WM-Analyse: Brasilien - Als Allrounder auf den Thron

Renato Augusto wird von Brasiliens Nationalcoach Tite sehr geschätzt. Foto: dpa

Es gibt kaum eine Position auf de Rasen, die Renato Augusto nicht schon gespielt hat. Der brillante Techniker im brasilianischen Team fühlt sich zwar als Spielgestalter am...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Der klassische Straßenfußballer, der mit den Jungs aus der Nachbarschaft um die Häuser gezogen ist und jede Freifläche zu einem Bolzplatz umfunktioniert hat, war Renato Augusto nie. Klar, der Fußball strahlte schon in jungen Jahren eine große Faszination für ihn aus, weil Eltern und Großeltern ihm von den großen Erfolgen der Seleçao mit den WM-Titeln 1958, 1962 und 1970 erzählten und der Sechsjährige 1994 den Jubel eines ganzen Landes über Titel Nummer vier live miterlebte.

Allerdings war Renato Augusto auch ohne Lederball stets umtriebig, interessierte sich für Basketball, für den er schließlich mit 1,86 Metern ein bisschen klein war, und eiferte seinen erfolgreichen Landsleuten in der Leichtathletik nach. Einmal Olympia, das war sein Traum.

Der sich 2014 im eigenen Land erfüllte. Als einer von drei Ü23-Spielern durfte er mit der brasilianischen Auswahl am Zuckerhut, den er von Kindesbeinen an kannte, um Olympia-Gold kämpfen. Als die Medaille um den Hals des inzwischen 28-Jährigen baumelt, kann der Brasilianer die Tränen kaum unterdrücken. Im Finale gegen Deutschland schoss er den so wichtigen ersten Strafstoß im Elfmeterschießen, am Ende Wéverton den Elfer von Nils Petersen, Neymar verwandelt, Brasilien jubelt. Die 1:7-Schmach vom Weltturnier zwei Jahre zuvor - ein wenig getilgt. Die beinahe titellose Karriere des Mittelfeldspielers ein bisschen aufgewertet.

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Am liebsten Spielmacher

Renato Augusto hatte das Glück, in Rio de Janeiro aufzuwachsen. Sein Vater meldete ihn schon früh beim städtischen Fußballverein Flamengo an, der Sprössling machte seine Sache gut, auch wenn er sich schon damals ungern auf eine Position festlegen ließ. Er wollte Tore schießen, Tore verhindern, Flanken schlagen und das Spiel dirigieren. Beim Olympiatriumph betonte Renato Augusto, dass die Spielmacher-Rolle seine liebste ist. Doch sowohl bei Flamengo als auch später bei seinem vierjährigen Engagement in Deutschland stopft der flexible Teamplayer auf der Fünf, der Sechs, der Acht, auf den Flügeln und sogar als Rechtsverteidiger Löcher. Zuletzt probierte sich der heute 30-Jährige bei seinem chinesischen Klub Bejing Guoan sogar als hängende Spitze.

Die Hoffnung auf das große Finale

Renato Augusto ist von Beginn als lernbegierig, er macht seinen Ausbildungstrainern viel Freude, will sich immer schnell integrieren. So lernte er nach seinem Wechsel zu Bayer Leverkusen, seinem einzigen Verein auf dem europäischen Kontinent, rasch Deutsch, um sich auf dem Platz verständlich machen zu können. Bayer erfreut sich zwischen 2008 und 2012 an der Spielübersicht, dem guten taktischen Verständnis und der Flexibilität des Brasilianers. Einen Meistertitel beschert er Vizekusen indes nicht. Erst bei seiner Rückkehr in die Heimat erfährt Rentato Augusto, was es heißt, "Meister" zu sein. Mit dem SC Corinthians Sao Paulo holt er 2015 die brasilianische Meisterschaft. Den Weltpokal und zahlreiche Staatstitel hatte er zuvor schon mit Flamengo ergattert, doch nichts von so großer Bedeutung.

2018 in Russland möchte Renato Augusto noch einmal ein großes Finale erleben, Tränen in den Augen haben. Am liebsten im Finale gegen Deutschland. "Den Weltmeister im Finale zu entthronen ist das Größte", sagt er. Zudem ist die Schmach von 2014 ja noch nicht ganz getilgt.