Salz auf der Haut, Sonne im Kopf

Der Love Family Park auf dem Messegelände in Mainz. Foto: Martha Thor

Nur einmal wollte ich dabei sein, bei der großen Familienzusammenkunft der besten Techno-DJs der Welt (ja, das darf man ruhig so sagen), beim Love Family Park. Bis auf die...

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. Von Marta Thor

Von weitem ist das Dröhnen zu hören. Die schnellen und harten oder tief im Magen vibrierenden Bässe lassen knapp 25.000 von Schweiß und Wasser durchnässten Körper rhythmisch zucken. Überall Strohhüte und bunte Mützen, Tücher und Sonnenbrillen, Blumenketten im Haar und um den Hals. Kleine bunte Zeltstädte wachsen am Rand des Rollrasens von Floor 1 und 2, den beiden großen Open-Air-Bühnen.

Kaum Schutz vor der Hitze. In jede noch so kleine Schatteninsel von Imbissstand, Bauzaun oder Zelt kauern sich dicht gedrängt transpirierende Menschen. Der Andrang vor den kostenlosen Wasserhähnen und den beiden Wasserbögen ist riesig; vor den Bier- und Cocktailständen nur mäßig.

Englische, spanische, französische und unverständliche Satzfetzen mischen sich mit deutschen. Die DJs mixen harmonische mit dissonanten Sounds, polterndes Klickern und knarzende Vocals. Mit über 40 Grad knallt die Sonne auf den frisch ausgelegten Rollrasen auf dem Messegelände. Saftig grüne mit vereinzelt ausgedörrt gelben Flecken. Je weiter es zur Mitte geht, umso stärker zieht der Geruch nach Chlor, nassem Hund und abgestandenem Grün in die Nase; er mischt sich mit dem süßlichen Duft von Sonnencreme, Tabak und mehr.

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Der Beat treibt an

Kleine Häufchen mit Wasserflaschen, Taschen und Decken markieren die persönliche Basis, an der sich große und kleine Ravergruppen versammeln und tanzen. Der Abstand wird respektiert. Niemand rennt rücksichtslos durch die Menge oder rempelt andere Tänzer an. Alle sind nur hier wegen der Musik. Luciano legt vor, mit fluffigen, melodischen Beats zur kochenden Stimmung.

Wer kann, entledigt sich nach nur wenigen Minuten vom störenden Textil. Hotpants und Bikini-Oberteil zu Strohhut und Sonnenbrille, Sneakers und Bermudas-Shorts zu nacktem Oberkörper. Kühlende Handtuchturbane auf dem Kopf. Es wird noch heißer. Die Sonne brennt sich erbarmungslos mit jedem hämmernden Bass tiefer in die Haut. Die ist nach kurzer Zeit überzogen aus einer Patina aus Sonnencreme, Schweiß, Wasser, Bier und Apfelsaft.

Der Beat treibt zu Höchstleistungen an. Max aus Augsburg hat ein zufriedenes Grinsen im Gesicht - er lässt sich mit geschlossenen Augen einfach darin treiben. Gedanken mischen sich mit Melodie-Fetzen, die Beine heben sich längst von alleine. Wasserbälle und Schaumstoffwürfel wogen auf einer Welle von ausgestreckten Händen vor der Bühnenmuschel. Eine Konfettimaschine lässt Millionen kleiner blauer Fetzen in der Luft explodieren. Später, bei Papa Väth, gibt es noch ein Farbfeuerwerk.

Zum Glück geht das Wasser nicht aus

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Sneakers, Flipflops und bare Füße stampfen rhythmisch Asche, Kippen und Konfettifetzen mit Wasser und Bier in den braungrünen Rollrasen. Ab und zu läuft jemand vorbei und verpasst eine kühlende Dusche aus einer Wasserpistole oder einer Sprühflasche. Ein himmlisches Gefühl auf der aufgeheizten Haut. Vorne steigen Sonnen und Herzen in die Lüfte, auch ein Einhorn ist dabei. Gummientenringe mäandern auf derselben Tanzwelle über den Köpfen.

