Rehbergs Analyse: Mainzer Wendewunder

Loris Karius war der Rückhalt der 05er beim Auftritt in Hoffenheim. Gemeinsam mit Doppeltorschütze Shinji Okazaki feierte er nach dem Spiel mit den Fans am Zaun. Foto: René Vigneron

Eine lange Überlegenheit mit zwei Toren und eine kurze starke Phase mit vier Treffern - so stellt sich der Auswärtssieg von Mainz 05 bei der TSG Hoffenheim dar. Was zu diesem...

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. Das erlebt man selten. Eigentlich nie. Dass sich zwei Trainer nach einer Partie nicht in der Lage fühlen, das Geschehene zu erklären. Thomas Tuchel gestand nach dem 4:2 des FSV Mainz 05 in Hoffenheim ehrlich ein: "Ich kann das nur beschreiben." Markus Gisdol stöhnte nur: "Nein, das kann ich nicht erklären." Der Blick auf den eigenen Reporterblock erklärt zumindest die situative Analyseblockade der beiden Fußballlehrer. Die Notiz zur Vorstellung der 05er im Stadion in Sinsheim bis zur 65. Minute beim Stand von 2:0 für die TSG: "Keine Physis, keine Handlungsschnelligkeit, kein Widerstandsgeist, schlechteste Saisonleistung, Erfolgs-Mentalität weg!" Da hatte der Hoffenheimer Kevin Volland gerade frei vor Keeper Loris Karius seine fünfte fette Chance vergeigt; dies war die verpasste Möglichkeit zum 3:0 für die furios, wie entfesselt pressenden und angreifenden Gastgeber. Exakt zehn Minuten später führten die Gäste mit 3:2. TSG Hoffenheim: Licht an, Licht aus. Mainz 05: Licht aus, Licht an. Eine wundersame Wende.

Bis zum Anschlusstreffer in der 67. Minute wirkten die 05er wie eine deutsche Mannschaft in den 70er-Jahren bei einem Europapokalabend auf der britischen Insel. Tief beeindruckt von der physischen Präsenz, von der Zweikampfschärfe, von der Wucht, vom Tempo des Bälle jagenden, Bälle fressenden Gegners. Hätten die Hoffenheimer die drei Punkte ins Ziel gebracht, Gisdol hätte mit einiger Berechtigung ein Lehrbuch schreiben können mit dem Titel: "Erfolgreiches Angriffspressing."

Offensivspieler hemmen die Spieleröffnung bei 05

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Drei, vier, zuweilen fünf Offensivspieler stürzten sich auf die Spieleröffnung der Mainzer. Gelangte die Kugel doch mal ins Mittelfeld, attackierten die Gastgeber den Ballführenden auch dort mit zwei, drei Mann. Bauten die 05er über die Seiten auf, pressten die Außenverteidiger der TSG schon zehn Meter jenseits der Mittellinie. Prügelten die 05er das Spielgerät hoch nach vorne, und das taten sie oft, trafen sie nur die Köpfe der brutal nach vorne verteidigenden TSG-Innenverteidiger, die mit ihrer Länge problemlos ohne Leiter die Glühbirnen an Straßenlaternen wechseln könnten. Extremes Angriffspressing funktioniert nur, wenn die gesamte Mannschaft in Bewegung ist, ständig aktiv nachschiebt und die Abstände zwischen den Linien extrem kurz hält. Die Hoffenheimer zelebrierten das nahe an der Perfektion.

Ballverlust hieß: neue Balljagd. Überfallartig. Balleroberung hieß: alle Signale nach vorne, schnelle kurze Pässe, Sprints in die Tiefe, Anspiele in die Tiefe, Abschlüsse. Überfallartig, mit individueller Topqualität. Torchancen, aufgereiht wie an einer Perlenschnur. Die 05er, angetreten mit der zweitbesten Defensivabteilung der Rückrunde, wirkten, als würden sie von einer Büffelherde überrollt. Orientierungslos, hilflos, wehrlos.

Erste Torerfolge nach der Pause

Nach der Pause belohnten sich die Gastgeber endlich auch mit Torerfolgen. 2:0. Tuchel reagierte. Junior Diaz raus, Johannes Geis raus. Benedikt Saller und Nicolai Müller rein. Jo-Hoo Park verteidigte jetzt links. Umstellung vom 4-4-2 mit Raute auf das 4-2-3-1. Mit Risiko: Christoph Moritz sicherte das Zentrum nach hinten alleine ab, Saller als zweiter Sechser kurbelte fast ausschließlich den Aufbau an. Das Anschlusstor, wie aus dem Nichts. Und bei der TSG war der Stecker gezogen, Strom weg, Licht aus.

Mühelos überspielten die 05er nun die nachlassenden Vorcheckingbemühungen der Hoffenheimer. Der zuvor extrem präsente Balleroberer Eugen Polanski rannte nur noch hinterher, auch die Kollegen Sejad Salihovic und Sebastian Rudy verloren Überblick und Zugriff im Mittelfeld. Die unbeweglichen Innenverteidiger Niklas Süle und Jannik Vestergaard wurden in größer werdenden Räumen in den Bodenduellen zum Sicherheitsrisiko. Die 05er kombinierten, jetzt war Druck auf der Kugel, Zielstrebigkeit, Durchsetzungswille im Angriffsdrittel.

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Kurze starke Phase mit vier Treffern

2:1, das war für die TSG ein ekliges Ergebnis nach einem Höllenaufwand mit scheinbar sicherer Führung. In den Hoffenheimer Profis mag nun die bedrohliche Erinnerung hochgekrochen sein, dass sie ohne funktionierendes Pressing nicht gut verteidigen können.

Ab der 67. Minute hatte das Endergebnis eine Logik: Die 05er schossen in ihrer kurzen starken Phase vier Tore, die Hoffenheimer in ihrer langen überragenden Phase nur zwei. Abschlusseffizienz. In Person von zwei 05-Stürmern. Maxim Choupo-Moting: Eine Stunde fast nicht zu sehen, dann ein Tor und eine brillante Torvorlage. Shinji Okazaki: Eine Stunde überhaupt nicht zu sehen, dann zwei Tore.

Dazu kam Tuchels Jokerfortune: Das 2:2 bereitete der eingewechselte Yunus Malli vor, die Vollendung gelang dem eingewechselten Benedikt Saller. Malli erzielte in seinen 20 Minuten Spielzeit auf der Zehnerposition mehr Wirkung als zuvor der noch immer um strukturelle Anpassung ringende Ja-Cheol Koo in seinen 70 Minuten. Gisdol hatte kein Wechselglück: Mit der Auswechslung des wie angestochen gegen den Ball malochenden Mittelstürmerhünen Anthony Modeste unmittelbar nach dem Treffer zum 2:0 erlahmte das Hoffenheimer Angriffspressing, Nachfolger Kenan Karaman, ein junger schmalbrüstiger Kerl, wirkte reichlich überfordert.

Wagen wir also doch eine Erklärung für das Mainzer "Wendewunder": Ein überragender Torhüter Loris Karius, viel Glück, eine vom Rückrundenflow gespeiste Comeback-Mentalität, Abschlussqualität - und eine unvermittelt physisch und emotional wegbrechende Hoffenheimer Elf.