Tamagotchi Zwei Punkt Null

Handy. Foto: dpa

Tamagotchi? Das war doch in den 90ern. Schon recht, aber achten Sie mal drauf. Überall werden sie heute wieder in den Händen gehalten.

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. Liebe Leserinnen und Leser, seien wir doch mal ganz ehrlich: Die Industrie hat uns mal wieder ganz gediegen um den Finger gewickelt und macht gleichzeitig das Geschäft ihres Lebens. Und wir haben es noch nicht einmal gemerkt. Aber es ist doch so: Immer weniger kümmern wir uns um uns selbst. Was an der Industrie liegt, denn viel lieber widmen wir uns stattdessen unseren Tamagotchis.

Wie? Was? Wo? Tamagotchi? Das war doch in den 90ern, als auf dem Schulhof nicht wenige mit diesen kleinen bunten Möchte-gern-Haustieren herumliefen?! Schon recht, aber achten Sie mal drauf. Überall werden sie heute wieder in den Händen gehalten. Etwas großformatiger zwar und nicht ganz so bunt, doch die Evolution hat dieses Mal besser hingehauen als noch vor etwa 15 Jahren, denn heuer besitzt fast jeder eines dieser digitalen Tierchen.

Sie wollen gestreichelt und gedrückt werden. Sie wollen gefüttert und versorgt werden. Sie wollen, dass man zu ihnen spricht und ihnen im Gegenzug natürlich zuhört. Und wenn sie mal unbeachtet in der Ecke liegen, machen sie sich durch einen Signalton bemerkbar. Meist zu Unzeiten, wie am frühen Morgen, oder in durchaus ungünstigen Situationen, wie beispielsweise im rappelvollen Bus. Und letztendlich sind die auch noch so unverfroren und möchten, dass mit ihnen gespielt wird. Jesses nee! Oder besser: iGlaub, iSpinn. Von einem "smartphone", wie es uns die Industrie anpreist, kann da wohl nicht die Rede sein.

Klar, die digitalen Helfertierchen erlauben einem jetzt, sich kabellos mit seinen Mitmenschen zu verständigen, aber das ist der Weiterentwicklung geschuldet. Doch an sich handelt es sich um nichts anderes als Tamagotchis. Tamagotchis, die nicht nur größer und performanter geworden sind, sondern auch noch anspruchsvoller. Da reicht es nicht, wie beim Vorgängermodel, mal einfach zwei, drei Knöpfchen zu drücken und gut is. Nee, nee, richtige Streicheleinheiten wollen die jetzt. Und das nicht zu knapp. Sanfte Fingerberührungen, das haben die doch am liebsten, denn ohne Zärtlichkeit läuft bei denen mal rein gar nichts. Da sind die stur. Du willst was von mir? Na dann sei gefälligst schön sanft zu mir und streichel mich. Ein netter Fingerwisch hier, ein leichter Fingertipp da. Ein letztes Gespräch vor dem Einschlafen. So und nicht anders läuft es doch. Und erst dann bekommt man, was man möchte. Das dann aber auch nicht zu knapp: Anstehende Termine, die Wettervorhersage oder Fußballergebnisse. Das kann kein anderes Haustier. Bis jetzt jedenfalls nicht.

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Was sich im Vergleich zur älteren Generation jedoch nicht geändert hat ist der unstillbare Hunger der Kleinen. Regelmäßiges Füttern steht neben der Zärtlichkeit ganz oben auf der Liste ihrer artgerechten Haltung, denn sonst schalten sie im wahrsten Sinne des Wortes einfach ab. Dabei sind sie auch noch sehr wählerisch: Die einzige Mahlzeit, die sie vertragen, ist ein Gericht namens Direct Current, das man ihnen, naja, per Einlauf verpasst. Aber sie genießen es, harren sie bei der Nahrungsaufnahme doch mehrere Stunden in Seelenruhe aus. Der einzige Zeitpunkt, bei dem sie auch mal alleine gelassen werden können und man sich selbst, zumindest kurzzeitig, wieder um etwas anderes kümmern kann. Mal aus dem Fenster gucken und die Umgebung auf sich wirken lassen zum Beispiel. Ich mache dann gerne……………………....Ich mache dann gerne……………also………..wenn denn……….Moment, bitte!...…………also, ich……………… Sorry, aber ich muss hier abbrechen, mein Tamagotchi verlangt nach Zuwendung.

Andreas Trapp