Trotz guter Vertrauenswerte gibt es eine Qualitäts-Diskussion...

Im Informationszeitalter wird es schwer, Bilderfluten zu beherrschen, dabei vertraut eine Mehrheit den klassischen Medien.Foto: dpa  Foto: dpa

Und um 20 Uhr die Tagesschau. Die Nachrichtensendung der ARD ist eine Institution. Viele Deutsche richten ihren Abend am Beginn des Klassikers aus. Aber sie ist nicht mehr...

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MAINZ. Und um 20 Uhr die Tagesschau. Die Nachrichtensendung der ARD ist eine Institution. Viele Deutsche richten ihren Abend am Beginn des Klassikers aus. Aber sie ist nicht mehr unumstritten.

Im Informationszeitalter wird es schwer, Bilderfluten zu beherrschen, dabei vertraut eine Mehrheit den klassischen Medien.Foto: dpa  Foto: dpa
Foto: animaflora – adobe.stock  Foto: animaflora – adobe.stock

Als die Tagesschau über die Rede von Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos berichtete, machte ihr Korrespondent die Buhrufe zum Thema, die der US-Präsident erhalten hatte. Weil diese aber im Original nicht zu hören waren, zogen die Nachrichtentechniker den Regler hoch. Kritiker der Tagesschau bemerkten den Eingriff und attackierten die Redaktion auf Facebook und Twitter. Die musste eingestehen: „Wir haben den Ton am Ende tatsächlich etwas lauter gemacht.“ Pikant: Ausgebuht wurde Trump, weil er von der bösartigen und falschen Presse gesprochen hatte.

Die Zeit, in der die Zuschauer die Tagesschau als Institution gesehen haben, deren Aussagen gesetzt waren, sind vorbei. Das beschreiben die beiden Journalisten Petra Gerster und Christian Nürnberger in ihrem Buch „Die Meinungsmaschine“. Mit dem Internet und seinen Foren sei eine „Fünfte Macht“ entstanden, die eine Aufsicht über die „Vierte Macht“, nämlich die Medien, ausübe.

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Das Problematische laut den beiden Autoren: Während sich die Medien über Jahre selbst strenge Regeln gegeben haben, agierten im Internet manche Akteure wild und wüst. Meldungen würden nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, Meinungen seien wichtiger als Fakten. Die Ergebnisse der Langzeitstudie „Medienvertrauen“, die das Institut für Publizistik an der Mainzer Uni erstellt hat, zeigen, dass sich beide Entwicklungen auswirken. Zum einen ist das Vertrauen ins Internet als Medium niedrig. Zum anderen sprechen mehr als zwei Drittel der Nutzer dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Tageszeitungen ihr Vertrauen aus.

Seit der Flüchtlingskrise 2015 ist aber die Kritik an Medien lauter geworden. Die beiden Publizisten Daniel Ullrich und Sarah Diefenbach machen das in ihrem Buch „Es war doch gut gemeint“ am „Nanny-Journalismus“ fest. Damit gemeint sind Journalisten, die ihr Neutralitätsgebot missachten, um sich für eine Sache einzusetzen, die sie als gut ausgemacht haben: etwa Menschen in Not willkommen zu heißen. „Nanny-Journalisten“, auch paternalistische Journalisten genannt, rücken laut Ullrich und Diefenbach Nachrichten stärker nach vorne, die ihrem Anliegen nutzen. Und sie fahren Themen kleiner, wenn sie diesem Anliegen schaden. Das schade aber letztlich dem Anliegen: „Einige Leser jedoch interpretieren die gut gemeinte Realitätsverdrehung als Bevormundung und entziehen dem paternalistischen Journalisten ihr Vertrauen.“

Diese Diskussion ist auch unter Journalisten angekommen. So äußerte sich die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, auf Twitter euphorisch über den Grünen Parteitag in Hannover, etwa: „Frische #grüne Doppelspitze lässt Aufbruchstimmung nicht nur in Frankreich spüren.“ Worauf ihr Kollege von der Welt, Robin Alexander, lästerte: So viel Euphorie wie die der Kollegen auf dem Parteitag der Grünen, würde er auch gerne mal erleben.

Die Frage, ob Medien glaubwürdig sind, ist letztlich eine politische. Im Einzelfall: Hochrangige AfD-Vertreter und konservative CDU-Mitglieder attackierten Hassel für ihre euphorische Tweets massiv. Und auch die Mainzer Publizisten stellen in ihrer Studie fest: Menschen, die stark politikverdrossen seien oder die AfD politisch bevorzugen, misstrauten den etablierten Medien stärker. Anhänger von SPD und Grünen seien hingegen stärker bereit, ihnen zu vertrauen.

Von Mario Thurnes