Rehbergs Analyse: Fette Torchancen, aber nichts getroffen -...

Trainer Martin Schmidt ist jetzt auch als Seelendoktor gefragt. Archivfoto: dpa

Bezogen auf das Zustandekommen von Ergebnissen ist Fußball häufig ein merkwürdiges Spiel. Da kommt es vor, dass man sich eine sehr ordentliche bis gute Leistung konstatieren...

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. Bezogen auf das Zustandekommen von Ergebnissen ist Fußball häufig ein merkwürdiges Spiel. Da kommt es vor, dass man sich eine sehr ordentliche bis gute Leistung konstatieren darf, und man tritt nach einem mit viel Herzblut betriebenen Riesenaufwand die Heimfahrt mit einem gähnend leeren Beutel an. Das ist den 05ern in Hoffenheim passiert. Fette Torchancen wie in keiner anderen Auswärtspartie zuvor, aber nichts getroffen, nichts auf dem Konto. Wenn man sich in Erinnerung ruft, wie diese Mannschaft in der Vorrunde quasi ohne nennenswerte Präsenz im Strafraum des Gegners bei Spitzenklubs wie Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen jeweils einen Glückspunkt geklaut hatte, dann ist die Fassungslosigkeit der Spieler ob der Niederlage im Kraichgau nachvollziehbar.

Martin Schmidt ist, bildlich gesprochen, auf dem Weg, aus einem technisch feinen Streichorchester wieder eine wilde und lärmende Rockband zu machen. Aber auch die braucht für eine gelungene Veranstaltung: Tore. Die 05er haben Alarm gemacht, sie haben lange den Takt bestimmt, sie sind gerannt, sie haben Zweikämpfe gewonnen, sie haben konsequent verteidigt, sie haben nach aktiven Balleroberungen einige schnelle Umschaltzüge abgefeuert. Aber sie haben die Kugel nicht über die Linie gebracht.

Die 05er haben in Hoffenheim vier exzellente Führungschancen vergeigt

Shinji Okazaki, Yunus Malli und zweimal Christian Clemens standen zwischen der 16. und 47. Minute in guten Positionen mit freiem Schussbein vor dem gegnerischen Torhüter. Mehr bekommt man auswärts in der Regel nicht. Nicht mal die Bayern hatten kurz vor Weihnachten bei ihrem 2:1 in Mainz diese Chancendichte und diese Chancengüte. Die 05er haben in Hoffenheim vier exzellente Führungschancen vergeigt.

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Die TSG kam trotz flotter Anfangsminuten bis zur Pause überhaupt nicht rein in die Partie, weder mit Kombinationen noch mit Kontern noch mit Pressing- oder Gegenpressingattacken. Die Mainzer Sechser Johannes Geis und Joo-Ho Park dominierten das Mittelfeldzentrum, an den Seiten sprinteten Clemens und Pablo de Blasis die ganz weiten Wege auch nach hinten. Die Abwehrmitte stand sicher. Stefan Bell lief hellwach einige Pässe ab.

Das Geschehen war britisch geprägt, es ging ständig rauf und runter. Der hoch intensive Kampf- und Tempo-Schlagabtausch erinnerte an ein Duell im Tabellenmittelfeld der englischen Premier League. Dabei waren die Mainzer das konstruktivere, das zielstrebigere Team. Der brachiale Hoffenheimer Offensivaufwand endete am Mainzer Strafraum. Firmino, Adam Szalai, Kevin Volland und Sejad Salihovic fanden nicht statt. Abgemeldet. Während die 05er auf der Basis einer starken Vorwärtsverteidigung in einer guten Raumaufteilung immer wieder mit Konteraktionen an den Flügeln durchkamen und auch torgefährlich wurden.

Die Überzeugung ließ ein wenig nach, auch die Aufmerksamkeit in der Defensive

Bis zur 47. Minute. Als Clemens den Torhüter schon getunnelt hatte, die Kugel aber irgendwie doch noch zwischen den Beinen von Oliver Baumann hängen blieb. Die Szene wirkte, als sei das endgültig eine vergebene Chance zu viel gewesen für die Gäste. Die Überzeugung ließ ein wenig nach, auch die Aufmerksamkeit in der Defensive. Das deutete sich schon an bei zwei freien Torchancen für Adam Szalai und Firmino.

Die 55. Minute drehte die Partie dann in eine ganz andere Richtung. Belanglos schenkte Malli tief in der gegnerischen Hälfte ein (zugegeben leicht verunglücktes) Anspiel her, Umkehrbewegung, ein inkonsequenter Klärungsversuch von Pierre Bengtsson im Mittelkreis, eine missglückte Abseitsfalle auf der Mittellinie - und dann rannten drei Hoffenheimer unbedrängt auf Loris Karius zu. Die Vollendung zum 1:0 war keine Kunst mehr. Mit Markus Gisdols taktischer Umstellung in der Pause auf drei Spitzen hatte das gar nichts zu tun. Die 05er erlebten nach der zweiten vergebenen Clemens-Chance einen Spannungsabfall.

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05er kämpften sichtbar um das Comebackmomentum

Gut war die Reaktion der Schmidt-Elf. Die sich sofort wieder aufbäumte, die Angriffe inszenierte, die sichtbar um das Comebackmomentum kämpfte. Die Ergebnischance ging erst flöten, als Eugen Polanski das 2:0 markierte. Klassisch. Schwache Gesamtleistung des Ex-05ers, aber das erste Kopfballtor nach zehn Profijahren. Und abermals war es Bengtsson, der zuvor überhaupt nicht konsequent verteidigt hatte gegen den Flankengeber Andreas Beck. Der 05-Schwede ist ein spiel- und offensivstarker Linksverteidiger mit einer seriösen Arbeitsmentalität, im defensiven Stellungsspiel und in der Zweikampfkonsequenz aber muss er sich dringend steigern.

Viel vorwerfen kann man den 05-Profis nicht. Mangelnde Effizienz in der Offensive, klar, das war das entscheidende Manko. Eine riskante Abseitsfalle auf der Mittellinie nebst schludriger Rettungsaktion, auch das. Ein paar Flugbälle zu viel in unbemannte Zonen hinein, zuweilen aufkommende Hektik im Passspiel, fehlende ruhigere Phasen (nicht jede Balleroberung lässt sich mit einem einzigen Pass zu einem Umschaltüberfall ausbauen), auch das ließe sich kritisch anmerken. Aber wir sprechen hier nicht über den FC Bayern. Für die 05er war das eine gute Auswärtsleistung. Der Weg stimmt. Aber die Situation am Tabellenende wird enger. Da braucht es nun einen langen Atem.

Und Martin Schmidt ist jetzt auch als Seelendoktor gefragt. Ein leidenschaftlicher physischer Aufwand und klare Torchancen ohne Belohnung, das kann mentale/emotionale Kratzer verursachen im Lack. Auch beim vor dem Kasten unglücklichen Christian Clemens. Der unter der Woche noch die Europaliga zum Thema gemacht hatte. Schnell vergessen. Darum kann es nicht gehen. Das Projekt heißt Klassenverbleib. Und da ist es immer misslich, wenn man seine guten Spiele verliert. Und die kommenden Gegner werden nicht einfacher.