hauptstadtklub Al-Nassr in die Provinz. Das Juwel sollte geformt werden, doch eine nachhaltige Talentförderung sieht anders aus.

Al-Shalawi trifft bemerkenswert oft

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Al-Sahlawi machte sich im Nationalteam verdient, schoss in der U20 in sechs Spielen fünf Tore und traf auch in seinen ersten Länderspielen im A-Team regelmäßig. Bis dato stehen für den Angreifer 29 Tore in 39 Matches auf der Haben-Seite, die er sich seit seiner Premiere in der Nationalelf 2010 erarbeitete.

Auswirkungen auf den Fußball in seiner Geburtsstadt Hofuf hat seine Karriere mit immerhin 133 Ligatoren in 240 Begegnungen nicht. In der rund 660.000 Einwohner zählenden Metropole wurde nie eine Fußballschule eröffnet, unterhalb der beiden wichtigsten Ligen fristen die Vereine ein jämmerliches Dasein.

Expertenwissen aus Europa und Argentinien

Know-how, so hat es den Anschein, wird in Saudi-Arabien gekauft. Am deutlichsten wurde dieses Prinzip ein halbes Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Die Scheichs schlossen zahlreiche Kooperationen mit Vereinen, Verbänden und herausragenden Einzelkönnern. So ließ sich der frühere DFB-Torwart und ZDF-Fußballexperte Oliver Kahn als Chefausbilder der saudischen Torhüter anwerben. Und im Winter wechselten neun Nationalspieler der ersten und zweiten Mannschaft leihweise in spanische Profiklubs, um Erfahrung auf allerhöchstem Niveau zu sammeln. Die Spieler wurden dabei von saudischen Fußballfunktionären und dem Sportministerium in die spanischen Kaderplätze eingekauft, unter anderem zu Europa-League-Teilnehmer FC Villareal und Erstligist CD Leganés.

Bis zu fünf Millionen Euro ließ sich Saudi-Arabien jeden Kaderplatz kosten, Mittelfeldkönner Yahya Al-Sheri und Vollstrecker Fahad Al-Muwallad sollen ihr Team in Russland mit der Erfahrung aus Spanien zu mindestens einem Sieg führen. Bezeichnend, dass der einzige Saudi, der es sportlich nach Europa geschafft hatte – Mukhtar Ali ist Ergänzungsspieler der zweiten Mannschaft bei Vitesse Arnheim -, nicht im 23er-Aufgebot für Gruppe A in Russland auftaucht.

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Trainingspraktikum bei Morinho

Auch Mohammad Al-Sahlawi profitierte von einem solchen Arrangement, allerdings wechselte er nicht nach Spanien, sondern kam für eine Art Praktikum drei Trainingswochen bei José Morinho und Premiere-League-Klub Manchester United unter. Der portugiesische Supertrainer ließ in dieser Zeit zwei entscheidende Worte fallen,die dem Stürmer sicher gefallen haben dürften und das Trainee-Programm schon dadurch als Erfolg deklarierte: „durchsetzungsstark“ und „treffsicher“ habe sich der 31-Jährige präsentiert. Das reicht im WM-Jahr nicht für eine Verpflichtung bei den Red Devils, aber zumindest für einen sicheren Kaderplatz in Russland.

Zudem investierte Saudi-Arabiens Fußballverband acht Millionen US-Dollar in kompetente Trainer. Nein, nicht aus dem eigenen Land. Die Nation, die sich über die asiatische Ausscheidung frühzeitig für die WM qualifizierte, entlohnte zunächst den Niederländer Bert van Marwijk für die Quali und danach Chiles Südamerikameister-Macher Juan Antonio Pizzi fürstlich für Trainingsmethoden made in Argentinien.

Es kann bezweifelt werden, dass Saudia-Arabien und sein Stürmer-Juwel Mohammad Al-Sahlawi in Russland arg weit kommen werden. Selbst die vermeintlich einfache Gruppe mit Ägypten, Gastgeber Russland und dem ersten Weltmeister Uruguay ist für die kickenden Scheichs eine Nummer zu groß, wie das 0:5 gegen Russland gezeigt hat. Die Ehre des Eröffnungsspiels bot den grünen Falken dennoch eine kapitale Bühne, ihre Fortschritte zu präsentieren. So richtig sah man die allerdings bislang nicht.