Rehbergs Analyse: Mainz 05 elektrisiert Fans mit Leidenschaft...

Jubel nach dem zweiten Treffer gegen Schalke 04: Stefan Bell (Mitte) mit (v.l.n.r.) Shinji Okazaki, Ja-Cheol Koo und Yunus Malli. Foto: Harald Kaster

Bei fast allen Messwerten schnitten die Spieler von Schalke 04 am Freitagabend besser ab als die von Mainz 05. Und doch erkämpfte und erarbeitete sich das Team von Trainer...

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. Wer weiß, wofür dieser Abstiegskampf 2015 gut war. Vier Spieltage vor Saisonende verbietet sich eine Tiefenanalyse. Wir halten aber schon mal fest nach dem 2:0 der 05er am Freitagabend in der Coface Arena: Diese zugespitzte Situation im Tabellenkeller, diese Anspannung, diese nervliche Belastung, nach vielen Jahren mal wieder ernsthaft bangen zu müssen um das, woran man sich gewöhnt hat, hat den Klub und seine Anhänger wieder näher zusammengeführt, hat den Klub seinen eigenen Wurzeln wieder näher gebracht.

Eine spontane Nichtabstiegsparty wie nach dem Sieg gegen den FC Schalke 04 hat es an diesem Standort lange nicht mehr gegeben. Obwohl strenge Mathematiklehrer den Freunden der Wahrscheinlichkeitslehre im Fußball noch Spurenelemente von rechnerischen Restzweifeln vorhalten, der Druck musste raus aus dem Dampfkochtopf. Auf dem der Deckel doch arg geklappert hat in den vergangenen Wochen.

Tiefe Erleichterung bei den Nullfünfern

Tiefe Erleichterung machte sich breit nach dem Abpfiff, auf den Rängen und unten auf dem Rasen. Ausgelassene Freude. Die Spieler zelebrierten eine Ehrenrunde durch die Arena. Die Leute sprangen begeistert von ihren Sitzen auf. Gesänge und rhythmisches Klatschen. Und einigen Vorständlern stand das Wasser in den Augen.

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Am Tabellenbild wird man die Gefahr, die über dem Projekt geschwebt hat, am Ende wahrscheinlich gar nicht mehr ablesen können. Doch das Gefühl in Mainz, eine sportlich schwierige Situation und die damit verbundenen Verlustängste gemeinschaftlich gemeistert zu haben, das bleibt. Das sind die Meisterteller und Pokale des FSV Mainz 05. Diese erfolgreiche Rettungsmission hat mal wieder das Bewusstsein geschärft für die sportlichen Grenzen und für das emotionale Potenzial dieses Klubs.

Schalker in fast allen Statistiken vorne

Der Unterschied zwischen den beiden Saisonabschnitten unter Kasper Hjulmand und Martin Schmidt lässt sich gut festmachen an den beiden Spielen gegen Schalke 04. Nach dem Hinspiel lautete eine Überschrift: "Effektiv gegen aktiv 4:1". Die Mainzer hatten in der Veltins-Arena das Spiel gemacht und bestimmt, nahezu sämtliche Messdatenrubriken mit den besseren Zahlen gefüttert, doch Torjäger Klaas Jan Huntelaar beförderte die Kugel für die konternden Schalker drei Mal ins Netz. Hjulmand resümierte nach dem 1:4: Wenn wir weiter diese Statistiken liefern, dann werden wir in der Regel acht von zehn Spielen gewinnen. Eine Fehleinschätzung.

An diesem Freitagabend lagen die Schalker in nahezu sämtlichen Statistiken vorne: 18:11 Torschüsse, 60:40 Prozent Ballbesitz, 51:49 Prozent gewonnene Zweikämpfe und so weiter. Aber die 05er feierten einen 2:0-Sieg. Mit etwas Glück, ja, das auch. Entscheidend aber war die Konzentration auf das, was diesen Klub in dieser Liga am Leben erhält: Arbeit, Physis, Lauf- und Kampfbereitschaft, Leidenschaft, Behauptungswille, kollektive Energie, Zusammenhalt. Elemente, die Hjulmand seiner Idee vom feinen Passfußball untergeordnet hatte. Martin Schmidt hat den 05-Anhängern wieder "ihren" Tempo- und Powerfußball zurückgegeben.

Gerade auch wegen dieser Szenen wird es laut in diesem Stadion. In der 60. Minute stoppte 05-Rechtsaußen Jairo einen Schalker Konterzug über Farfan im eigenen Strafraum nach einem rückwärtigen Sprint über 40 Meter. In der 61. Minute leitete Stefan Bell aus der hinteren Reihe mit einem lang gezogenen Flachpass auf Shinji Okazaki einen Überfallangriff ein, und dann rannte der 05-Innenverteidiger über 50 Meter hinterher, bis in den gegnerischen Strafraum - um sich in der Tiefe anspielbar zu machen. Einfache Aktionen, die mehr Begeisterung entfachen in der (inzwischen wieder voll besetzten) Arena als Ansätze von bemühter Spielkunst.

