Rehbergs Analyse: Wolfsburgs VW-Maschine drückte aufs Gas

Nichts zu holen: Eric Maxim Choupo-Moting, Shawn Parker und Shinji Okazaki nach der Pleite in Wolfsburg, im Hintergrund Millionen-Transfer Kevin de Bruyne. Foto: dpa

Reinhard Rehberg analysiert den Auftritt von Mainz 05 beim VfL Wolfsburg. Und er stellt fest, dass die starke VW-Maschine einfach ein paar mehr PS auf den Rasen brachte als die...

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. Thomas Tuchel wirkte gefasst nach dem 0:3 in Wolfsburg. Der nach schlechten Ergebnissen oft so aufgewühlte, zuweilen auch ungnädige Trainer des FSV Mainz 05 blieb ausgeglichen, ruhig, betont sachlich. Der 40-Jährige wusste, dass ein Remis nur mit viel Glück möglich gewesen wäre. Ein Auswärtssieg stand an diesem Tag eigentlich nie zur Debatte. Wobei: Hätte der Wolfsburger Luiz Gustavo für sein Monsterfoul an Christoph Moritz nach nur drei Spielminuten statt Gelb die nicht unangebrachte Rote Karte gesehen und/oder hätte Zdenek Pospech bei seiner Monsterchance in der 36. Minute frei vor der Hütte nicht viel zu hoch gezielt, sondern die Führung erzielt, klar, das hätte zu einem völlig anderen Spielverlauf führen können. Hätte, könnte, wäre… Zu viel Konjunktiv. Dafür gibt es keine Punkte.

Die 05er hatten Probleme in diesem Duell um Rang sechs. Fehlende Tagesform auf einigen Positionen. Das bedingte Störungen in den spielerischen und taktischen Automatismen. Auch ein Mentalitätsunterschied war erkennbar. Das Motiv der individuell zweifellos hochwertiger besetzten Wolfsburger, nach zwei Rückrundenniederlagen die Wende zu erzwingen, erzielte emotional ein paar Prozent mehr Wirkung, als der Wunsch der Mainzer, nach zwei Rückrundensiegen den Lauf im Fluss zu halten.

Wolfsburger Qualität mit zwei Mittelfeldsechsern

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Beginnen wir mit der Wolfsburger Qualität. Eine nette Besetzung. Die beiden Mittelfeldsechser. Luiz Gustavo, der 20 Millionen Euro teure Stammspieler in der brasilianischen Nationalmannschaft, präsentierte sich in WM-Form, taktisch enorm diszipliniert. Nebenmann Christian Träsch, der 12 Millionen teure aggressive Zweikämpfer, Dauerläufer und Ankurbler, blockierte wirkungsvoll den Spielaufbau von Riesentalent Johannes Geis. Zur offensiven Dreierreihe. Rechts das Toptalent Maximilian Arnold, technisch stark, flink, ballsicher, schussstark. Auf der Zehnerposition der umtriebige, antrittsschnelle, wendige, technisch starke 22-Millionen-Tempodribbler Kevin de Bruyne. Links der schnelle, ballsichere und torgefährliche 8-Millionen-Mann Ivan Perisic. Und als Mittelstürmer der baumlange holländische Torjäger Bas Dost, der auch mal 7 Millionen gekostet hat. Diese VW-Maschine hat 600 PS. Da braucht es nur eine vernünftige Rennstrategie. Und die kollektive Energie, die das Gaspedal konstant durchgedrückt hält.

Daran strickt der Arbeiter Dieter Hecking. Diese sehr offensiv ausgerichteten Mannschaft hat einen Plan, eine Trainerhandschrift. Mit Ball und gegen den Ball. Schnelle diagonale Verlagerungen auf die Flügel im eigenen Ballbesitzkonzept mit viel Personal und Dynamik in der gegnerischen Hälfte. Aggressives Pressing und Gegenpressing mit drei, vier Mann in der Angriffsreihe gegen den Spielaufbau des Gegners, dahinter hoch attackierende Außenverteidiger. Engere Abstände als früher. Im Zentrum ein nach vorn verschobener Sechser, diesmal Träsch. Dahinter der brachial einsteigende, den tiefen Raum beherrschende Gustavo. Und im Abwehrzentrum der mutig nach vorn verteidigende Hirte Naldo, der König der Lüfte, wenn der Gegner zum langen Spiel gezwungen wird.

