Rehbergs Analyse: Die 05er brauchen gegen den VfL ein gutes...

Im Hinspiel der Anfang vom Ende für die 05er: Naldo (rechts) köpft in der 15. Minute das 1:0 für den VfL, die Mainzer Sami Allagui, Johannes Geis, Stefan Bell und Lorius Karius (von links) können ihn nicht daran hindern. Archivfoto: dpa

Von Mailand nach Mainz - doch während gegen Inter Mailand ein wacher Keeper, eine konzentrierte Defensivleistung und die ein oder andere Konterandrohung für einen beinahe...

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. Von Mailand nach Mainz. Mag sein, dass der VfL Wolfsburg vor dem sonntäglichen Gerangel in der Coface Arena mehr Respekt hat als vor dem internationalen Auftritt am vergangenen Donnerstagabend im Guiseppe-Meazza-Stadion. Inter Mailand, das war keine große Europaliga-Prüfung für den Bundesligazweiten. Diego Benaglio durfte durchaus zeigen, dass der VfL auch einen sehr guten Torhüter hat. Aber das wirkte, als hätten die Wolfsburger diesem großen Klub eine Demütigung ersparen wollen, "kommt, ihr dürft auch mal aufs Tor schießen…". Da stand Inter drauf auf der Verpackung, das große schillernde Inter, doch die Spielweise des Teams von Roberto Mancini hob sich (in beiden Spielen) nicht ab vom grauen europäischen Mittelmaß.

Gary Medel, der kleine chilenische Abräumer im Mailänder Mittelfeld, der sich über Jahre mit knüppelharten Streetfighteraktionen auf dem Feld und mit zweifelhaften privaten Eskapaden den Spitznamen "Pitbull" erarbeitet hat, begleitete die Wolfsburger Konter mit der Aggressivität eines Salonpudels. Wahrscheinlich hat 05-Profi Gonzalo Jara seinem Nationalmannschaftskumpel Medel noch an selbigem Abend gefunkt: So billig werden die Wolfsburger in unserem Kampfkäfig nicht davon kommen…

Und das wissen die Wolfsburger auch. In Mailand genügten ein wacher Keeper, eine mal mehr, mal weniger konzentrierte Defensivleistung und die ein oder andere Konterandrohung für einen beinahe mühelosen 2:1-Sieg. Inter versprühte den Charme einer einstmals reichen und gesellschaftlich bedeutenden Adelsfamilie, die außer einem renovierungsbedürftigen Schloss und altem Silberbesteck nichts mehr auf der Naht hat. Für den VfL war das fast ein Spaziergang. Übermäßig gestresst und müde wird die Mannschaft von Dieter Hecking in Mainz nicht auflaufen. Im Gegenteil. Das VW-Ensemble strotzt gerade vor Spaß an der (erfolgreichen) Arbeit und vor Selbstvertrauen.

Kadertiefe gibt VfL-Trainer alle Möglichkeiten

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Die Kadertiefe gibt dem Trainer zudem alle Möglichkeiten, ohne Qualitätsverlust die Startelf zu ändern: Im Meazza-Stadion spielte der Schweizer Riese Timm Klose für den (gesperrten) torgefährlichen Innenverteidiger Naldo, der Dänen-Brecher Nicklas Bendtner kam für den glücklosen Torjäger Bas Dost, der flinke Ivan Perisic kam für Bulldozer Daniel Caliguri, der Techniker Max Arnold kam für den wuseligen Vierinha (der diesmal nicht rechter Verteidiger war sondern Rechtsaußen). Arnold lieferte die Vorlage, Bendtner schoss das Siegtor. Der leichtfüßige Raumdeuter Kevin de Bruyne, Bundesliga-Scorerkönig mit neun Toren und 16 (!) Vorlagen, bereitete das 1:0 vor mit einem brillanten No-look-Querpass, ansonsten lief der Belgier vorne unverdrossen und taktisch diszipliniert die Spieleröffnung von Inter an. Und der "Mainzer" Weltmeister André Schürrle saß 90 Minuten auf der Bank. Eine feine Auswahl.

In einem offenen Schlagabtausch werden die 05er diesen reifen VfL eher nicht bezwingen können. Martin Schmidt wird an einem typischen Außenseiter-Konzept basteln: Engmaschige Blockstellung in der Defensive, Zweikämpfe suchen, finden und giftig führen, Konter blocken, de Bruyne in einen Irrgarten mit verstopften Auswegen locken, Bälle erobern, mit kurzen Ballkontaktzeiten Linien überspielen und im Sprinttempo Umschaltüberfälle organisieren. Ein unrhythmisches Kampfspiel provozieren, den Gegner nerven und ständig unter Druck setzen auf Ballhöhe. Wenn es den Wolfsburgern dann so richtig schwer fällt, um jeden Quadratzentimeter an bespielbarer Rasenfläche ringen zu müssen, wenn der Favorit, der ja schon neun Punkte Vorsprung hat vor dem Tabellendritten, sehr viel laufen, intensiv arbeiten, sich körperlich und mental quälen muss, dann kann sich eine Ergebnischance ergeben für die 05er.

Ausfälle von Hofmann und Clemens

Die Ausfälle der Konterstürmer Jonas Hofmann und Christian Clemens tun dem 05-Coach weh. Aber das lässt sich mit der guten Form von Shinji Okazaki und Pablo de Blasis kompensieren, auch mit der inzwischen wieder sichtbaren Klasse von Ja-Cheol Koo. Der Koreaner, der sich freuen wird auf das Duell mit seinem Ex-Klub, kann mit seinen flinken Bewegungen und mit seiner Ballsicherheit in hohem Tempo eine Waffe sein im offensiven Umkehrspiel.

André Schürrle? Im Trikot von Bayer Leverkusen wirkte der in Ludwigshafen geborene Tempodribbler bei seinen Auftritten in Mainz immer gehemmt. Da spielte er allerdings immer gegen seinen großen Förderer Thomas Tuchel. Das mag heute anders sein. Aber der Weltmeister, der Mario Götze den historischen 1:0-Siegtreffer im Finale gegen Argentinien aufgelegt hat, ringt um Form, er ringt nach der schwierigen Zeit beim FC Chelsea unter dem eigenwilligen Jose Mourinho um die alte Selbstverständlichkeit in seinen Offensivaktionen.

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Sollte der 24-Jährige seine Chance bekommen, dann darf man sich freuen auf die Duelle mit Stefan Bell, der 2009 05-Teamkollege war beim Gewinn der Deutschen U19-Meisterschaft mit dem jungen Trainer Tuchel. Das 2:1-Siegtor im Finale am Bruchweg gegen Borussia Dortmund (mit dem 1:0-Torschützen Mario Götze) erzielte damals ein gewisser Robin Mertinitz. Ein kleiner bulliger Mittelstürmer, der im Ligabetrieb mit 16 Treffern zwei Tore vor Schürrle lag. Mertinitz kickt heute beim FK Pirmasens.