WM-Analyse: Argentinien - Agüero auch ein Unvollendeter

Sergio Agüero (Mitte) galt lange Zeit nur als Schwiegersohn von Argentiniens Star Diego Maradona. Doch inzwischen hat sich der Angreifer nicht nur bei Manchester City freigespielt. Foto: dpa

Von allen goldenen Generationen, die sich bei der WM die Krone aufsetzen wollen, hat Argentinien die prominenteste. Stürmer Sergio Agüero ist die Speerspitze einer klangvollen...

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. Von Felix Plum

Tausende Fans der Albiceleste sind nach Russland gekommen, um ihr Team anzufeuern. Viele von ihnen können sich an den letzten Weltmeistertitel der Argentinier vor 32 Jahren gar nicht mehr erinnern. Wie die meisten seiner Mitspieler war Sergio Agüero da noch nicht einmal geboren. Kein Wunder, dass der Hunger nach dem Pokal riesig ist in Argentinien. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, mag sich mancher Fan fragen. Die „Fantastischen Vier“ in Person von Sergio Agüero, Lionel Messi, Ángel Di Maria und Gonzalo Higuain haben ihr 30. Lebensjahr überschritten und spielen ihr letztes Turnier im besten Fußballer-Alter. Sie drohen in die Geschichte einzugehen als die vielleicht stärkste Auswahl, die nie einen Titel geholt hat. Als ungekröntes Starensemble.

Alleine die Südamerika-Meisterschaft Copa América konnten die Argentinier seit 1993 nicht mehr gewinnen – dabei waren sie oft knapp davor: Seit 2004 wurden die Himmelblauen viermal Zweiter, zuletzt 2015 und 2016. Agüero & Co. wissen also, wie es sich anfühlt, kurz vor dem Triumph mit leeren Händen dazustehen. Hinzu kommt die Vizemeisterschaft bei der WM 2014 mit der Finalniederlage gegen Deutschland – eine bittere Pille für die Fußball-Nation des zweimaligen Weltmeisters (1978, 1986).

Die Durststrecke ist umso erstaunlicher, weil die Stars auf Vereinsebene fleißig Trophäen einsammeln. Agüero, Messi, Di Maria und Higuain sind mit ihren Vereinen amtierende Meister in England, Spanien, Frankreich und Italien.

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"Kun" wächst in ärmlichen Verhältnissen auf

In Russland, könnte man meinen, ist die Zeit also reif für die Mannschaft von Trainer Jorge Sampaoli; und für Sergio „Kun“ Agüero. Ein Nachbar seiner Eltern gab ihm einst den Spitznamen „Kun“, in Anspielung an einen Höhlenjungen aus der japanischen Comic-Serie Kum-Kum, die er als Kind schaute. Seine Eltern, damals 17 und 19 Jahre jung, lebten mit ihm und seiner älteren Schwester in einem Außenbezirk von Buenos Aires, 1200 Kilometer entfernt von ihrer Heimat Tucumán, die im argentinischen Hinterland liegt. In der Metropole erhofften sie sich Arbeit und ein besseres Leben.

Doch Agüero wuchs in armen Verhältnissen auf, im heruntergekommenen Viertel Florencio Varela im Westen der Stadt. In seiner Biografie „Born to Rise. My Story“ beschreibt er, dass seine Eltern mehrfach umziehen mussten wegen Einbrüchen und Erpressung. Aber immer war ein „Potrero“ in der Nähe, ein improvisierter Fußball-Acker, auf dem sein Vater ihm das Kicken beibrachte. Auf den Potreros von Buenos Aires entwickelte „Kun“ sein Ballgefühl und seinen harten Schuss. Mit fünf Jahren begann er, für kleine Geldbeträge zu spielen.

Bei ManCity Rekordtorschütze

Mittlerweile sind daraus längst größere Beträge geworden, und der Stadionrasen ist auch besser gemäht als auf den Potreros. Seit sieben Jahren spielt Agüero, über Independiente und Atlético Madrid nach England gekommen, nun schon für Manchester City. Nachdem es in der Premierensaison von Trainer Pep Guardiola 2016/17 immer wieder Querelen gab zwischen Trainer und Stürmer, lief es in der vergangenen Saison wie am Schnürchen, ein Meistertitel voller Rekorde inklusive. Inzwischen ist der 30-Jährige sogar der beste Torschütze, den Manchester City je hatte: Vergangenes Jahr brach er mit seinem wettbewerbsübergreifend 178. Tor den Rekord von Eric Brook, der zuvor 78 Jahre Bestand hatte.

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Auch bei der WM hat der Ex-Schwiegersohn von Fußball-Legende Diego Maradona schon gezeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann und nicht alle Verantwortung auf seinem Freund Lionel Messi lastet: mit einem Traumtor gegen Auftaktgegner Island, das aber nur für ein 1:1 reichte. Seine Torjägerqualitäten sind daher auch in den nächsten Spielen gegen Kroatien und Nigeria gefragt. Sonst ist das Turnier schnell wieder vorbei – und der Generation Messi & Agüero bleibt die Krönung verwehrt.