Gegner anfangs noch verkrampft und blockiert

Den Wolfsburgern sah man schon in den ersten 25 Minuten ihr Potenzial an, doch da wirkte das Team unter dem Erfolgsdruck noch verkrampft, blockiert, da kam kein dramatisch gefährlicher Spielfluss auf. Und die 05er verteidigten mit ihren drei Sechsern recht geschickt. Doch auch da waren die Mainzer Mängel schon sichtbar. Ja-Cheol Koo rannte viel als Zehner in der Mittelfeldraute, fast schon zu viel, zu unorganisiert, zu unabgestimmt. Gegen den Ball kam der Südkoreaner oft zu spät gegen die zentralen Aufbauspieler. Mit Ball legte Koo sein Spiel zu kompliziert, oft auch zu risikoreich an. Der Winterzugang, das ist klar, ist noch nicht drin in den taktischen Abläufen. Tuchel hatte gar das Gefühl, Koo habe es gegen seinen Ex-Klub zu gut machen wollen. Übermotiviert? Zu aufgeladen in den Räumen des hoch konzentrierten Kriegers Gustavo? Wohl schon.

Ähnliches galt für Julian Koch im halbrechten Mittelfeld. Viel guter Wille, aufopferungsvolle Laufarbeit, Kampfkraft. Aber der so lange verletzte Sommerzugang, der ja aus der Zweiten Liga kam, muss sich noch an die Bundesligageschwindigkeit anpassen, auch an die Mainzer Abläufe. Eine Frage der Handlungsschnelligkeit, dazu gehört auch gedankliches Vorausahnen, führte bei Koch zu einigen leichten Ballverlusten in einfachen Orientierungs- und Passsituationen. Mag sein, dass Tuchel da mit zwei "neuen" Spielern im Mittelfeld zu optimistisch aufgestellt hatte gegen diesen starken Gegner.

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Kein Ball für Choupo-Moting, frühes Aus für Moritz

Ein weiteres Manko: Maxim Choupo-Moting machte in der vordersten Reihe fast keinen Ball fest, eine ganz schwache Vorstellung des Stürmers. Da fehlten die Sprintläufe in die Tiefe, die Spezialität des angeschlagen bis zur 70. Minute auf der Bank sitzenden Nicolai Müller.

Und natürlich führte die frühe Auswechslung von Moritz zu Nachteilen. Das betraf vor allem die für das Mainzer Ballbesitzspiel so wichtige Spieleröffnung. Die Innenverteidiger Stefan Bell und Niko Bungert sind von jeher nicht die Meister des konstruktiven Flachpasses ins Mittelfeld. Und da ab der vierten Minute der eingewechselte Kämpfer Junior Diaz hinten links verteidigte, fiel mit dem ins Mittelfeld vorgezogenen Joo-Ho Park in der letzten Reihe noch ein ball- und passsicherer Eröffnungsspieler aus. Dazu Geis fast in einer Manndeckung von Träsch. Das ließ sich an diesem Tag nur in ganz wenigen guten Aufbauszenen kompensieren. Als die 05er in einer erweiterten Umschaltsituation mal schnell und präzise von hinten nach vorne durchkombinierten, da ergab sich die Topchance für Pospech. Viel mehr war da aber nicht an präzise und zielstrebig durchgespielten Ballbesitzzügen. Nur Ansätze.

Ruhige Ansprachen mit unterschiedlichen Resultaten

Hecking bekannte, dass er in der Halbzeitpause kurz davor war, seine gehemmte Elf zusammenzustauchen. Doch dann habe er sich im letzten Moment noch für eine sanfte, für eine emotional aufbauende Ansprache entschieden. Die Wolfsburger kamen entschlossen aus der Kabine, sie zogen sofort Tempo auf. Tuchel hatte hinterher das Gefühl, er habe seine Mannschaft in der Pause vielleicht zu ruhig besprochen. In dem Gefühl, dass die letzten 20 Minuten der ersten Halbzeit dann ganz ordentlich waren und das 0:0 ja alle Möglichkeiten offen lassen sollte. Die 05er kamen bedächtig aus der Kabine. Da fehlte das wilde Aufbruchsignal, das Besondere im Bearbeiten des Gegners. Die Mannschaft agierte nicht, die Mannschaft reagierte nur. Prompt passierte die Fehlerkette, die zum Foulelfmeter und zum 0:1 führte. Ab diesem Zeitpunkt spielten die Wolfsburger ihre individuelle Klasse aus. Und die 05er traten auf, als hätten sie eine Kakteenlandschaft zu bespielen.