Sieben Leitsätze vom Vordenker: Bild.de-Chefredakteur Julian...

Screenshot: VRM

Er ist anders als man denkt. Chefredakteur von Bild.de und die eiserne Faust des Boulevards, ja – aber Julian Reichelt ist auch ein Vordenker der Branche, ein Chefpilot des...

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. Von Jonas Hermann

Im April nahm er sich Zeit, um die Verlagsgruppe Rhein Main in Mainz zu besuchen. Drei Stunden sprach und diskutierte er mit uns Volontären. Es war ein rasanter Rundflug über das Thema. Niemand weiß genau, was zu tun ist, um den Journalismus weiter auf Reiseflughöhe zu halten. Aber Julian Reichelt hat eine klare Vorstellung davon, was wir nicht tun sollten. Hier eine Zusammenfassung seines Vortrags; aufgefächert in sieben Fehler, die wir als Journalisten vermeiden sollten:

1. Neutral sein wollen: „Wer behauptet, er sei neutral, belügt sich selbst“, sagt Julian Reichelt. Aber wie passt das zu dem Journalisten-Leitspruch „sich nicht gemein machen mit einer Sache – auch nicht mit einer guten“, wie ihn „Tagesthemen“-Moderator Hajo Friedrichs formulierte? „Allergrößter Quatsch“, sagt Reichelt. Friedrichs habe sich durch sein eigenes Handeln widerlegt, indem er am 9. November 1989 in den „Tagesthemen“ sagte, dass die Grenzen der DDR komplett geöffnet seien – obwohl sie es nicht waren – und damit den Massenansturm auslöste, der die DDR zur Grenzöffnung zwang. Friedrich hat also Haltung gezeigt. Ganz im Sinne Reichelts: „Neutralität? Nein. Objektivität? Ja, keine wichtigen Fakten unterschlagen.“ Und Haltung? Lautes Ja!

Reichelt erzählt vom Strandspaziergang in Tel Aviv, und wie dort über den Nahost-Konflikt geredet wird: „Allem, was man dort erzählt bekommt, kann man zustimmen, aber wenn man in den Palästinensergebieten ist, geht es einem genauso.“ Reichelts Lösung: Eine Haltung einnehmen, dem Instinkt und dem Herzen folgen. In seinem Fall: pro Israel. Einwand der Zuhörer: „Sie können sich doch nicht auf eine Seite schlagen, eine Geschichte hat doch immer zwei Seiten.“ „Nein, eine Geschichte hat fast immer mehr als zwei Seiten. Eine Geschichte ist 360 Grad“, sagt Reichelt. Und deshalb ist auch der Journalismus der Zukunft 360 Grad.

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2. Auf Schreibtalent setzen: „Schreiben können ist nichts mehr wert“, sagt Reichelt, „wenn nicht auch die anderen Plattformen beherrscht werden.“ Video und Social Media sollen keine Stief-, sondern Schoßkinder sein. Falls Reichelt Recht hat, schlägt feinfühliges Plattformverständnis jedes Schreibtalent. Die 360 Grad sind übrigens wörtlich gemeint: „Bild“ filmt Reportagen mit 360-Grad-Kameras. Es gibt also keinen vorgegebenen Blickwinkel, denn der Zuschauer bestimmt per Klick, wohin er gerade schauen möchte. Schreibtalent wird da zur schönen Nebensache, denn was nützt die liebevoll gedrechselte Reportage auf Seite 3, wenn sie junge Medienkonsumenten nicht erreicht, weil die sich nur noch per Video, Snapchat und Facebook informieren? Die Konsequenz ist klar: Verlage und Redaktionen dürfen diese Plattformen nicht Anderen überlassen.

3. Vom Podest runterspucken: Manche Youtuber und Instagramer erreichen mehr Menschen als viele Medienverlage. Reichelt empfiehlt, ihnen auf Augenhöhe und vorurteilsfrei zu begegnen. Seit der digitale Revolution gibt es keine Zugangsbeschränkung mehr, um am öffentlichen Diskurs teilzunehmen. Früher waren die Leute auf Sender und Verlage angewiesen, heute reichen ein Smartphone und ein schlaues Hashtag.

