Uruguay und WM - eigentlich mehr als ruchlose Treter

Gerecjte Strafe: Felix Brych (vorn) zeigt Uruguays Maxi Pereira die Rote Karte. Foto: dpa

Fast hätte ich sie ja gemocht. Ihre himmelblauen Trikots, ihre Offensivpower, ihre herrlich dramatische Gestik und Mimik. Doch dann trat Maxi Pereira in der Nachspielzeit zu...

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. Von Ulrich Gerecke

Es war beim ersten Spiel der Südamerikaner in Brasilien, die Partie gegen Costa Rica war längst (und ziemlich überraschend) mit 1:3 Toren verloren, da senste Pereira den quiligen Torschützen der "Ticos", Joel Campbell aufs Brutalste von hinten um. Der gemeine deutsche Fernsehzuschauer, in der Nachspielzeit schon dabei, sich für England - Italien zu stärken, konnte nur hilflos und staunend dem Furor zusehen.

Der "Alte Fritz" hätte sich wohl im Grabe umgedreht

In dieser Situation erinnerte ich mich daran, in meiner Kindheit in einem dieser herrlich altmodischen Fußballbücher gelesen zu haben, die Uruguayer seien die "Preußen Südamerikas". Das sollte wohl ein Lob für die ungewohnte Disziplin der Lateinamerikaner sein, der "Alte Fritz" aber hätte sich bei dem wüsten Tritt von Pereira (ein alles andere als diszipliniertes Verhalten) wohl im Grabe umgedreht.

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Pereira hat gleich mehrere berühmt-berüchtigte Vorgänger: Für die sehr viel Älteren sei hier an Horacio Troche erinnert, der im WM-Viertelfinale 1966 Uwe Seeler eine schmierte. Deutschland gewann trotzdem mit 4:0 Toren:

Auch nicht schlecht: José Batista flog 1986 im WM-Spiel gegen Schottland (0:0) nach unfassbaren 56 Sekunden vom Platz - eine schnellere Rote Karte gab es bei einem Endturnier nie:

Und nun also Maxi Pereira...

Das Traurige an diesem Kaleidoskop des Kung-Fu-Fußballs ist, dass Uruguay diesem Sport viel mehr gegeben hat als zahlreiche ruchlose Treter. Ein Land von heute gerade einmal 3,5 Millionen, das gleich zweimal (1930 und 1950) die Weltmeisterelf stellte, werden Sie in Ihrem Atlas so schnell nicht finden.

Der erste dunkelhäutige Weltstar des Fußballs

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Außerdem hat dieses Land den Fußball als neue Kunstform in der alten Welt salonfähig gemacht. Die Olympiasiege 1924 in Paris und 1928 in Amsterdam waren sportliche Sensationen, die bis dahin unbekannten Gäste aus Montevideo wurden wie Zirkusnummern bestaunt. Besonders galt dies für Jose Leandro Andrade. Der rechte Läufer, genannt "die schwarze Perle", war der erste dunkelhäutige Weltstar des Fußballs, er ebnete vielen anderen den Weg zum sozialen Aufstieg, der ihm selbst nicht vergönnt war. Sein elegantes Spiel war ein Spiegelbild des Nationaltanzes "Candombe", eine Spielart des Tango.

Auch das ist uruguayischer Fußball. Und die himmelblauen Trikots der "Celeste". Und das Schlitzohr Luis Suarez. Und die elektrisierende Atmosphäre des Centenario-Stadions von Montevideo.

Man sollte ihnen also nicht Unrecht tun, diesen "Urus". Trotz Maxi Pereira.

Am nächsten Spieltag widmen wir uns der Schweiz und Honduras.