Rehbergs Analyse: Tuchels Fehleinschätzung im Fall Müller

Nicht immer bester Laune: (von links) Christian Wetklo, Heinz Müller und Loris Karius. Archivfoto: hbz/Timo Schwarz

Der Gerichtsfall Heinz Müller schlägt bundesweit hohe Wellen. Müllers Versuch, dem damaligen 05-Trainer Thomas Tuchel Mobbing zu unterstellen, ist juristisch betrachtet ein...

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. Heinz Müller beschäftigt die Fußballnation. Der ehemalige 05-Torwart ist ein Gerichtsfall geworden. Die juristischen Hintergründe sind ausreichend dargestellt worden. Mag sein, dass da in den kommenden Jahren eine Gesetzesänderung ansteht. Dann wird der Fußball möglicherweise Berufsgruppen zugeordnet, in denen befristete Verträge abgeschlossen werden dürfen. Dass Leistungssportler ihren Beruf aus biologischen Gründen in der Regel nur bis zu einem Alter von 35 bis 38 Jahren ausüben können und von daher die Anwendung unbefristeter Verträge keinen Realitätsbezug hat, steht außer Frage. Doch das werden Arbeitsrichter zu entscheiden haben.

Es geht um Prämienzahlung

Heinz Müller hat in der Montagausgabe des Fachmagazins "kicker" zu verstehen gegeben, dass ihn die Klärung dieser Grundsatzfrage überhaupt nicht interessiert und auch nie interessiert hat. Ihm geht es um die Erstreitung von nicht gezahlten Prämien aus der Zeit seiner Rückstufung in die Zweite Mannschaft (es geht um schlanke 260.000 Euro). Und es geht ihm darum, aber auch das ist nur ein Hilfsargument im Streit um den Prämiensachverhalt, dass ihm durch jene Rückstufung die Chance auf eine optionale Vertragsverlängerung genommen worden sei: Bei 23 Einsätzen in der Spielzeit 2013/14 hätte sich sein Kontrakt um ein weiteres Jahr verlängern können - am Ende blieb es bei zehn Einsätzen.

Die zuständige Mainzer Arbeitsrichterin hat Müllers Prämienanliegen in der Verhandlung gar nicht bewertet, die detaillierte Urteilsbegründung steht noch aus. Schließen ließe sich aus dem Urteil: Ein Trainer hat das Recht, einen vertraglich gebundenen Spieler aus Leistungs- und/oder Verhaltensgründen aus dem Kader der Profimannschaft zu verbannen. Der Klub ist dann lediglich angewiesen, seinem Angestellten ein profiadäquates Training zu ermöglichen. Und das wird in der Zweiten Mannschaft eines Profiklubs angeboten.

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Mobbing? Schwer zu beweisen

Müllers Anwalt hatte argumentiert, sein Mandant sei vom damaligen Trainer Thomas Tuchel willkürlich behandelt, unabhängig von seinem Leistungsvermögen und seinem Verhalten in der Gruppe "gemobbt" worden (juristisch nennt sich das eine Treuwidrigkeit). Was natürlich nur schwer zu beweisen ist. Was ist Mobbing in der hoch dotierten Leistungsgesellschaft Profifußball?

Tuchel hat vor Gericht als geladener Zeuge ausgesagt. Er führte aus, welche Pflichten er gegenüber seinem Spielerkader und gegenüber seinem Arbeitgeber habe. Selbstverständlich sei die Rückstufung des Keepers erfolgt aus Leistungsgründen und das beinhalte nicht nur, aber auch das soziale Verhalten des Spielers.

Da hat also jener Trainer, der bei der Nichterfüllung seines Vertrages im vergangenen Sommer heftige Auseinandersetzungen hatte mit Präsident Harald Strutz und Manager Christian Heidel, dem Klub inhaltlich beigestanden im von einem Spieler angezettelten Rechtsstreit. Das ist ein lustiger Nebenaspekt. Der zudem beinhaltet: Wäre das Verbot von befristeten Verträgen im Fußball (zumindest bei einer zweiten Vertragsverlängerung) schon rechtsgültig gewesen, dann hätte Tuchel im Frühjahr 2014 schlicht und einfach fristgerecht kündigen können am Bruchweg… Lassen wir das.

2009/10 eine Topsaison

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Werfen wir noch mal einen Blick auf das Verhältnis zwischen Müller und Tuchel in der gemeinsamen Zeit in Mainz. Der heute 36-jährige Torhüter hatte 2009/10 als Neuzugang eine Topsaison mit 30 Einsätzen und hervorragenden Leistungen; da war zwischenzeitlich sogar mal von einer Nationalmannschaftschance die Rede. Danach ging es steil bergab: 10 Einsätze 2010/11, 12 Einsätze 2011/12, drei Einsätze 2012/13, zehn Einsätze 2013/14. Müller war oft verletzt und er kam an seine hervorragenden Anfangsdarbietungen nie mehr heran.

