Rehbergs Vorschau: Frankfurter Gespräche vor dem Derby

Derby-Hinspiel im November: Der Frankfurter Sebastian Rode wird bedrängt vom Mainzer Verteidiger Zdenek Pospech und beobachtet von Shawn Parker. Archivfoto: Sascha Kopp

Rhein-Main-Derby zwischen Mainz und Frankfurt? Davon wollen viele Eintracht-Anhänger nichts hören. Frankfurt ist Tradition, Mainz 05 ein Emporkömmling. Damit sieht sich auch...

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. Wir wohnen nun schon seit mehr als 25 Jahren in Frankfurt. Für einen gebürtigen Mainzer, der sich beruflich mit den 05ern beschäftigt, hat das einen besonderen Reiz. Insbesondere in den Tagen vor einem Rhein-Main-Derby. Das viele Anhänger der Eintracht ja noch immer gerne abtun würden als ein eher belangloses Treffen zwischen einem schwergewichtigen Traditionsklub und einem geduldeten Emporkömmling aus einem nahen Bundesland. In der Bankenmetropole ist immer etwas zu spüren von der leicht überheblichen Sehnsucht, es könnte allmählich mal reichen mit den Mainzern in der Bundesliga, nach dem Motto: Die hatten jetzt ein paar Jahre ihren Spaß beim Abenteuerausflug in die große Fußballwelt, als Dauereinrichtung war das aber nie geplant. Für viele Frankfurter gibt es nach wie vor nur einen über Jahrzehnte zementierten Normalzustand: Die Eintracht spielt Europapokal, die Mainzer kicken Zweite Liga.

Wir wohnen im multikulturell geprägten Stadtteil Höchst. Auch der wird dominiert von Eintracht-Fans. Knapp 70 Prozent der Bevölkerung stammen zwar aus nahezu aller Herren Länder, viele haben auch noch einen Heimatlieblingsverein in der Türkei, auf dem Balkan, in Armenien, Kasachstan oder auch in Afrika, aber die Eintracht - Daumen hoch, Fahne raus, Adleraufkleber am Auto.

Die Hofsänger beim Fußball? In Frankfurt!

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Die härtesten Diskussionen führe ich seit Jahren mit dem Metzger unseres Vertrauens (der seinen Laden mittlerweile aus Altersgründen aufgegeben hat). Ein eingefleischter Eintracht-Fan von Kindesbeinen an. Mainz 05? Kein gutes Thema. "Mir habbe die Eintracht, ihr die Fastnacht!" Der Spruch steht wie in Stein gemeißelt. Als Beleg googelt der emeritierte Metzgermeister dann gerne auf seiner glänzend sortierten Hirnfestplatte. Wer habe denn bei der Meisterfeier der Eintracht 1959 im Frankfurter Zoo-Gesellschaftshaus "So ein Tag, so wunderschön wie heute" gesungen? "Die Mainzer Hofsänger!" Das sei eine wunderbare Idee gewesen vom damaligen Frankfurter Oberbürgermeister Werner Bockelmann ("Das war übrigens der Onkel von Udo Jürgens").

Uff. Das sitzt. Und als die beiden 59er Endspielmannschaften 2009 auf Einladung der Stadt Frankfurt den 50. Jahrestag des großen Erlebnisses feierten, da trug die neuere Hofsänger-Generation im Römer den Eintracht-Meisterspielern und den einst mit 3:5 unterlegenen Veteranen von Kickers Offenbach noch einmal ihr berühmt gewordenes Liedlein vor. Tja, entgegne ich, was macht man nicht alles, wenn man jung ist und das Geld braucht…

Man kann dann übel kontern mit dem verdammten Frankfurter Flughafen und dem Lärmteppich über Mainz und Rheinhessen. "Mir in Höchst sind viel näher dran am Airport, und, hören Sie was?", sagt dann der Metzger in einem Tonfall, als habe er gerade das Schlachtermesser gezückt. "Und fliegen tun die Mainzer auch gern." Und die großen Flugzeuge gucken am Aussichtspunkt an der Autobahn, ja, ja, da sehe und höre er auf seinen Spaziergängen auch immer "fröhliche Touristen aus Mainz".

