Rehbergs Analyse: Sprintzwerge und eine Zirkusnummer

Muss wegen eine Gelbsperre gegen den HSV zuschauen: Julian Baumgartlinger (rechts), hier im Kampf gegen Ivo Ilicevic (links) und Sven Schipplock vom HSV. Foto: dpa

Die 05er dürfen ob ihrer günstigen Tabellenlage befreit Fußball spielen – und das führt nicht zu einem Spannungsabfall, sondern zu noch mehr Hunger auf Erfolg. Reinhard...

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. Eine Selbstverständlichkeit ist auch das nicht in der Bundesliga: Die 05er dürfen ob ihrer günstigen Tabellenlage befreit Fußball spielen – und das führt nicht zu einem Spannungsabfall, sondern zu noch mehr Hunger auf Erfolg. 3:1-Sieg beim Hamburger SV. Ein Strike. Ausgeführt mit einer verblüffenden Gelassenheit und Selbstverständlichkeit. Diese für einen Gegner eklig unangenehme Gewinnerhaltung hätte man der Mannschaft von Martin Schmidt in diesem Jahr nicht mehr zugetraut. Der HSV? Der war schon ernsthaft bemüht, die Steilfahrt auf Wolke fünf fortzusetzen. Aber die Elf von Bruno Labbadia fand im eigenen Ballbesitz keine überzeugenden Mittel gegen die enge Mainzer Wagenburg. Und am Ende speist sich das Ergebnis eben immer aus der Chancenverwertung. Unterm Strich lässt sich festhalten: Die 05er benötigten für ihre 1:0-Halbzeitführung Glück in der Verteidigung und Glück bei einer akrobatisch anspruchsvollen Zirkusnummer im gegnerischen Strafraum - in der zweiten Halbzeit aber hätten sich die Hamburger gegen die eindeutig stärkeren Mainzer leicht auch eine gegentorreiche Blamage einhandeln können.

Nüchtern-effektiver Spielansatz bei Mainz 05

Auch davon profitieren die 05er gerade mit ihrem nüchtern-effektiven Spielansatz, die eigene Hälfte gut abzudecken und mit dem vom Baum fallenden Obst die Umschaltattacken zu reiten über ein vierköpfiges Kontereinsatzkommando: Hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund ist aktuell kein Bundesligateam in der Lage, einen massiert und tief verteidigenden, konzentriert und wehrhaft auf Konter lauernden Gegner mit tempogeladenem Kombinationsspiel an die Wand zu nageln. Der HSV hatte bis zur Pause sogar noch relativ viele gute Szenen aus dem eigenen Ballbesitzfußball heraus. Aber Topchancen ergaben sich nur wenige. Weil die Angriffsmuster für die 05-Defensive leicht zu lesen waren: Der Techniksechser Lewis Holtby treibt die Kugel, er versucht den Wuchtsprinter Nicolai Müller in die Tiefe zu schicken, und wenn das gelingt, dann sucht der Ex-05-Stürmer mit seinen Vorlagen in den Rückraum den schlaksigen Schleicher Michael Gregoritsch. Und der verballerte an diesem Nachmittag alles. Der 1,93 Meter lange HSV-Zehner, Kapitän der von Vater Werner Gregoritsch trainierten österreichischen U21-Nationalmannschaft, hatte seinen gefährlichen linken Fuß diesmal nicht justiert.

Jairo treibt HSV-Abwehr in den Wahnsinn

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Der nur 1,72 Meter große Jairo dagegen trieb die HSV-Abwehr in den Wahnsinn. Die erste durchgespielte Mainzer Offensivszene: 0:1. Da hatte der kleine Spanier den Querpass auf den Einfädler Yunus Malli schon verhühnert, am Boden liegend traf der Sprinter den abgegrätschten Ball gar nicht mal unkontrolliert mit dem Schienbein, und das ergab einen Heber mit einer nach innen eiernden Flugkurve, gegen die Keeper Jaroslav Drobny keine Chance hatte. Eine Zirkusnummer. Oder vielleicht auch nur eine ganz normale Standardtechnik aus dem Sitzfußball-Lehrbuch („Abschluss aus der Drehung mit dem Schienbein“). Auf jeden Fall reif für das „Tor des Monats Dezember 2015“.

Die erste durchgespielte Mainzer Offensivszene nach der Pause: 0:2. Wieder Jairo. Diesmal war der Laufweg die Zirkusnummer. Die Abfolge: Jairo klaut dem fehlerhaften Sakei die Kugel, dem folgt ein Sprintweg parallel zur vorderen Strafraumlinie, der angespielte Malli wartet mit Ball am Fuß seelenruhig auf ein neues Bewegungsangebot des Spaniers - der im Rücken Mallis plötzlich abbiegt in eine extrem scharfe Linkskurve… Malli passt auf kürzestem Weg in den Lauf und Jairo trifft mit seinem Flachschuss aus spitzem Winkel. Reif für das Rasenfußball-Lehrbuch („Asymmetrische Laufwege“).

Stabilisator Julian Baumgartlinger

Ähnliche Spielchen trieb Malli dann noch mit Yoshinori Muto, der aber diesmal kein Abschlussglück hatte. Das 0:3 ereilte den HSV dann über ein anderes Mainzer Entscheidungsmuster: Balleroberung Julian Baumgartlinger in der gegnerischen Hälfte nebst schneller und präziser Kurzpass-Umschaltung über den wie ein Pascha die Bälle verteilenden Malli und mit dem die unberechenbaren Wege gehenden Jairo als Vorlagengeber. Der Umschaltzehner Malli plus die Sprintzwerge Jairo, Pablo de Blasis und Muto – das bürgt gerade für Bundesliga-Spitzenqualität im Fach „Zielstrebige Umschaltüberfälle“.

Was die Elf von Martin Schmidt noch verbessern kann (und muss), das ist die aggressive Arbeit gegen den Ball innerhalb der Blockstellung in der Zonenverteidigung. Nach einem 3:1-Auswärtssieg fällt der Trainercrew diese Analyse sicher leichter: Teilweise leistet sich der Abwehrverbund utopische Aussetzer, das sind dann schon fast kuriose Einladungen zu Gegentoren. Diesmal hatte zum Beispiel der junge Innenverteidiger Alexander Hack in drei Abwehrszenen viel Glück (dennoch, die Anpassung des Hünen an die Bundesliga geht voran), zum Teil stimmten da aber auch schon vorher die Absicherungsabläufe nicht. Der wichtigste Stabilisator bleibt da: Julian Baumgartlinger, der Balljäger und Balleroberer.