Wir hier oben auf der Empore der Publizistik, ihr da unten im harten Gestühl – das war vorgestern. Blogger, Youtuber und Social-Media-Aktivisten müssen ernst genommen werden, alles andere wäre zeitgeistblind. Reichelt geht mit gutem Beispiel voran und sagt über „Bildblog“: „Das frühe ,Bildblog’ hat uns besser gemacht, ganz klar.“

4. Der Gratiskultur huldigen: Der Journalismus sichert vielen Tausend Beschäftigten einen bescheidenen Wohlstand. Damit das so bleibt, muss die schrankenlose Gratiskultur eingesargt werden. Julian Reichelt: „Das zu sagen, ist fast schon eine Binse, aber es war ein großer Fehler, all unsere Inhalte gratis ins Netz zu stellen.“ Ihn ärgert es, dass zum Beispiel „Spiegel Online“ und viele Andere das weiterhin tun. „Bild plus“ heißt der Bezahlbereich von Bild.de und mehr als 300.000 Digital-Abonnenten zeigen: Es geht doch.

5. Manhattan statt Mainz: Welche Tipps hat ein Boulevard-Mann für eine Regionalzeitung parat? „Euer größter Fehler wäre es, eine internationale Seite 1 machen zu wollen“, sagt Reichelt. Lieber schon ganz vorne im Blatt starke Regionalthemen hochziehen. Nun gibt es natürlich in jeder Region deutlich weniger zugkräftige Themen als im globalen Ganzen. Reichelts Rat: „Ich würde mir die Themen der Pulitzer-Preisträger ansehen, und sie auf die Region runterbrechen.“

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6. Den Spin übersehen: Wichtiger Pfeiler der Reicheltschen Lehre: Sich gegen den Spin abschirmen. „Jede Pressestelle und jede Regierung versucht, euch die Geschichte und die Fakten mit einem bestimmten Spin zu präsentieren.“ Der Spin ist die Deutung des Geschehens, die der Pressestelle, Regierung etc. am liebsten wäre, und sie in günstigem Licht erscheinen lässt.

Als Beispiel nennt Reichelt den Spin der Bundesregierung im Fall Böhmermann. Die behauptete, sich untadelig verhalten zu haben, als sie der Justiz offiziell erlaubte, sich mit Erdogans Beleidigungsklage gemäß Paragraf 103 zu beschäftigen.

„Dass deutsche Journalisten ernsthaft glauben, Merkels Weg sei richtig und Erdogan würde jetzt den deutschen Rechtsstaat und die Gewaltenteilung kennenlernen, ist naiv, Selbstaufgabe und ein Schlag für unsere türkischen Kollegen. Erdogan sitzt in seinem Palast und feiert seinen neuen Exportschlager: Repression durch Beleidigungsklagen, in Deutschland jetzt Regierungs-TÜV-zertifiziert“, schrieb Reichelt auf Twitter.

7. Lehrer spielen: Sollen Journalisten dem Staat dabei helfen, die Bürger zu bilden? „Nein, Journalismus hat keinen Bildungsauftrag, sondern einen Informationsauftrag“, sagt Reichelt. Er ergänzt so das Credo von „Bild“-Chefredakteurin Tanit Koch: „Wir haben als Journalisten keinen Erziehungsauftrag. Wir machen unsere Leser nicht zu besseren Menschen (…), wir machen sie zu besser informierten Menschen.“

Erziehung bedeutet mitunter Entzug. Unartige Kinder bekamen früher Süßigkeits- oder Fernsehverbot. Manche Journalisten erteilen den Lesern Informationsverbot, indem sie etwa die Nationalität von Straftätern verschweigen, weil diese Angabe eventuell Hass oder Rassismus schüren könnte. Es ist aber wenig realistisch, den Lesern Fakten vorzuenthalten, denn im Netzzeitalter kommt ohnehin fast jede Täter-Nationalität ans Licht.

Der Journalist als Volkserzieher, der Informationen pädagogisch gefiltert weitergibt und seine Leser nebenher auch noch bildet – das war, laut Reichelt, schon immer ein Missverständnis In Zeiten wie diesen kann sich die Branche aber keine Missverständnisse mehr leisten, denn: „Unsere Journalistengeneration ist die letzte, die die Fehler der Vergangenheit umdrehen kann,“ sagt Reichelt.

Quellen: Persönliche Notizen zum Vortrag von Julian Reichelt bei der Verlagsgruppe Rhein Main am 21. April 2016 Twitter-Account @jreichelt dpa-Interview mit Tanit Koch