Une journée internationale - eine internationale Reise

Volontäre als Zuhörer im EU-Parlament. Foto: Marta Thor

Informationsbesuch deutscher Nachwuchsjournalisten von Regionalzeitungen bei der Europäischen Kommission in Brüssel, darunter auch dreier Volontärinnen dieser Zeitung: Drei...

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. Von Marta Thor

Die Reise beginnt schon international. Frankfurter Fernbahnhof, in der einen Hand die Vintage-Tasche aus London, in der anderen eine deutsche Butterbrezel, erklimme ich den internationalen ICE 16 nach Brüssel, Ankunft in Bruxelles-Nord um 13.26 Uhr.

Mein Sitznachbar ist ein Asiat. Er lächelt immer freundlich und verbeugt sich höflich, wenn ich meinen Fenstersitz verlassen will. Während der gesamten Fahrt sitzt der Mann im Anzug mit geschlossenen Augen da, die Hände flach auf den Oberschenkeln, vor sich eine halbvolle 0,5-Liter-Wasserflasche, aus der er von Zeit zu Zeit einen kleinen Schluck nimmt. Ich lese Texte über grönländische Eiswüsten, afghanische Fußballerinnen und deutsche Spitzensportler. Vor mir steht eine Flasche französischen Mineralwassers, gelegentlich tippe ich auf meinem in China produzierten Smartphone amerikanischen Fabrikats herum und höre Musik aus Lateinamerika.

Enge Taktung

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Die Ansagen sind französisch. Oder niederländisch. Genauso wie das Zugpersonal. Ein Blick auf das Programm des Informationsbesuchs bei der EU-Kommission zeigt, die einzelnen Punkte sind sehr eng getaktet: Check-In im Hotel, Begrüßung durch die Pressereferentin der Bonner Regionalvertretung, dann der Sicherheitscheck in den Gebäuden – alles innerhalb einer Stunde.

Die Sicherheit in der belgischen Hauptstadt spielt bei diesem Besuch eine gewichtige Rolle. Noch in der Woche vor dem Besuch in der Kommission, Anfang Dezember, ist unklar, ob die Gruppe der 24 Nachwuchsjournalisten aus Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Nordrhein-Westfalen überhaupt anreisen kann. Nach den Anschlägen in Paris im November gilt in Brüssel die höchste Sicherheitsstufe. Cornelia Krehbiel vom Besucherdienst beschreibt dramatisch: „Das habe ich in all den Jahren noch nie erlebt. Tagelang stand der Besuch auf wackeligen Füßen.“ Sie malt düstere Horrorszenarien von zerfetzten Körpern, schüttelt dann entsetzt den Kopf über ihre eigene Fantasie.

Umfassender Sicherheitscheck

Vier Tage vor Anreise dann die Zurückstufung auf die dritte von vier Warnstufen in Brüssel. In den Gebäuden der EU-Kommission und im Parlament gilt „Alerte jeune“, die niedrigste Sicherheitsstufe. Trotzdem gibt es einen umfassenden Sicherheitscheck wie am Flughafen: Taschen und Jacken ab ins Körbchen und durchs Röntgengerät, man selbst wird von einem Metalldetektor gescannt, muss sich seiner Gürtel und teils sogar der Schuhe entledigen. Vor dem Berlaymont, insbesondere der Einfahrt zur Tiefgarage, patrouillieren immer mindestens zwei Soldaten, schwer bewaffnet im Kampfanzug, das Gesicht vermummt, mit Maschinenpistolen im Anschlag.

Auch im Straßenbild ist das Militär präsent. Tarnfarbene Geländewagen an den Ampeln, Jeeps mit Soldaten auf der Pritsche vor dem Palast, die die unterschwellig bedrohliche Lage den Passanten gegenüber einfach freundlich wegwinken und Fußtrupps zwischen den Außentischen der Restaurants und Weihnachtsmarktständen.

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Die Wachsamkeit ist erhöht, aber eine reale Bedrohung sieht kaum jemand. „Es ist wahrscheinlich gefährlicher, mit dem Fahrrad durch Brüssel zu fahren“, stellt Sven Giegold, Europa-Abgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen trocken fest. Der Verwaltungsapparat läuft unbeeindruckt weiter. Die Themen: TTIP, Strategien zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, Asylpolitik und Nachbarschaftspolitik in den Ostländern.

Nur Zaungäste

Bei der täglichen Pressekonferenz sprechen EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Christos Stylianides, und der EU-Kommissar für Europäische Nachbarschaftspolitik und Erweiterungsverhandlungen, Johannes Hahn (ÖVP), über einen Hilfsfonds von 350 Millionen Euro für syrische Flüchtlinge. Die Fragen der international vertretenen Journalisten kommen auf Englisch oder Französisch. Wer dem schnellen Wortwechsel im Fachjargon nicht folgen kann, für den übersetzen mehrere Simultandolmetscher über Kopfhörer. Unsere kleine Journalistengruppe ist schwer beeindruckt. Und ein bisschen kleinlaut. Auf der Pressetribüne sind wir nur Zaungäste, dürfen nur ein paar Selfies schießen – und zuhören.

