WM-Analyse: Kroatien hat mehr Erfahrung

Harry Kane würde England gern ins Finale schießen. Foto: dpa

Wenn Kroatien im Halbfinale auf England trifft, dann messen sich zwei Teams ganz unterschiedlicher Prämissen. Auf der einen Seite steht eine spielstarke Mannschaft mit...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Die einfache Analyse der Mannschaftsteile macht eine Einschätzung zur Favoritenrolle relativ simpel. Unbedeutender Keeper, unerfahrene Abwehrreihe, wild durchgewürfeltes Mittelfeld, ambitionierte Offensivstrategen - und ein sicherer Vollstrecker. England ist - nicht von der Tradition, aber von der Kaderzusammenstellung her - genauso wie Kroatien eine Überraschung in diesem Halbfinale.

Blockbildung ein gewiefter Schachzug

Nationalcoach Gareth Southgate hat mit der Zusammenstellung seines Teams aus den vier wichtigsten Vereinen der Premier League große Raffinesse gezeigt. Die Blöcke von Manchester City, Manchester United, FC Chelsea und Tottenham Hotspur funktionieren hervorragend, die einzelnen Spieler lassen sich vom Trainerteam hervorragend formen. In Jordan Pickford ist der Keeper, der ausgerechnet nicht aus diesem Triumvirat stammt, weil bei den englischen Vorzeigevereinen Ausländer den Platz zwischen den Pfosten besetzen, der aber seine Visitenkarte mit Nachdruck abgegeben hat und sicher schon bald doch auf einer der Gehaltslisten der Topvereine auftauchen wird.

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Ebenso haben die Defensivakteure Kyle Walker, Harry Maguire und Kieran Trippier ihren Marktwert bei dieser WM deutlich gesteigert, ist Harry Kane der möglicherweise am ehesten erwartbare Rückhalt, nicht nur durch seine Tore, sondern auch seine Ausstrahlung als reifer Kapitän der Frischlingstruppe auf dem Platz. Dass Jordan Henderson vom FC Liverpool nicht der erhoffte omnipräsente Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld geworden ist, Dele Alli sein Talent viel zu selten aufblitzen lässt und Rohdiamanten wie Marcus Rashford oder Ruben Loftus-Cheek bislang kaum zum Einsatz kamen, sind die wenigen Schwächen, die das Team der Three Lions bei diesem Turnier offenbarte.

Und doch geht England nicht als Favorit in die Partie um den Finaleinzug, um am Sonntag Frankreich die Stirn um den WM-Pokal zu bieten. Denn Kroatien, dem in vorherigen Turnieren meist als Ansammlung von herausragenden Einzelkönnern der Teamspirit abging, hat nicht nur hochqualifizierte Fußballer in seinen Reihen - sondern auch enorme Erfahrung. Nicht unwichtig, wenn es um die Wurst geht.

Aus vielen Einzelkönnern wurde eine Mannschaft

Keeper Danijel Subasic hat mehr als einmal bewiesen, dass der vermeintlichen Schwachstelle im kroatischen System nicht viel fehlt für den Status Weltklasse-Torwart. Dejan Lovren hat mit Liverpool schon so manche Schlacht geschlagen, wie auch Domagoj Vida mit Dynamo Kiew und Besiktas Istanbul, Ivan Strinic in der Serie A, Vedran Corluka in seiner Zeit in England. Das Mittelfeld aus ballverliebten Technikern hat gelernt, teamorientiert zu spielen. Luka Modric, Ivan Rakitic, Milan Badelj, Ivan Perisic oder Mateo Kovacic vereinen Hunderte von Ligaspielen auf höchstem Niveau. Hier weiß jeder, was im Halbfinale gegen England auf ihn zukommt.

Zudem ballt sich im Angriffszentrum viel Torriecher, Know-how und Titellust - mit Anführer Mario Mandzukic, den agilen Bundesliga-Stürmern Andrej Kramaric und Ante Rebic verfügt Kroatiens Trainer Zlatko Dalic über herausragende Optionen.

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Erfahrung schlägt Hurra-Fußball, je länger das Remis steht

Die goldene Generation der Kroaten wird nicht mehr viele Chancen bekommen, nach einem Titel zu greifen. Von Beginn des Turniers an merkt man das Modric und Co. auch an - so viel Teamcharakter hatten die Kroaten noch nie. Genau dies wir einer der Schlüssel sein, der Kroatien den Weg ins Finale ebnet. Der Hort an Erfahrung wird ein zweites Zünglein an der Waage sein, dass das Halbfinale wohl für die Kroaten entscheiden wird. Wenn allerdings der Hurra-Fußball der Engländer früh greift, ist durchaus eine weitere Überraschung der jungen Wilden drin.