Rehbergs Analyse: Ostern, Weihnachten und alle Geburtstage

Die Sieger eines hart umkämpften Spieles. Foto: dpa

"Oh, wie ist das schön", sangen die Anhänger am Samstagabend im strömenden Regen in der Coface Arena. David hat mal wieder Goliath bezwungen. Eine Sensation? Ja, schon. Ein...

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. Mit einem Höllenlärm und mit fröhlichen Gesängen haben die 05-Fans die vergangene Saison beendet. Danach ist viel passiert. Trainerabgang, Trainerzugang. Raus aus der Europaliga, raus aus dem DFB-Pokal. Und nun? Bundesligazweiter nach vier Spieltagen. Nach einem 2:0-Heimsieg gegen die Champions-League-Riesen von Borussia Dortmund. "Oh, wie ist das schön", sangen die Anhänger am Samstagabend im strömenden Regen in der Coface Arena. Und: "Olé, olé Fiesta, Fiesta hier am Rhein…" David hat mal wieder Goliath bezwungen. Eine Sensation? Ja, schon. Spiele lassen sich nicht vergleichen, aber die Dortmunder hatten vor vier Tagen auf der europäischen Bühne die Weltklasseelf von Arsenal London durch die Folterkammer gejagt…

Besondere Zutaten für einen besonderen Moment

Für diesen besonderen Moment brauchte es besondere Zutaten: Leidenschaftliche Laufarbeit, leidenschaftlichen Kampfgeist, eine hoch konzentrierte kollektive Defensivleistung, einen perfekt passenden Taktikplan, einen günstigen Spielverlauf, einen prächtigen Torwart, Matchglück, einen in der Abwehr fehlerhaften und in der Chancenauswertung schlampigen / glücklosen Gegner - und einen Joker Jairo, der bei seinem Debüt im neuen Trikot als Einwechselspieler beide Tore einleitete. Diese Reihung zeigt, dass für die 05er durchaus Weihnachten, Ostern und sämtliche Geburtstage auf einen Tag fielen. Was diese große Energieleistung gegen den überhaupt nicht schwachen haushohen Favoriten überhaupt nicht relativiert.

Sprintüberfälle bleiben im Unterholz stecken

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Zugegeben, die von Kasper Hjulmand bevorzugte Verteidigungsart ist und bleibt gewöhnungsbedürftig. Das in Mainz bislang gewohnte Pressing und Gegenpressing praktizierten die Dortmunder, fast schon erdrückend erfolgreich in den ersten 20 Minuten. Die 05er brachten viele Leute hinter den Ball, sie organisierten einen engmaschigen Defensivblock, sie stellten im Zentrum die Passwege zu. Krachende Zweikämpfe? Auch, aber nur in geeigneten Situationen.

Das weniger mann-, mehr zonenorientierte Verdichtungskonzept funktionierte gegen das in der ersten Reihe nur gelegentlich, dafür im Mittelfeld dauerhaft und aggressiv die Kugel jagende Umschaltmonster: Die gefürchteten Dortmunder Sprintüberfälle, auch die Flachpasskombinationen in der Platzmitte blieben überwiegend im Mainzer Unterholz stecken. An den unterbesetzten Seiten halfen die uneigennützigen Außenstürmer Sami Allagui und Jonas Hofmann aus.

Überragende Innenverteidiger Bell und Jara

Für dieses zentrumszentrierte Zustellkonzept hatte Hjulmand eigens seinen Zehner Christoph Moritz als dritten Sechser geopfert. Eine glänzende taktische Maßnahme. Die Zentrumsspieler Shinji Kagawa und Milos Jojic fanden in diesem Dickicht keine entscheidenden Passlücken. Auch weil die Abwehrreihe der 05er um die überragenden Innenverteidiger Stefan Bell und Gonzalo Jara mal tiefer stand, dann aber auch immer wieder weit nach vorne verschob und der Borussia in der Tiefe 30, 40 Meter Spielfläche abklemmte.

Der Favorit hatte mehr Spielanteile. Bis zur 60. Minute auch die gefährlicheren Torraumszenen; zweimal rettete der Streetfighter Junior Diaz in höchster Not vor der Torlinie, dazu gesellten sich am Ende zwei Pfostentreffer. Als Klopp mit Ciro Immobile und Henrikh Mkhitaryan mehr Wucht, Tempo und Technik einwechselte, da schlugen zwei Minuten später die 05er zu. Mit ihrem No-name-Joker: Der leichtfüßige und beidfüßig begabte Jairo legte der unermüdlich schuftenden (und in der Ballbehauptung erheblich verbesserten) Tormaschine Shinji Okazaki das 1:0 auf. Die Arena bebte.

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Jubelorkan nach dem Abpfiff

Der entscheidende Knackpunkt: Als Immobile vom Elfmeterpunkt aus gegen den souveränen Loris Karius die große Ausgleichschance versiebte, ging der Borussia die Überzeugung flöten. Bei den Gastgebern dagegen wuchs in der immer wilder werdenden Stadionatmosphäre der Glaube an die Sensation. Der Abpfiff um 19.19 Uhr ging in einem Jubelorkan unter. Ein Tor mehr, und die 05er hätten die Tabellenspitze erklommen. Aber das sei dem tapferen Erstaufsteiger SC Paderborn gegönnt.