Rehbergs Analyse: Kein Mittel gegen Stuttgarts Kampf in...

Auch Jairo hatte einen schweren Stand gegen die Stutgarter Serey Dié und Florian Klein. Foto: dpa

Gegen das energische Aufbäumen des VfB Stuttgart in höchster Not hat Mainz 05 am Samstag kein Mittel gefunden, die Kraftreserven nicht so mobilisieren können wie der weiter...

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. Auch das war wieder ein Kapitel aus dem Lehrbuch "Die 10 Gebote im Abstiegskampf": Eine Mannschaft, der das Sumpfgewässer bereits zu den Nasenlöchern hereintröpfelt, kann im finalen Rettungskampf sehr gefährlich sein. In diesen Notmomenten finden Spieler und Gemeinschaften manchmal jene Kraftreserven, die an Energie, Konzentration und Konsequenz im Handeln nicht mehr zu überbieten sind. Dann kann es passieren, dass der in der Tabelle weit weniger bedrohte Gegner rechtschaffen engagiert dagegen hält, bei nahezu jeder Aktion aber spürt: Diese radikale Intensität im Spiel bekommen wir heute nicht mobilisiert.

Das haben die 05er erlebt beim 0:2 in Stuttgart. Niemand kann den Vorwurf erheben, die Elf von Martin Schmidt hätte eine zu lasche Einstellung an den Tag gelegt, hätte die Saison gemütlich ausklingen lassen im sonnigen Daimler-Stadion. Die Mainzer haben sich gewehrt. Aber den Notfallknopf haben sie nicht gedrückt bekommen. Der VfB schon. Mit einer Entschlossenheit, die von dem Gedanken beseelt war: Letzte Chance - wenn wir diese Tür heute nicht geknackt bekommen, dann bleiben die restlichen beiden Türen für uns auch verschlossen, das Aus, alles vorbei. Ein ähnlich starkes Thema hatten die 05er nicht am Start.

Stevens hat für Kämpfer-Mentalität gesorgt

Huub Stevens kann für sich verbuchen, dass er es geschafft hat, am Tag X diese Mentalität zu erzeugen, ohne seine Spieler in dieser "Do-or-die"-Situation (Mach es, oder stirb!) in die Übermotivation und damit in die Verkrampfung zu manövrieren. Das ist eine Leistung. Martin Schmidt hat früh erkannt, auf welcher Ebene diese Partie sich entscheiden würde: Nach gut 20 Minuten sprang der 05-Trainer an der Seitenlinie umher, klopfte sich mit der flachen Hand aufs Herz und mit der anderen Hand auf die Brust und dann reckte er beide Fäuste in die Luft. Womit er seinen Spielern signalisieren wollte: Seid emotional, seid mutig, Brust raus, zeigt Überzeugung, wehrt euch noch selbstbewusster!

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Die 05-Profis haben es nach bestem Wissen und Gewissen versucht. Doch der VfB in seinem Notprogrammmodus war wilder, leidenschaftlicher, konsequenter. Im Gegenpressing, in der Verhinderung von Konterüberfällen auch härter. Bis an die Grenzen der Regelauslegung. Der Schiedsrichter hat diese Gangart akzeptiert. Die 05er haben davon früher auch schon profitiert, etwa in einigen dieser krassen Außenseiterspielen gegen den FC Bayern München in der Ära Thomas Tuchel.

Good on paper, shit on grass!

Auch mit Taktik war diesem Kampf-VfB nicht beizukommen. Dabei war wieder mal erkennbar, dass die Wahl der Grundordnung nicht der entscheidende Faktor ist. Das Gerüst mag tauglich sein, es kommt aber immer darauf an, was die Spieler auf ihren Positionen daraus machen. An diesem Tag nicht genug. Da war das 4-3-3 gegen den Ball und das 4-4-2 mit Raute im Mittelfeld bei eigenem Ballbesitz bis zur Pause. Keine schlechte Idee. Immer drei Sechser im Mittelfeld hinter einer Blockadereihe mit schnellen Spitzen, die der Spieleröffnung des Gegners in breiter Front die Passwege zulaufen. Nach der Balleroberung sollte über den Umschaltzehner Yunus Malli und zwei breit operierende Angreifer, Shinji Okazaki und Jairo, die schnelle Umkehrbewegung organisiert werden.

Wenn ein Spruch von Kasper Hjulmand überlebt hat, dann dieser: Good on paper, shit on grass! Zu deutsch: Gut auf dem Papier, nicht gut auf dem Rasen. Der fanatische Stuttgarter Seray Dié fraß Malli nahezu alle Bälle weg. Auch Okazaki und Jairo schafften keine Ballbehauptungen. Überhaupt lebte der VfB von seiner Zweikampfschärfe. Da hielten Johannes Geis, Julian Baumgartlinger und Christoph Moritz nicht mit; Letzterer hatte nach seiner langen Verletzungspause auch noch gar nicht die nötige Wettkampfhärte für eine Partie nach diesem Zuschnitt. Mit der Raute bekommt man zuweilen die Seiten nicht schnell genug verdichtet, der VfB nutzte nach seinen vielen Balleroberungen diese Räume an den Flügeln. Nicht dramatisch gefährlich. Aber das Führungstor lag in der Luft.

Individuelle Leistungen auch nach der Pause nicht besser

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Im flachen 4-4-2 gegen den Ball und im 4-2-3-1 im eigenen Ballbesitz nach der Pause wurde es nicht wesentlich besser. Weil die individuellen Leistungen der 05er nicht besser wurden. Das galt auch für den für Moritz eingewechselten Ja-Cheol Koo. Dass beim für die Stuttgarter erlösenden 1:0 dann mit Keeper Loris Karius der überragende Mainzer der vergangenen Wochen seine Hände im Spiel hatte, das kam noch erschwerend hinzu. Kein Vorwurf, Karius hat seinem Team die befreienden Siege in Augsburg und Freiburg gerettet. Aber dieser 34-Meter-Flatterball des überragenden Daniel Didavi war natürlich haltbar. Das 2:0 komplettierte nur noch das Ergebnis.

Am Ende hatten die Mainzer einen einzigen nennenswerten Torschuss auf dem Papier, es war der erste Ballkontakt des gerade eingewechselten Pablo de Blasis. Mehr als ein 0:0 wäre nie drin gewesen in Stuttgart. Das 0:0 wäre möglich gewesen, weil die Innenverteidiger Nikolce Noveski und Niko Bungert sehr konzentriert sehr viel wegräumten. Aber das war an diesem Tag zu wenig an Qualität. Die Stuttgarter haben Herz und Härte gepaart mit Geduld, Verstand und dem verdienten Glück beim Führungstor.

Am kommenden Samstag kommt der HSV in die Daimler-Arena. Da prallen zwei Mannschaften aufeinander, die sich im Abstiegskampfmodus befinden. Die 05er haben es diesmal nicht geschafft, sich diese Notfallmentalität künstlich einzureden.