Die Schlangen im Essenszelt sind lang; das Obst, Wassermelonen und Ananas, ist am Spätnachmittag längst alle. Auch Wraps und Schnitzelbrötchen - ausverkauft. Zum Glück geht das Wasser nicht aus. Geduldig warten Hunderte von Ravern an den Wasserhähnen, um ihre Flaschen wiederaufzufüllen. Stress gibt es keinen. Ein langer Blonder in weißem T-Shirt fragt mit Blick auf einen Besucher: "Der Typ im Streifenshirt, tanzt der schon lange so? Wisst ihr, wie lange etwa?" Die Achtsamkeit ist groß.

"Wasser, Wasser!" Am Bierstand dringt das Wort immer dringlicher bis nach Vorne. Das Personal unterbricht augenblicklich den Ausschank, schnappt geistesgegenwärtig nach einer Wasserflasche. Dann geht der Betrieb weiter. Das wegen der Hitze schwächelnde Mädchen wird von Freunden zu den Sanis gebracht. Für Abkühlung ist jeder selbst zuständig, aber hier passt man dennoch aufeinander auf. Niemand will Stress beim Feiern.

Farbfeuerwerk am Himmel

Die riesigen Zirkuszelte sind überfüllt, ein Backofen voll zappelndem Fleisch. Ricardo Villalobos spielt sich auf dem zweiten Open-Air-Floor ein. Langsam geht Tänzern und Sonne die Puste aus. Wolken schieben sich vor den hellen Stern, ein lauer Wind weht auf den Rücken, der eben noch von erfrischenden Wasserdüsen gekühlt wurde. Ein Pärchen knutscht selbstvergessen unter dem Wasservorhang.

Am Himmel steigt ein rotes Farbfeuerwerk. Eine dicke Schlacke aus Wasser, Rasen, Asche und Matsch dringt in die Sandalen. Ricardo remixt sich selbst: 15 Minuten lang lässt er seinen Whitelabel-Mix von Depeche Modes "The Sinner In Me" und das Tanzvolk zappeln. Dann zieht er die Regler hoch und haut die Bässe rein.

Anderer Floor, andere Stimmung. Mittlerweile ist Sven Väth an den Turntables. Immer noch wabern die Tanzmassen hin und her, immer noch ist genug Platz zum Tanzen für alle, es gibt kein Gedränge. Die Wasserflaschen auf dem Boden sind Orientierungspunkte für die umherwandernden Tänzer. Eine junge Frau shuffelt gedankenverloren vor sich hin. Ein maskierter Tänzer zieht mit zwei Kumpels im Schlepptau durch die Menge - auf den Bauch hat er sich eine GoPro geschnallt - die Reaktionen der Raver wird man später auf YouTube zu sehen bekommen.

Keiner will gehen

Die Sonne kommt wieder heraus. Jetzt ist sie unterhalb der Wolken. Der Wind kühlt. Papa Väth stellt seine Familie vor: Mama, Tochter, Entourage: "We are all Family, seit 20 Jahren, woo!" Väth untermalt seine Ansprache mit Grunzlauten und einem blutroten Farbteppich am Himmel. Dann rammt er seinen "Mitternachtstraum" in die Boxen. Die Menge tobt. Sven johlt. "Den feiern wird schon seit 20 Jahren!"

Kurz vor 22 Uhr und keiner will gehen. Jetzt haben sich alle erst so richtig eingetanzt, die Temperaturen eingependelt. Der rheinhessische Sonnenuntergang ist eine spektakuläre Kulisse für die bunten Luftballons und in die Luft sprühenden Wassersprenkler. Immer wieder zeigen Tausende von Armen in Richtung Himmel. Die Weitgereisten kommen auf ihre Kosten. Die aus der Nähe feiern im Club weiter - in Mainz oder mit der Family-Entourage in Frankfurt.

Am Ende des Tages bleibt schwarze Schlacke zwischen den Zehen, ein klebrig-salziger Film aus Sonnencreme, Schweiß und Bier auf der Haut und ein sonniges Gefühl im Kopf.