Einen halben Määnzer lässt der Metzger gelten

Wenn es einen "halben Määänzer" gibt, den der Fleischermeister gelten lässt, dann ist das Jürgen Klopp. Den habe schließlich die Eintracht entdeckt. Stimmt auch. Alttrainer Dietrich Weise hatte den damals 20 Jahre alten Rechtsaußen im Schwarzwald spielen gesehen und zu den Eintracht-Amateuren gelotst.

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"Wenn der Kloppo bei der Eintracht Trainer geworden wäre, dann würden wir heute Champions League spielen. So wie 1960." Na ja, entgegne ich, damals stand die Eintracht-Elf im Finale im Glasgower Hampdenpark doch nur Spalier, als Real Madrid mit 7:3 gewann. Der Konter: "Aber wir haben 1:0 geführt, übrigens ein herrliches Tor von Richard Kreß!" Jetzt trifft Klopp im CL-Viertelfinale mit Borussia Dortmund auf die "Königlichen" aus Madrid. Schade, knattert der Eintracht-Fan, "das hätte mir auch mal wieder verdient". Hä? Warum? Und wie soll das gehen?

Klar, dann kommt natürlich noch die Geschichte mit Alexander Schur, der als Spieler bei RW Frankfurt einst eine Fahrgemeinschaft bildete mit Jürgen Klopp. Schur, das ist jener Frankfurter Held, der die Eintracht 2003 in die Bundesliga zurückköpfte mit seinem Tor zum 6:3 in der vierten Nachspielminute im Heimspiel gegen den SSV Reutlingen. Im Zweitligafernduell mit den punktgleichen 05ern unter Klopp, die damals am letzten Spieltag beim 4:1 in Braunschweig exakt ein Tor zu wenig schossen.

Ein gewisser Bakary Diakité erzielte an jenem 25. Mai für die Frankfurter im Waldstadion die vergleichsweise frühen Tore zum 4:3 (83.) und 5:3 (90.). "Den Diakité haben wir dann ja nach Mainz geschickt", triumphiert der Metzgermeister. "Und ihr seid prompt abgestiegen." Na ja, der Stürmer kam vom SV Wehen an den Bruchweg. Aber Abstieg mit Diakité - und ohne den zuvor unter lautem Mediengetöse zur Eintracht gewechselten Torjäger Michael Thurk -, ja, das muss man zugeben. 2007 war das. Lange her, genau so lange her wie 1959.

Frankfurter Torschützenkönig zurück in die Liga

Aber wer hat die Mainzer in die Bundesliga zurückgeführt? Das war der einstige Frankfurter Bundesliga-Torschützenkönig Jörn Andersen! "Der war technisch e Gurk", brummt der Wurstmacher, der sich noch gut daran erinnert, wie "der Schwede", der eigentlich ein Norweger ist, nach Beendigung seiner Profikarriere für ein paar Monate in Höchst beim Metzgerladen um die Ecke "erfolglos" ein Sportgeschäft betrieb.

Am 30. April 2011 kommen aber auch die härtesten Eintracht-Fans nicht vorbei. 32. Spieltag. Die Situation war der aktuellen nicht so ganz unähnlich. Die 05er standen auf dem fünften Platz, der Europapokal war in Sichtweite. Die Frankfurter waren 15., nur zwei Punkte entfernt vom Abstiegsrelegationsplatz.

Immer ein wenig mehr Patina im Derby

Das Team von Thomas Tuchel überrannte im Derby die Eintracht (mit dem heutigen Schalker Überflieger Ralf Fährmann im Kasten) am Bruchweg mit 3:0. Danach zogen die Mainzer in den Uefa-Cup ein - und der Eintracht-Adler stürzte mit dem hilflosen Notnagel-Promi Christoph Daum am Ende noch direkt in die Zweite Liga ab. Der Untergang am Bruchweg war der Genickbruch.

Der Metzger winkt unwirsch ab. "Mainz im Europapokal, das braucht niemand", sagt er. "Am Samstag zieh’n mir euch den faule Zahn!" Und ein richtiges Derby sei das eh nicht, "das wird es auch in 100 Jahren nicht". Frankfurter Selbstverständnis. Aber ein wenig Patina klebt nun doch schon an diesem Rhein-Main-Duell. Mit jedem Derby wird es mehr. "Wenn die Eintracht in der Bundesliga bleibt…" (geflüstert).