Waren das Berlaymont und Charlemagne der EU-Kommission schon beeindruckend, so sprengt das EU-Parlament alle Erwartungen. Der Gebäudekomplex ist riesig, eine überdachte Stadt aus Glas, Beton und Metall, nur zu erreichen über personalisierte Besucherausweise mit Passbild. Rundgang durchs Parlament, Vorstellung des Plenarsaals und der Sendestudios für TV und Radio; der griechische Leiter der Mediendienste Yannis Darmis erklärt auf Deutsch, was die Menschen, die hier für ein gemeinsames Ziel arbeiten, antreibt: eine Behörde voller Idealisten.

Wie ein großes Planspiel

Das wird auch durch den Grünen-Abgeordneten Sven Giegold deutlich. Er brennt für seine Themen, Transparenz im Lobbyismus und Wirtschaft, hat sich nach sechs Jahren im EU-Parlament gut eingearbeitet. „Manche Allgemeingüter, wie etwa die Nutzer des Gesundheitssystems, haben anders als die Pharmaindustrie keine Lobby“, erläutert der bekennende Fan von Web 2.0. Eine webbasierte Bürgernähe, Stiftungs- und EU-Mediengelder für investigativen Journalismus, wünscht er sich, eine offene Debatte.

Dagegen scheint für den 2014 ins EU-Parlament eingezogenen SPD-Abgeordneten Joachim Schuster alles nur wie ein großes Planspiel. Weshalb er in seinen Ausschüssen (Delegation für Beziehungen nach Australien und Neuseeland) sitzt? „Ich reise gerne, da dachte ich, dass das passt“, bekennt er freimütig. Uns stehen die Haare zu Berge. Ganz anders Elmar Brok (CDU). Der frühere Journalist hat seinen Sitz seit 35 Jahren im EU-Parlament, den „alten Hasen“ aber verbittet er sich.

Wer so lange für eine gemeinsame Sache arbeitet wie Brok, hat einen anderen Blick auf Deutschland und Europa: „Welches große wichtige Thema will Deutschland denn alleine schaffen?“, fragt er provokativ. Vielleicht bittet er auch deshalb um „einen weiteren Blick der Presse aufs Weltgeschehen“. Brok hat nur 20 Minuten Zeit, die werden aber intensiv durch unsere Fragenrunde genutzt. Für den IS-Terror hat der Parlamentarier nur abfällige Worte übrig: „Eine Terrorbande, die sich aufführt wie ein Staat.“

Henkel: Europa der "Harmonisierung"

Mit Spannung erwarten wir das Gespräch mit Hans-Olaf Henkel, Ex-AfD, jetzt Alfa. Er fühlt sich verantwortlich für die „Unterwanderung einer unerquicklichen Unterschicht“ in seine Partei. Seinen Platz im EU-Parlament für die AfD will er deshalb nicht für diese Klientel frei machen. „Ich habe gelernt, wie groß das Potenzial rechts außen ist“, zieht Henkel seine Lehre. An seiner Euro-Kritik hält der langjährige IBM-Manager weiter fest. Ein Widerspruch zu seinem Mandat ist das für ihn nicht. „Mein Europa ist ein Europa der Vielfalt, keine ‚Harmonisierung‘ aus Brüssel“, sagt er. Einer wie Giegold ist für ihn ein „Oberharmonisierer“. Jetzt müssen wir doch alle kichern. Aber Henkel hat noch ein Rezept für ein gelungenes Europa parat: „Kulturen sollte man nicht einer Währung unterordnen, sondern andersherum.“

Nach dieser geballten Ladung an Informationen schwirrt allen der Kopf. So viele Themen und Begegnungen in so kurzer Zeit – das erfordert strenge Disziplin und viel Wadenkraft. Unvergessen, der hastige Zickzacklauf unserer Reisegruppe in strömendem Regen durch die Straßen und einen Park zum EU-Parlament, das Aus- und Anziehspiel an den Sicherheitschecks und die langen Wartezeiten vorm Aufzug.

Kaum ist dann der Wissensdurst gestillt, setzt das Magenknurren ein. Doch auch kulinarisch ist es eine internationale Reise: Am ersten Abend Italienisch, Mittagstisch beim Griechen und Abschluss mit Buffet im EU-Parlament, das wir uns mit einer chinesischen Reisegruppe teilen. Das konnten nur die belgischen Pommes, Waffeln und Pralinen auf dem Weihnachtsmarkt toppen, runtergespült mit irischem, deutschen oder belgischen Bier und schottischem Whiskey bei Kitty O’Shea’s. Slàinte mhath!