WM 2014: Widerstandsgeist und Comebackwille - Rehbergs Analyse...

Miroslav Kolse jubelt nach seinem 15. WM-Tor. Foto: dpa

Ghana hat es geschafft, der deutschen Nationalmannschaft ein kompliziertes Spiel aufzuzwingen. Mit diesem 2:2 im zweiten Gruppenspiel kann Joachim Löw sehr gut arbeiten. Das...

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. Von Reinhard Rehberg

Ghana hat es geschafft, der deutschen Nationalmannschaft ein kompliziertes Spiel aufzuzwingen. Mit diesem 2:2 im zweiten Gruppenspiel kann Joachim Löw sehr gut arbeiten. Das DFB-Team hat in diesem Turnier nun eine Partie mit einigen schwierigen Momenten erlebt und beim Stand von 1:2 eine bedrohliche Situation gemeistert. Ziehen der Bundestrainer und die Spieler daraus die richtigen Lehren, kann das ein Schlüsselspiel gewesen sein auf dem Weg hin zum großen Ziel.

Beginnen wir mit der positiven Erkenntnis. Die Löw-Mannschaft war in der Lage, auf den 12-Minuten-Schock mit dem Ausgleich und der Führung für die taktisch, spielerisch und kämpferisch erstaunlich starken Ghanaer zu reagieren. In dieser Phase fand auch Löw die passenden Antworten. Die Strukturveränderung ab der 69. Minute hat gegriffen. Mario Götze, trotz seines Führungstreffers viel zu unentschlossen, zu unpräzise zu wenig durchsetzungsfähig in seinem Offensivspiel, musste ebenso das Feld verlassen wie der taktisch an diesem Tag orientierungslose und physisch matte Sami Khedira.

Mangelhafte Balleroberung

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Es kamen mit Miroslav Klose ein echter Mittelstürmer und mit Bastian Schweinsteiger ein Mittelfeldorganisator. Die Angriffsaktionen wurden jetzt durchdachter und zielstrebiger. Mesut Özil hatte gute Szenen am linken Flügel, Thomas Müller kurbelte von rechts an, im Zentrum sorgte Klose für Torgefahr. Das 2:2 fiel zwar nach einem Standard. Dennoch hat sich diese Angriffsvariante als zusätzliche Option bewährt. Ghana hat die Deutschen gequält, aber Trainer und Mannschaft haben Gegenargumente am Start gehabt. Widerstandsgeist und Comebackwille waren da, die nötige Qualität auch.

An der langen Mängelliste kann Löw nun arbeiten bis zum Endspiel um den Gruppensieg am kommenden Donnerstag gegen die USA. In der ersten Halbzeit wirkte das deutsche Spiel verklemmt. Warum? Zieht man die Äußerungen von Trainer und Spielern nach dem Abpfiff zu Rate, dann könnte der Verdacht aufkommen, dass eine Überbeschäftigung mit den klimatischen Verhältnissen der Grund war für die verkopft wirkende Spielanlage. Die Mannschaft wollte sich die Kräfte klug einteilen, doch für diesen Ansatz war Ghana zu munter, zu gut geordnet, zu laufstark, zu aggressiv.

Die Erkenntnis lautet: Nur mit Zustellaktionen - also ohne robuste Zweikampfführung - und nur mit Passfolgen ohne Tempo und ohne dynamische Bewegungen in allen Mannschaftsteilen kann die DFB-Elf einen guten, mutigen, engagierten, spielstarken Gegner nicht dominieren. Das ist eine Frage der Anpassungsfähigkeit. Das sollte sich, Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit hin oder her, mobilisieren lassen: Die Mannschaft muss kompakt stehen, mit engen Abständen arbeiten und am Mann nicht nur mitlaufen, sondern auch zugreifen, stechen. Die Balleroberung war mangelhaft bis zur Pause.

Spielerisch starke Außenverteidiger fehlten

Zudem zeigte sich, dass die vier großen Innenverteidiger in der Abwehrreihe mit den kleinen, wuseligen, schnellen, dribbelstarken Stürmern der Ghanaer ihre Probleme hatten. Bei Kontern, in Eins-gegen-Eins-Situationen, sogar im Kopfballspiel. Wobei die Konteranfälligkeit mehrere Gründe hatte: Da waren die vielen leichten Ballverluste im Aufbauspiel, da war die mangelnde Raumaufteilung im Mittelfeld zwischen Philipp Lahm, Khedira und Toni Kroos, da war die mangelnde Bereitschaft zum aggressiven Gegenpressing nach Ballverlusten - all das führte zu einem Kontrollverlust, das eröffnete dem Gegner phasenweise riesige Umschalträume. Lahm offenbarte eine schwache Tagesform, Khedira hatte keine Kraft und keine Positionsdisziplin, Kroos wurde erst nach dem 1:2 ähnlich aktiv wie beim 4:0 gegen Portugal. Özil und Götze machten die Wege nach hinten, aber sie bearbeiteten den Gegenspieler nicht giftig.

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Im eigenen Ballbesitz machte sich diesmal bemerkbar, dass spielerisch starke Außenverteidiger fehlen. In den Mittelfeldzonen und im Angriffsdrittel konnten Jerome Boateng/Shkodran Mustafi und Benedikt Höwedes nur bedingt konstruktiv mitwirken. Und dass Thomas Müller als Mittelstürmer diesmal keine Auslaufräume fand in der engmaschigen Ghana-Defensive, das war mit ein Grund für fehlende Druckphasen. Eine wichtige Erkenntnis ist auch, dass die deutsche Elf mit einem Aufbauspiel aus dem Stand heraus keine Torgefährlichkeit erzeugen kann, es braucht immer ein Mindestmaß an Geschwindigkeit, im Passspiel, im Freilaufverhalten, in den Laufwegen in die Tiefe.

Unterm Strich lässt sich festhalten: Das DFB-Team hat ab dem 1:2 eine erste schwierige Prüfung bei diesem Turnier gemeistert - und Löw weiß, dass er sich auf die Routiniers Klose und Schweinsteiger verlassen kann. Für den tapferen Mustafi dagegen kommen diese verantwortungsvollen Einsätze womöglich zu früh.

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