Rehbergs Analyse: Fußball ohne Strafraumgetöse

Mainzer Spieler beim Jubeln. Foto: dpa

Gut eine Stunde vor Mitternacht eilte Adam Szalai in den Katakomben der Coface Arena frisch geduscht in Richtung Mainzer Kabine. Dort gab es ein großes Hallo. Die ehemaligen...

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. Kurz flammte bei zwei, drei Journalisten der Gedanke auf: Bei diesem zähen Ballbesitz-0:0 gegen die TSG Hoffenheim am Freitagabend hätten die 05er ihren einstigen Torjäger mit der Statur eines kräftigen Basketballcenters gut gebrauchen können, für den Konterfußball der Gäste war der in der 67. Minute eingewechselte Hüne überhaupt nicht der richtige Mann. Doch dann stellte sich schnell die Erkenntnis ein: Alles nur Theorie, unter dem Ballbesitzliebhaber Thomas Tuchel und mit "Schallei" (die Mainzer Mundartversion) im Angriffszentrum haben sich die Mainzer ähnlich verkopfte Spiele abgerungen. Passorgien ohne die nötige Zielstrebigkeit, ohne Wucht, ohne Tempo, phasenweise ohne Raumgewinn und geprägt von vielen fehlerhaften Versuchen in der gegnerischen Hälfte.

Das klingt kritisch, ist aber gar nicht so gemeint. Kasper Hjulmand wollte den - in einem engmaschigen 4-4-2 verteidigenden - Gegner mit ausgeprägter Ballzirkulation öffnen, die Mainzer Mannschaft sollte sich die Räume nicht erpressen, sondern mit schnellen Passfolgen und Seitenverlagerungen aufspielen. Das ist, und dieser Abend war wieder ein Beweis dafür, die anspruchsvollste Aufgabe, die es im Fußball gibt. Das können in der Bundesliga eigentlich nur Pep Guardiolas Bayern - und selbst die nicht immer. Das sieht an der Taktiktafel sicher perfekt aus, das ist zweifellos ein guter Plan, aber wenn statt Magnetknöpfen ein lebendiger Gegner dazukommt, der etwas von enger Blockverteidigung versteht, dann kann das in der Praxis verdammt schwierig werden, zuweilen statisch, ereignisarm, ja, auch mit Anflügen von Eintönigkeit.

Fußball ohne Strafraumgetöse, das reißt die Menschen nicht von den Sitzen. Aber, und das gilt es positiv zu vermerken: Die 05-Profis kamen tatsächlich nur ganz selten in die Nähe der gegnerischen Hütte - aber sie tappten den Hoffenheimern nicht in die Konterfalle. Also, und immerhin: kein Gegentor, 0:0, die Hjulmand-Elf ist auch nach dem 6. Spieltag noch ungeschlagen.

Eine Mischung aus 4-4-2 mit Mittelfeldraute und 4-3-3

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Der 05-Coach hatte als Grundordnung eine Mischung aus 4-4-2 mit Mittelfeldraute und 4-3-3 erdacht. Allerdings nicht mit breiten Außenstürmern, sondern mit Jonas Hofmann und Sami Allagui in zentraleren Angriffszonen und mit Filip Djuricic, der pendeln sollte zwischen der Mittelstürmer- und der Zehnerposition, Fachleute nennen das einen "falschen Neuner". Die Flügel sollten offen bleiben für die nachrückenden Offensivverteidiger Daniel Brosinski und Junior Diaz. Die Idee war gut, auch erkennbar. Aber die mit wenig Risikobereitschaft angetretenen Gäste hielten ihren Laden mit unermüdlicher Laufbereitschaft und taktischer Disziplin dicht.

Und Konterspiel ist einfacher als Ballbesitzangriffe. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die TSG am Ende mit ihren Blitzausflügen in die gegnerische Hälfte in dieser an Torszenen armen Partie sogar einen leichten Chancenvorteil hatte. Aber insgesamt haben die 05er den auf offensive Umschaltüberfälle lauernden Gegner um den gefährlichen Einfädler Roberto Firmino mit einer konzentrierten und gut organisierten Defensivleistung bis auf wenige Ausnahmen neutralisiert. Auch das ist eine Qualität.

Die 05er suchten vergeblich den Schlüssel, der in das massive Vorhängeschloss am gegnerischen Strafraum gepasst hätte. Hofmann und Allgui fanden nicht die Wege in die Lücken zwischen Innen- und Außenverteidiger. Die Seitenverlagerungen auf Brosinski und Diaz hatten zu wenig Druck, zu wenig Tempo, in einigen Szenen verpassten die Mittelfeldspieler auch den richtigen Passmoment, wenn an der Seitenplanke der Kollege den Sprint die Tiefe anzog. Und im Zentrum fehlte Djuricic die Durchschlagskraft, dem zweifellos talentierten Techniker mangelt es noch am nötigen physischen Element in seinem Spiel. Die beste Mainzer Torchance, bezeichnend nach einem schnell und präzise organisierten Gegenkonterzug, versemmelte der Serbe frei vor Keeper Oliver Baumann mit einem zu kunstvoll angelegten Heber. Aus der Ballzirkulation heraus kamen die 05er nie gefährlich in die Tiefe.

Okazaki hat gefehlt

Natürlich hat der verletzte Shinji Okazaki gefehlt. Der unermüdlich rackernde, sich klug bewegende, immer wieder in die Tiefe sprintende Torjäger aus Japan hätte vielleicht das eintönige Angriffsmuster aufgebrochen an diesem Abend. Vielleicht. Wir wissen es nicht. Auch die Einwechselspieler fanden nicht rein in das mühsame Anrennen gegen die gelbe Wand aus Hoffenheim. Joker Jairo bekam keine Sprintgelegenheit gegen die immer tiefer verteidigende TSG-Abwehr. Zehn Minuten vor Schluss versuchte es Hjulmand noch mit dem Debütanten Pablo de Blasis. Der kleine Argentinier rannte wie aufgedreht, doch ihn erreichten keine verwertbaren Pässe.

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Der Stürmer mit der trommelnden Schrittfrequenz war dennoch zufrieden. "Die Einwechslung zeigt mir, dass der Trainer mir Vertrauen schenkt", erklärte De Blasis nach dem Abpfiff. Alles sei neu für ihn im Vergleich zu seiner Zeit im griechischen Tripolis, das Spieltempo, die taktischen Feinheiten, die großen Arenen. Aber er habe sich diesen Einsatz jetzt zugetraut. Der Überraschungseffekt, den Jairo bei seinem Topdebüt gegen Borussia Dortmund geliefert hatte, blieb diesmal aus. Die Hoffenheimer machten im Abwehrverhalten keinen Fehler. Auch nicht Eugen Polanski, der Ex-05er, der am Rande der Gelb-Roten Karte wandelte, der aber mit seiner Routine als defensiver Mittelfeldorganisator unbeschadet über die Runden kam.

Als Adam Szalai durch die Mainzer Kabinentür schritt, da verließ Polanski gerade die ehemaligen Kollegen. Unterm Arm ein erbeutetes 05-Trikot. Polanski hatte an diesem Abend eine bessere Passquote als seine Gegenspieler im Mittelfeldzentrum: Julian Baumgartlinger und Johannes Geis hinterließen in den 90 Minuten den Eindruck, dass die englische Woche doch leicht an der Substanz genagt hat. Die neun Tage Erholungs- und Vorbereitungszeit bis zur kniffligen Partie in Mönchengladbach werden allen 05-Profis gut tun.