Schon im Sommer 2013 dachte Tuchel über eine Veränderung auf den drei Torhüterpositionen nach. Weil Müller und sein Rivale Christian Wetklo nicht das beste Verhältnis zueinander hatten - und weil sich Müller in der Rolle als Nummer zwei nicht so verhielt, wie es sich die Trainercrew gewünscht hätte. Dass Tuchel dann für 13/14 doch noch mal den Zweikampf ausrief, das hat sich im Nachhinein als falsch erwiesen - und Tuchel hat diese Entscheidung später auch bereut.

Tatsächlich setzte sich Müller in der Sommervorbereitung noch mal als Nummer eins durch. Dann kam der 11. Spieltag. 3. November 2013. Auswärtsspiel gegen den FC Augsburg. Müller war nur bedingt fit, doch er erklärte sich für spielbereit. Zur Pause musste er verletzt ausgewechselt werden. Der eingewechselte Vertreter Christian Wetklo sah in der 88. Minute die Rote Karte. Das Auswechselkontingent war ausgeschöpft, Mittelstürmer Sebastian Polter, ein ehemaliger Jugendtorwart, rettete zwischen den Pfosten den 2:1-Sieg.

Seit Sieg gegen Eintracht steht Karius im Tor

Beim folgenden 1:0-Heimderbysieg gegen die Frankfurter Eintracht stand der junge Loris Karius im Kasten - als Vertreter des verletzten Müller und des gesperrten Wetklo. Seitdem ist der U21-Nationaltorhüter Karius die unumstrittene Nummer eins am Bruchweg.

In der Folgezeit traf Tuchel eine Entscheidung: Karius bleibt im Tor, Wetklo ist die Nummer zwei, Christian Mathenia (heute Stammkeeper beim Zweitligisten Darmstadt 98) die Nummer drei. Und kurz vor Weihnachten befand es Tuchel als unabdingbar, dass Müller, der nun in der zweiten Mannschaft trainieren musste, auch die Kabine der Profimannschaft zu verlassen habe. Begründung: Müllers unangemessenes soziales Verhalten als herabgestufter Torwart gefährde den inneren Frieden, gefährde die Harmonie im Profikader.

Nun erzählt Müller im "kicker", er habe nicht mal mehr seinen Spind selbst ausräumen dürfen, über die Weihnachtszeit habe man seine Klamotten samt der Bilder von seinen Kindern in einer Kiste verpackt neben der Toilette abgestellt. Ist das im juristischen Sinne Mobbing? Zitat Müller: "Tuchel ist ein Diktator."

Starker Tobak. Wann ist der Cheftrainer eines Bundesligisten ein Diktator, also ein Machthaber, der nach Gutdünken Menschen aussortiert, wegsperrt, bestraft, erniedrigt, sie ihrer demokratischen Rechte beraubt? Nein, das ist kein Weg. Jeder Trainer wird seine Mannschaft/seinen Kader grundsätzlich nach den kurz- und mittelfristigen Erfolgsaussichten nominieren. Und in diese Leistungsbeurteilung fließen immer auch die Fähigkeiten eines Spielers zum angemessenen sozialen Miteinander ein. Würde man einem Trainer dieses Hoheitsgebiet absprechen, dann könnten Spieler künftig auf die Idee kommen, etwa ihre Kader- oder Startelfnominierung gerichtlich einzuklagen. Absurd. Wobei: In der deutschen Leichtathletik hat es das schon gegeben.

Ob ein aus Leistungs- und/oder Verhaltensgründen zurückgestufter Profi noch die danach vom Profiteam erarbeiteten Leistungs- und Erfolgsprämien zu beanspruchen hat (inklusive etwaiger anderer Vertragsoptionen), das ist noch gar nicht entschieden. Oder es steht darüber etwas in der schriftlichen Urteilsbegründung. Die liegt aber (noch) nicht vor. Die Richterin hat sich in einen längeren Urlaub verabschiedet.

Und Heinz Müller? Der ist kein Unhold. Diese Sachlage gerichtlich prüfen zu lassen, das ist sein gutes Recht. Die Wendung im Prozess und die Tragweite des Urteils konnten Müller und dessen Anwalt vorher nicht einschätzen. Die Berufung auf "Mobbing durch den Trainer" dürfte jedenfalls juristisch betrachtet ein schwieriger Weg sein. Zumindest das zeichnet sich ab.