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Gnadenlos arbeiten, aufwändig verteidigen

Zwei überragende Rettungstaten von Keeper Loris Karius bewahrten die 05er in den ersten vier Spielminuten vor einem Rückstand. Nach 20 Minuten lagen die erstaunlich offensiv gestarteten Schalker bei 6:0 Torschüssen. Die 05er fanden keine Umschalträume und keine spielerischen Mittel gegen die beiden sich in der defensiven Umschaltung schnell formierenden, sehr eng verschiebenden Viererketten, die Roberto di Matteo installiert hatte. Aber die 05er verloren nicht die Zuversicht. Die Mentalität in der Mannschaft war zu spüren: Gnadenlos arbeiten, mit hohem Aufwand verteidigen - die Chancen werden kommen.

Zwei Eckbälle, zwei prächtige Tore von Stefan Bell - und binnen drei Minuten zwischen der 28. und 31. Minute hatten die effektiven 05-Malocher den Ballbesitz-Schalkern das Genick gebrochen. Ab diesem Zeitpunkt waren die 05er die bessere Mannschaft. S04 versuchte es nach der Pause mit Angriffspressing, das eröffnete den 05ern die gewünschten Konterräume. Ja-Cheol Koo traf vor dem leeren Tor noch die Latte, Johannes Geis mit seinem zweiten perfekt gezirkelten Freistoß den Außenpfosten. In der Schlussphase verbuchten auch die Gäste noch zwei Lattentreffer und eine riesige Kopfballchance für Klaas Jan Huntelaar. Sehr spät, zu spät.

Da tönten längst wüste Sprechchöre aus dem Schalker Fanblock. "Wir wollen euch kämpfen sehen." Und: "Scheiß-Millionäre." Was den durchaus bemühten Comebackversuchen der Ruhrpottler nicht ganz gerecht wurde. Es gibt nun mal diese Konstellationen: Das Momentum liegt auf Seiten der mental stärkeren und emotional wilderen Abstiegskämpfer.

Das war der Unterschied zwischen jenem Duell am 13. Spieltag in Gelsenkirchen und diesem Duell in Mainz am 30. Spieltag. "Olé, olé Fiesta, Fiesta hier am Rhein", sangen die 05-Fans. Auf dem Zaun dirigierte Stefan Bell die euphorisierte Menge: Der zur tragenden Persönlichkeit gereifte Premium-Abwehrspieler aus der eigenen Nachwuchsabteilung, der mit den Mainzer Bundesligatreffern 399 und 400 die Abstiegssorgen vertrieben hat, war der Held des Abends.

Zuschauer elektrisiert

Zweifellos können (und sollten) die 05-Profis irgendwann wieder besser Fußball spielen als beim 3:2 in Freiburg und beim 2:0 gegen Schalke. Aber Fußball leidenschaftlich, willensstark und als Gemeinschaft arbeiten, das ist eben auch Qualität. Und bringt Ergebnisse. Und elektrisiert die Zuschauer. Das war gefragt in diesem Abstiegskampf. Martin Schmidt und seine Mannschaft haben geliefert.

Und Stefan Bell, das hat er angekündigt, sucht sich an diesem Samstag einen überdachten Garten, in dem er ganz entspannt "als normaler Fußballfan" die Livekonferenz der restlichen Bundesligaspiele anschauen wird. Die Abstiegskampfkonferenz am letzten Spieltag wird ohne die 05er ablaufen. Die fahren zur Meisterfeier des FC Bayern München in der Allianz Arena als ein Kontrahent, der seinen Auftrag erledigt hat.

Jetzt kommt der HSV

Europapokalambitionen verwies Martin Schmidt in das Reich der Fastnachtsfabeln. Dennoch, der 05-Trainer bleibt ehrgeizig, und das wird er seinen Spielern auch genau so vermitteln. Der Hamburger SV kreuzt am 3. Mai in Mainz auf. Das soll erneut ein typisches 05-Kampferlebnis werden. In der atmosphärisch neu belebten Coface Arena. Auch dafür war dieser Abstiegskampf gut.

P.S. Dass der torarme HSV interessiert sein soll an Stefan Bell, als Verstärkung auf der Mittelstürmerposition, das ist nur ein Gerücht - das ein frustrierter Journalist aus Hamburg am Freitagabend im Medienblock streute.