Rehbergs Analyse: Schalketaktik

Roman Neustädter von Schalke 04 (li.) im Einsatz gegen den Mainzer Elkin Soto. Foto: dpa

Nach dem Spiel der Mainzer gegen Schalke zieht Blogger Reinhard Rehberg eine Bilanz. Und stellt fest: Die 05er haben nach einer bemerkenswerten Leistung an den drei Punkten...

Anzeige

. Der FSV Mainz 05 hat in den knapp viereinhalb Jahren mit Trainer Thomas Tuchel schon einige gute bis sehr gute Auswärtsspiele abgeliefert. Das 0:0 am Freitagabend beim FC Schalke 04 entsprang einer sehr guten, einer besonderen Leistung. Weil das Tuchel-Team gegen einen starken, gegen einen klar favorisierten Gegner, der in der Rückrunde bis dahin alle Spiele gewonnen hatte, über 90 Minuten taktisch und spielerisch mindestens ebenbürtig war. Die 05er hatten über die gesamte Spielzeit beide Hände am Steuer. Das nennt man Spielkontrolle. Immer wieder mit Phasen, in denen die Mainzer sogar souverän wirkten, den konstruktiveren Ansatz im eigenen Ballbesitz hatten. Gegen eine Mannschaft, die am Mittwochabend im Achtelfinale der Champions League die "Königlichen" von Real Madrid herausfordert. Die 05er haben in der Veltins-Arena auf diesem Niveau eine Qualitätsprüfung bestanden. Auch in der Mentalität.

Hätten die Schalker diese taktisch hochwertige, tempogeladene und spannende Partie dank eines immer möglichen Glücksmoments gewonnen, dann wäre das ausschließlich zurückzuführen gewesen auf ihre besondere individuelle Qualität in der Offensive. Torjäger Klaas Jan Huntelaar nahmen die 05er komplett aus dem Spiel, eine Klasseleistung der in der Luft und am Boden fehlerfreien, dominanten Innenverteidiger Nikolce Noveski und Stefan Bell. Aber der schnelle Jefferson Farfan sowie die technisch herausragenden Sondertalente Max Meyer und Leon Goretzka hatten ihre Szenen. Allerdings nicht viele. Und nur wenige ganz klare Torchancen. Weil die 05-Profis als Gemeinschaft, als Verbund mit herausragend guten Raumaufteilung erneut überragend verteidigten.

Defensivverhalten perfektioniert

Anzeige

Das Defensivverhalten im 4-4-2 mit Mittelfeldraute hat Tuchel mit seinem Team inzwischen nahezu perfektioniert. Inklusive Torhüter hatten die 05er immer wieder acht eng gestaffelte, gut die Passwege zustellende und aggressiv stechende Männer hinterm Ball. Je nach Situation verteidigten die Mainzer mal höher, mal tiefer organisiert. Öfter in der tieferen Variante, dann extrem engmaschig formiert im Zentrum. Der Strafraum war überwiegend abgeriegelt, Sperrgebiet für den Gegner.

Probleme ergaben sich ab und zu durch die kurzen Wendungen und die geschickten Laufwege des kleinen Meyer und durch die zielstrebigen Antritte des Turbosprinters Farfan. Letzterer hatte vor der Pause zwei große Torchancen. Mehr war nicht. Die drei Mainzer Sechser Johannes Geis (überragend im Zentrum) sowie Christoph Moritz und der stark formverbesserte Elkin Soto schlossen die Räume. Ohne Fouls. Die gewöhnlich offensivstarken Schalker Außenverteidiger Tim Hoogland und Sead Kolasinac fanden nie bespielbare Flächen. Der später eingewechselte Jungstar Julian Draxler war gar kein Faktor.

Präzises Kombinationsspiel

Ähnlich flexibel operierte die Tuchel-Elf im eigenen Ballbesitz. Mal gab es starke Umschaltszenen, mal ausgesprochen reif wirkende Phasen mit flüssigem, präzisem Kombinationsspiel durchs Zentrum. Da fiel ein Detail auf: Immer wieder befreiten sich die 05er im Mittelfeld in engen Situationen mit Handlungsschnelligkeit, mit guter Orientierung im Raum schon bei der Ballannahme (geöffnete Körperstellung in Spielrichtung), mit kurzen Drehungen, mit kurzen Ballkontaktzeiten, mit direkten Weiterleitungen. Zielstrebig, da war Druck auf der Kugel im eigenen Ballbesitz, Tempo, Raumgewinn. Hochwertig. Das ist Topniveau. Wer nörgeln will, der kann festhalten, dass die mutigen Mainzer unzählige Temposzenen hatten, in denen tatsächlich der letzte Pass missriet. Die beiden hochpreisigen Torchancen von Shinji Okazaki in der ersten Halbzeit waren grandios herausgespielt. Da rettete S04-Keeper Ralph Fährmann seinem Team das zu null.

Bemerkenswert: Die Schalker Sechser Kevin-Prince Boateng (pomadig) und Roman Neustädter stellten im Zentrum diszipliniert zu, aktive Balleroberungen hatten beide fast gar keine gegen die kombinationssicheren Mainzer. Entsprechend selten kam S04 zu den von Jens Keller geplanten Tempoüberfällen. Der Schalker Respekt vor Mainzer Konterzügen war groß, etwas mehr ins Risiko gingen die sehr bemüht im 4-4-2-Block verteidigenden Gastgeber erst in der Schlussphase. Diesen Respekt hat sich die Tuchel-Armada erarbeitet.

Anzeige

Mainzer am Drücker

Der 05-Coach wollte gewinnen. Rochaden nach 74 Minuten. Maxim Choupo-Moting kam für den deutlich verbesserten Ja-Cheol Koo (zwei prächtige Pässe in die Tiefe, Ballsicherheit, laufstark, wendig), Shawn Parker für Shinji Okazaki. Jetzt besetzten Geis und Soto das Mittelfeldzentrum, Nicolai Müller rückte auf die Zehnerposition, der ballsichere Christoph Moritz kurbelte rechts an, Choupo-Moting dribbelte links, Parker gab den beweglichen Mittelstürmer. Keller beorderte seinen Topstar Boateng in die Spitze. Mainzer Übergewicht. Herausragende Flugbälle des Strategen Geis auf die Seiten. Boateng hätte mit einem Kopfball die Entscheidung erzwingen können, auf der Gegenseite Stefan Bell und zweimal der - jeweils von Moritz freigespielte - Soto. Mainzer Chancenplus.

P.S. 68. Minute. Die Beinaktion des Hünen Felipe Santana im Schalker Strafraum gegen den kleinen Okazaki war gar nicht so harmlos, wie es in Echtzeit aussah. Der Beinsteller von Bayern-Stopper Jerome Boateng gegen Arsenal-Dribbler Mesut Özil am Mittwochabend in London war weniger aktiv, dafür gab es Strafstoß.

Fazit. Die 05er haben nach einer bemerkenswerten Leistung an den drei Punkten geschnuppert. Beim Rückrunden-Seriensieger FC Schalke 04. Der Champions-League-Klub Bayer 04 Leverkusen wird sich am kommenden Samstag nicht eben freuen auf diesen gereiften, Qualität produzierenden FSV Mainz 05.