Rehbergs Analyse: Perfekte Abwehrleistung

Auswärtssieg: Die Mainzer feiern mit ihrem Anhang. Foto: rscp / René Vigneron

Der Strafraum wird zur Hochsicherheitszone, dort herrschen die Innenverteidiger Nikolce Noveski und Stefan Bell, dahinter pariert Loris Karius alles, was zu parieren ist. So...

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. Selbst im beschaulichen Leverkusen gibt es an den Karnevalstagen vier fröhlich gefeierte Umzüge. Das schmucklose Industriestädtchen liegt nahe Köln. In dieser Gegend versteht man etwas von diesem vierfarbbunten Treiben. "Das mit dem Karneval, das könnt ihr in Mainz aber besser", sagte am Fastnachtssamstag ein Journalistenkollege, der seit Jahren über Bayer 04 berichtet. "Wir in Leverkusen können besser Fußball spielen." Nach den 90 Minuten in der BayArena waren diese Gesetzmäßigkeiten in Unordnung geraten. Die Anhänger des Werksklubs hatten mit ihren Verkleidungen ordentlich mitgehalten im Duell mit dem Maskenzug im fastnachtlich geprägten Gästeblock. Und das Fußballspiel gewannen die Mainzer. Überraschung.

Mit Leidenschaft und perfekter Abwehrleistung

Nein, die Mainzer haben deshalb nicht gleich besser Fußball gespielt. Aber das wertet den 1:0-Coup beim Tabellenzweiten nur noch auf. Die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel hat einen auch an diesem Tag starken Gegner bezwungen. Mit sehr viel Leidenschaft, mit einer perfekten Abwehrleistung, mit einem frechen Tricktor von Maxim Choupo-Moting. Und mit mehr Überzeugung im gesamten Tun. Sami Hyypiä ("Überzeugung ist wichtiger als viele andere Dinge auf dem Feld") hatte vor der Partie einen Sportpsychologen zu Rate gezogen. Der riet, nach zwei Punktspielniederlagen hintereinander plus der 0:4-Klatsche in der Champions League gegen Paris St. Germain, in der Mentalarbeit vor der Mainz-Partie etwas Druck rauszunehmen. Der Bayer-Chefcoach, dieser wunderbar ruhige und sachliche Finne, brummte später mit dem Anflug eines schelmischen Grinsens auf dem Gesicht: "Wir sollten das beim nächsten Mal vielleicht anders machen…"

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Ja, Hyypiä hat seiner Mannschaft sehr viel beigebracht. Es fiel den 05ern in der BayArena extrem schwer, in ihren gewohnten Ballbesitzrhythmus zu kommen. Weil die Gastgeber auf viele mögliche Situationen auf dem Feld Antworten haben. Nähert sich der Gegner mit geordnetem Aufbauspiel der Mittellinie, dann kann die Bayer-Elf sehr gut in einem engen Block verteidigen. Ansonsten, und das ist sehr gut geschult und unangenehm, betreibt die Hyypiä-Elf nach Ballverlusten umgehend eine aggressive Balljagd. Die 05-Profis schafften es in dieser Partie tatsächlich nur selten, die vorderen Gegenpressingattacken des Gegners zu überwinden. Also lag das Hauptgewicht auf der Defensive. Und das erledigte die Tuchel-Elf im Stil einer Klassemannschaft. Viel besser kann man gruppentaktisch und individuell nicht verteidigen. Die Könige waren die Innenverteidiger Nikolce Noveski und Stefan Bell, die in ihrem souveränen Auftreten erinnerten an einen Europapokalabend mit dem AC Mailand Ende der 80er Jahre, als Baresi und Costacurta den Strafraum der Italiener zur Hochsicherheitszone erklärten.

Betrieb wie im Kölner Hauptbahnhof

Ein paar Szenen gab es, da herrschte im Mainzer Strafraum ein Betrieb wie am Samstagabend im Kölner Hauptbahnhof vor dem einzigen Kiosk mit geistigen Getränken im Angebot. Aber die Mainzer blieben immer ruhig, immer sachlich, aufmerksam, hoch konzentriert, schneidend konsequent. Den Rest erledigte Torhüter Loris Karius, der deutlich an Statur gewonnen hat und seinem Team mit drei prächtigen Paraden das zu null rettete. Ein glücklicher Mainzer Sieg? Zweifellos. Und dennoch nicht unverdient. Eine Niederlage stand eigentlich nie zur Debatte.

Die Mainzer Defensive im 4-3-1-2 baute erneut auf eine glänzende Organisation. Bayer griff hoch riskant an. Mit den drei Stürmern Sidney Sam, Eren Derdiyok und Heung-Min Son, dazu mit den Offensivverteidigern Roberto Hilbert (ein gelernter Angreifer) und Emre Can (ein gelernter Mittelfeldspieler). Den wenig spielintelligenten Flügelstürmer Sam ersetzte Hyypiä nach der Pause durch das 17 Jahre alte leichtfüßige und technisch brillante Sondertalent Julian Brandt. Nach einer Stunde kam der angeschlagene Torjäger Stefan Kießling aufs Feld - für den Sechser Stefan Reinartz. Jetzt rammten sich mit Derdiyok und Kießling zwei Mittelstürmer in den Strafraum, der torgefährliche Son bewegte sich auf inneren Bahnen, am Flügel dribbelten Brandt und die Außenverteidiger.

Am Ende Leverkusen mit waghalsigem 2-3-5-Sytem

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Am Ende ersetzte Hyypiä noch Hilbert durch den talentierten Uwe-Seeler-Enkel Levin Öztunali, auch er eher ein Angreifer. Das war dann ein waghalsiges 2-3-5-System. Aber die Mainzer Deckung wackelte nicht. Die Mittelfeldspieler Christoph Moritz und Jo-Hoo Park halfen im Verschiebesystem aufopferungsvoll an den Seiten aus. Ja-Cheol Koo hielt seinen Zehnerraum und behinderte wirkungsvoll den zentralen Aufbau des Gegners. Johannes Geis schloss die Mitte vor der Abwehrreihe. Noveski und Bell standen dahinter stabil wie Brückenpfeiler. Und vorne erledigten Shinji Okazaki und der eingewechselte Sebastian Polter in der Leverkusener Verzweiflungsdrangphase in der Schlussviertelstunde ein überragendes Arbeitspensum. Mit etwas mehr Ruhe und Abgeklärtheit hätten Polter und der eingewechselte Benedikt Saller das erlösende 2:0 erledigen können.

Hinten sicherte Bayer phasenweise nur noch mit den Innenverteidigern Philipp Wollscheid und Ömer Toprak ab. Da ergaben sich riesige Konterräume für die 05er, die dann allerdings zu viele Ballverluste einstreuten. Aber, wie gesagt: Das Gegenpressing der Hyypiä-Elf tief in der gegnerischen Hälfte ist unbequem, sehr schwer zu bespielen. Dass dieses Stilmittel einen enormen läuferischen Aufwand erfordert, war am Ende deutlich zu sehen. Bayer 04 ging der Sprit aus. Und die 05er strahlten in ihrer engmaschigen Abwehrarbeit Überzeugung aus.