Warum Roberto Blanco nicht blass wurde

Roberto Blanco (li.) und Joachim Herrmann. Fotos: dpa

Das Land erlebte diese Woche eine Debatte um den Begriff “Neger”. Wir lernen: Wenn sich ein weiß-blauer Minister aufführt wie ein grüner Junge, ist das noch lange kein...

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. Es ist ja unzweifelhaft so, dass sich bei dem Wort „Neger“ die überschäumende Harmonie und Weltläufigkeit der hiesigen Region und speziell der Stadt Mainz in schönster Klarheit zeigt. Neger ist ein absoluter Qualitätsbegriff in Mainz: Ernst Neger war zu Recht ein bundesweit berühmter Star der Mainzer Fastnacht, sein Enkel Thomas trat dann in seine Fußstapfen. Nur für ein klein wenig Streit sorgte das seit den 50er Jahren genutzte Logo des Dachdeckerunternehmens Neger, nämlich die Darstellung eines schwarzen Dackdeckers oder einer schwarzen Dachdeckerin mit dicken Lippen und großen Ohrringen. Kritiker halten die Darstellung für rassistisch, Thomas Neger sagte von Anfang an, das sei Quatsch. * Damit könnte man die Sache auf sich beruhen lassen, wäre da nicht der bayerische Innenminister Joachim Hermann (CSU) dahergekommen und hätte gesagt: „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger.“ Shitstorm gegen Hermann, Roberto Blanco zeigt sich tolerant. Dachdecker will er allerdings nicht werden – zu gefährlich in seinem Alter. * Dass Blanco nicht blass wurde, sondern cool blieb, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass er laut Wikipedia vor vielen Jahren von Franz Josef Strauß, Gott hab‘ ihn selig, zum Ehrenmitglied der CSU ernannt wurde, nach dem bekannten Motto: Wir Schwarzen müssen zusammenhalten. Nicht zu verifizieren ist dagegen die These, dass Roberto Blanco der CSU seinen Hit „Ein bisschen Spaß muss sein“ als offizielle Parteihymne angedient habe. Der Begriff „schwarzer Humor“ erscheint da in einem ganz besonderen Licht. * Für Joachim Hermann bleibt jetzt eigentlich nur der Ausweg, sich auf den Schrecken hin jeden Abend Ernst Negers berühmtes Lied anzuhören: „Heile, heile Gänsje//Es is‘ bald widder gut...“ Falls allerdings Hermanns Chef, der bayerische Ministerpräsident Seehofer, Magic Horst, wie wir ihn nennen... Wie meinen? Nein, wir wissen nix mit Horst und einer schwarzen Dackdeckerin mit Ohrring – falls also Seehofer seinem Innenminister jetzt den Marsch bläst, dann hoffen wir für den armen Hermann, dass es nur bei „Humba, humba täterä“ bleibt. Vielleicht schleimt sich der Hermann beim Seehofer aber auch ein, indem er ihm das Lied von Margit Sponheimer vorträllert: „Gell, Du hast mich gelle gern...“ respektive die bayerische Übersetzung. * Es sind ja da auch anderwärts enorme Sensibilitäten unterwegs. So musste das Bundeskriminalamt den Negerkuss und den Mohrenkopf mit einer neuen Identität ausstatten und sie ins Zeugenschutzprogramm aufnehmen, weil sie öffentlich unter ihrem alten Namen nicht mehr haltbar waren. Zunächst war daran gedacht, ihnen lediglich den Undercover-Namen „Nahrhaftes Sahne-Gebäck mit Afroamerikanischem Migrationshintergrund“ (NSA) zu geben und sie mit Sonnenbrillen und langen Staubmänteln auszustatten, damit sie nicht auffallen. Das hatte allerdings den Nachteil, dass die Schokolade schmolz, ehe irgendjemand den Namen aussprechen konnte. * Es bleibt heikel. Das hat den einen oder anderen Menschen aber nicht davon abgehalten, sich bei dem Thema, obwohl persönlich betroffen, selbst auf die Schippe zu nehmen. Wir denken da an Anthony „Tony“ Baffoe, den Sohn eines ghanaischen Diplomaten, geboren 1965 in Bonn-Bad-Godesberg, was auch insofern folgerichtig ist, als Bonn-Bad-Godesberg wenige Jahre nach einer absoluten CDU/CSU-Mehrheit im Bonner Bundestag als äußerst schwarze Gegend betrachtet wurde. Tony wurde Fußballprofi, vor allem in Köln und Düsseldorf. Laut Zeugenberichten – kein Scherz – pflegte er Mannschaftskameraden anzupflaumen: „Ich bin doch nicht Euer Neger!“ oder Mitspielern anzubieten: „Ich zeig‘ Dir mal meine Banane.“ Einem hellhäutigen Fan, der ihn anmotzte, erklärte Tony: „Du bist demnächst arbeitslos, dann kannst Du auf meiner Plantage arbeiten.“ Wenn Seehofer den Hermann rausschmeißt, kann der also vielleicht bei Tony Baffoe auf der Plantage arbeiten. * Auch andere sind offenbar gnadenlos selbstironisch. Muhammad Ali etwa beschreibt in seiner Autobiografie, wie er sich einmal mit seinem Kontrahenten Joe Frazier unterhielt, und beide kamen zu dem Schluss: „Wir sind zwei verdammt gefährliche Nigger.“ Allerdings können wir uns jetzt nicht vorstellen, dass Roberto Blancos Souveränität so weit geht, dass er sich, sagen wir mal, in Düsseldorf auf die Kö stellt und sagt: „Ich bin ein verdammt gefährlicher Nigger.“